Dresdner Gemeinde

Volles Haus

von Siiri Klose

Das Ehepaar Anusiewicz hat jetzt keine Zeit für Auskünfte. Es betreibt das Café Schoschana im Gemeindehaus an der Dresdner Synagoge, und beide haben alle Hände voll mit den Überresten des Lunches zu tun, den sie mittags für alle ausgerichtet hatten, die sich für koschere Küche interessierten. Gemessen an dem Ge- schirr und den Platten, die sich auf den großen Rollwagen stapeln, interessierten sich viele Gäste dafür.
Dabei ist das große, moderne Gemeindehaus schon wieder voll. Diesmal sind über 100 Gäste gekommen, um dem »Chorkonzert und Tanz« zu lauschen. Die 12. Jiddische Musik- und Theaterwoche Dresden bietet ein dichtes Programm, Uraufführungen wie die Kammeroper Chaim Ben Chaya von Daniel Galay sind darunter, Lesungen von Werken der Dichter Paul Celan und Nelly Sachs, ein Kurs »Hebräisch für Anfänger« mit Einführung in die Geschichte der Sprache und natürlich jede Menge Konzerte.
In dem hohen Saal des Hauses tritt inzwischen Siman Tow auf – der Chor der Jüdischen Gemeinde in Dresden gründete sich vor fünf Jahren und hat 15 Mitglieder. Hebräischen Liedern, die das 60-jährige Bestehen Israels feiern, folgen deutsche Kinderlieder, zum Schluss »Freude, schöner Götterfunke« auch für das Publikum zum Mitsingen.
Mileta, die vor zwei Jahren gegründete Tanzgruppe der Jüdischen Gemeinde Leipzig, zeigt traditionelle israelische Kreistänze, dann folgt eine Pause – in der sich gleich Grüppchen bilden. Verabredungen werden getroffen, die sorgfältige Aufmachung bewundert, nach Familienangehörigen wird sich erkundigt. »Für uns ist das schon das Kulturhaus hier«, sagt Margarita Berdichewska. Die 52-Jährige stand mit Siman Tow auf der Bühne und lebt seit 1995 in Dresden. »Die Gemeinde wächst durch die vielen Zuwanderer aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion«, er- zählt sie, und die fänden hier einen wichtigen Platz für kulturelle Treffen. »Es gibt eine Theater- und Tanzgruppe, Religionsunterricht für Kinder, einen Kinoclub und viele Möglichkeiten für musikalische Be- gegnungen«, zählt sie auf. Die Feiertage würden alle Gemeindemitglieder gemeinsam begehen. »Wir suchen immer Wege für eine Zusammenarbeit.« Das sei manchmal gar nicht so einfach – Sprachbarrieren und Mentalitätsunterschiede stünden dem Verständnis zwischen den alten und neuen Mitgliedern manchmal im Weg. »Den einen ist die religiöse Bedeutung des Gemeindelebens wichtiger, den anderen die Möglichkeiten zum Austausch.« Gerade die älteren Zuwanderer fänden hier ihre Sozialisierung in Deutschland.
Freylax steht als Nächstes auf der Bühne. Der Chor des Vereins zur Integration jüdischer Zuwanderer singt Lieder in jiddischer und russischer Sprache, darunter zahlreiche Evergreens. Anne Leupold, nach eigener Aussage Musikfan und mit stolzen 80 Jahren eins der ältesten Mitglieder der Dresdner Gemeinde, muss aber noch eine Anmerkