Scharia

Vor dem Kadi

An der Hauptstraße steht ein hoher Pfosten mit Wegweisern. Die Farbe ist abgeblättert, die Schrift von der prallen Sonne verblasst. Doch die Namen sind noch gut zu lesen: Nach Moskau geht’s rechts herum, geradeaus nach Kopenhagen und links nach New York. Berit Kessler würde jede Route nehmen. Egal wohin, Hauptsache weg von hier. Ihre Realität aber ist Kiriat Gat, eine schmucklose Kleinstadt im südlichen Israel. Hier sitzt sie fest.
Vor 13 Jahren verliebte sich die Deutsche in einen Beduinen aus der Negevwüste, heiratete, bekam Kinder mit ihm. Was anmutet wie ein romantisches Abenteuer mit einem Hauch Wagemut, endete nicht nur im persönlichen Desaster für sie und ihre Söhne, sondern auch vor dem Kadi. Weil Berit zum Islam übergetreten ist, gilt für sie die Scharia, das Religionsgesetz der Muslime – mitten im jüdischen Staat.

anerkannt Auf israelischem Boden werden keine Steinigungen durchgeführt, auch wird niemand ausgepeitscht. Dennoch gelten in bestimmten Bereichen ausschließlich die Gesetze des Islam. Es gibt keine Trennung von Staat und Religion, in vielen Familienangelegenheiten, vor allem bei Heirat und Scheidung, liegt die Zuständigkeit allein bei den geistigen Oberhäuptern. Das betrifft alle Bewohner Israels, auch Muslime, Drusen und Christen. Jede dieser Gruppen hat ihre Gerichtsbarkeit. Für Juden gilt die Halacha, für Muslime die Scharia, die in eigens dafür geschaffenen Gerichten verhandelt wird. Sie ist in Israel nicht nur offiziell anerkannt in allem, was muslimische Familienbelange betrifft – die Richter, genannt Kadis, werden zudem von einem Knessetkomitee bestimmt und vom Staat bezahlt.
Das System hat seinen Ursprung 1917 während der osmanischen Zeit und ist von den Briten während des Mandats übernommen worden. Allen anerkannten religiösen Gruppen wurde damals erlaubt, bei Angelegenheiten wie Heirat, Scheidung, Erbe und Adoption vor ihre eigenen Gerichte zu ziehen. Viele meinen, es sei liberal, jeder religiösen Gruppe ihre Jurisdiktion zuzusprechen, sagt Hamutal Gat, An‐ wältin und Expertin für das Scharia‐Recht, »doch eigentlich ging es nur darum, dass sich niemand mit den komplexen Details der Religionen beschäftigen wollte. Also wurde gesagt: Macht ihr das mal unter euch aus.« Nach der Staatsgründung 1948 bestand das Recht weiter. Per Gesetz haben die Scharia‐Gerichte denselben Status wie die rabbinischen. Für Christen existieren private kirchliche Gerichte, deren Entscheidungen de facto anerkannt werden.

angst Die 32‐jährige Berit ist eine hübsche Frau mit wachen Augen und einem zarten Lächeln. Wenn sie es denn zeigt. Geboren wurde sie in Jena, der Vater ist tot, die Beziehung zur Mutter schwierig. Oft schildert Berit ihr Schicksal fast mechanisch. Kalt ist es in der Wohnung, für eine Heizung fehlt das Geld. Wie für so vieles andere auch. Also zieht sich Berit einen Mantel über und wärmt ihre Finger an der Tasse löslichem Cappuccino, den sie gerade aufgebrüht hat. Sie holt drei Fotoalben aus dem Schlafzimmer, schlägt sie auf. In knallgelben Latzhosen fahren zwei lachende Kinder auf einem Karussell. »Mein Mittlerer und mein Kleiner«, sagt Berit und streicht über das Bild. Auf einem anderen Foto hält ein Kind ein Baby im Arm und freut sich mit blitzenden Augen des Lebens. »Und da ist der Große mit seinem kleinen Bruder. So sahen meine Jungs aus, als sie noch bei mir waren.«
Mittlerweile sind die beiden größeren Söhne acht und sechs Jahre alt – und nicht mehr bei ihr. Ein Scharia‐Gericht sprach dem Vater das Sorgerecht zu, ohne dass sie selbst als Mutter dazu gehört worden wäre, erzählt Berit. Nur der Vierjährige lebt noch bei ihr. Doch auch für ihn hat der Vater das Sorgerecht. »Er könnte ihn jederzeit abholen«, sagt die junge Mutter, »vielleicht hat er kein Interesse an ihm, weil er kein Arabisch spricht oder weil er noch recht jung ist.« Die Angst, dass auch das kleinste Kind auf einmal fort sein könnte, ist ständig da. Dass es wieder so wird wie damals, im Mai 2008. Als sie ihre anderen Kinder verlor, die der Vater auf dem Nachhauseweg vom Spielplatz entführte.
Ihren Anfang nahm Berits Israel‐Geschichte 1996 im Kibbuz Ein Gedi am Toten Meer. Hier traf sie einen beduinischen Mann, der in der Tourismusbranche arbeitete und »sich überhaupt nicht von den modernen Juden unterschied. Er war kosmopolitisch, hatte in London gelebt und machte sich über Polygamie in seiner Gesellschaft lustig.« Die beiden verliebten sich. Nach einem Jahr flog sie nach Deutschland zurück, begann ein Studium in Trier. Vier Jahre Fernbeziehung folgten, bis Berit 2000 in Deutschland bemerkte, dass sie schwanger war. »Zuerst wollte er das Kind nicht, aber letztlich akzeptierte er es.« Ein Jahr später reiste Berit mit ihrem neugeborenen Sohn nach Israel. Um von der Sippe akzeptiert zu werden, heiratete die damals 24‐Jährige den Beduinen in der Wüste und trat vorher zum Islam über. »Ich habe die Religion aber nie gelebt, was mit meinem Ex so ausgemacht war«, sagt sie, »es war rein der Form halber.«
Was so schön werden sollte, wurde zur Hölle. Die Wohnung in der Wüstenstadt Mizpe Ramon war mehr Loch denn Heim, der Ehemann entweder abwesend oder gewalttätig. Als Berit, mittlerweile zum zweiten Mal schwanger, herausfand, dass er noch mit einer anderen Frau verheiratet war, verlangte sie die Scheidung. Dann aber kippte die Stimmung im Hause gänzlich. Nachdem der Sohn geboren war, wurden die Übergriffe immer schlimmer. Schließlich habe ihr Mann gedroht, sie umzubringen. Berit flüchtete mit den Kindern ins Frauenhaus. Daraufhin lenkte er ein, wollte ihr die Wohnung überlassen und die Kinder nur ab und zu sehen.
Nach sechs Wochen Frauenhaus sagte sie zu. Doch kaum kehrte die junge Frau zurück, war auch die Gewalt wieder da. »Die ganze Sippe hat mich rund um die Uhr überwacht, mein Ex‐Mann schlug und vergewaltigte mich mehrfach. So wurde ich schwanger mit meinem dritten Sohn.« Mehrfach zeigte Berit ihren Mann an. Doch die Polizisten hätten nach Beweisen gefragt, ob sie die Vergewaltigungen auf Video aufgenommen habe.
Polygamie ist in Israel illegal, dennoch ist sie bei den Beduinen in der Negevwüste weit verbreitet. Offizielle Zahlen liegen nicht vor, da viele Heiraten lediglich vor zwei Zeugen im Zelt abgehalten werden und nicht in den zivilen Registern vermerkt sind. Experten gehen davon aus, dass ein Viertel bis die Hälfte aller Männer der 180.000 israelischen Beduinen mehrere Frauen haben.
»Ein komplizierter Fall«, erklärt Berits neue Rechtsanwältin Irit Gazith von der Organisation WIZO, die sich unentgeltlich um die rechtlichen Belange der Deutschen kümmert. Zum einen wisse man nicht genau, ob Berit überhaupt verheiratet sei, weil sie im israelischen Innenministerium nicht als solche registriert ist, zum anderen seien Sprachprobleme oft ein Hindernis. Berit spricht kein Arabisch, kaum Hebräisch, und auch ihr Englisch reicht für die oft schwierigen Verfahren nicht aus. Hinzu komme, dass sich der Vater nicht an die Gerichtsentscheide halte und die beiden Kinder von ihrer Mutter mittlerweile völlig entfremdet seien.
Der Kadi hat festgelegt, dass Berit ihre Söhne zweimal wöchentlich in einem Wohlfahrtszentrum zusammen mit Sozialarbeitern sehen darf. In der Vergangenheit verliefen diese Treffen allerdings katastrophal. Die Jungs schlugen und bespuckten ihre Mutter, wie Filmaufnahmen zeigen. Mittlerweile bringt der Vater die Kinder nicht mehr. Drei Monate hat Berit ihre Söhne nicht gesehen. Wo sie leben, weiß sie nicht. Vielleicht in einem Zelt der Sippe irgendwo in der Wüste. Der zuständige Sozialarbeiter, vom Kadi bestimmt, schweigt. Gespräche mit der Presse lehnt er ab.
Wenn Berit über die Treffen mit ihren Kindern erzählt, wird die Stimme kämpferisch: »Mein Ex‐Mann hetzt sie gegen mich auf, erzählt ihnen, alle helläugigen Menschen seien böse Geister. Er unterzieht sie einer regelrechten Gehirnwäsche.« Sie ist sicher, dass ihre Söhne unter Eltern‐Kind‐Entfremdung leiden. Mittlerweile sind einige Sozialarbeiter davon überzeugt, dass der Vater die Kinder manipuliert.
Berit erhebt zudem Vorwürfe der körperlichen und seelischen Misshandlung der Kinder durch ihren Mann sowie dessen andere Frau. Außerdem glaubt sie, dass ein Onkel zumindest einen Jungen sexuell missbraucht. Alles hat sie zur Anzeige bei der Polizei gebracht – sämtliche Akten wurden geschlossen, oder es wurden erst gar keine eröffnet. Nicht ein einziges Mal sei ihr geholfen worden. Die Anwältin: »Entweder gab es Sprachprobleme oder Berits Mann hat dort gehörigen Einfluss.«
Berit selbst ist von Letzterem überzeugt. »Die Angst vor den Beduinen ist groß«, sagt sie. Auch an die Erfahrungen vor dem Kadi erinnert sie sich mit Schrecken: »Ich wurde vor Gericht nur runtergemacht. Als Frau hatte ich keine Chance, noch dazu als Ausländerin. Zudem bin ich meist gar nicht informiert worden, wenn verhandelt wurde, sogar von meinem Scheidungstermin habe ich nichts erfahren. Obwohl sich mein Ex an keine Abmachung hält und keinen Unterhalt zahlt, wird alles gegen mich ausgelegt.« Mithilfe der deutschen Botschaft in Tel Aviv bekommt sie Sozialhilfe aus Deutschland. Um sich etwas hinzuzu‐ verdienen, näht sie Babytragen, die sie in Israel und im Internet verkauft. Dennoch reicht das Geld kaum zum Leben.

rechtsprechung Gibt es überhaupt Hoffnung, dass Berit ihre beiden Kinder je wiederbekommt? »Ja, die habe ich, sonst hätte ich mich der Sache nicht angenommen«, sagt Gazith. »Wir versuchen jetzt alles, um den Fall vom Scharia‐Gericht vor ein ziviles Gericht zu verlegen.« Das aber ist schwierig, sagt Expertin Gat: »Im israelischen Recht gilt, dass vor dem Gericht verhandelt wird, an dem eine der beiden Parteien zuerst einen Antrag stellt.« Da Berits Mann vor das Scharia‐Gericht zog, als sie im Frauenhaus war und dort keinen Anwalt kontaktieren konnte, ist der Kadi zuständig. »Diese Art von Rechtswesen birgt enorme Probleme«, sagt Gat. »In den meisten westlichen Staaten gibt es eine zivile Rechtsprechung, in vielen muslimischen Ländern eine rein religiöse. Ob es einem gefällt oder nicht: Man weiß, woran man ist. Hier in Israel aber existieren zwei Systeme nebeneinander, die sich mit demselben Problem beschäftigen können.«
Der Cappuccino in der Tasse ist kalt geworden. Berits Finger zittern, als sie im Album blättert. Mit etwas mehr Glück, in einer anderen Umgebung, hätte aus ihr eine Fotografin werden können, ihre Bilder sind voller Farben, Leben, manchmal Poesie. Aber in Kiriat Gat interessiert sich niemand für Fotos. In der verschlafenen Stadt, die fast jedes Jahr die Arbeitslosenstatistik anführt, geht es ums tägliche Überleben. Auch für Berit. »Ich weiß ja nicht einmal, was morgen sein wird. Kann ich die nächste Rechnung bezahlen? Bleibe ich hier oder gehe ich wieder ins Frauenhaus? Wo werden meine Kinder sein?« Einzig ihr kleiner Sohn gibt noch Halt. »Aber ich werde um meine Kinder kämpfen«, sagt sie fast trotzig und schließt die Hände fester um die Tasse. »Bis zum Ende.«

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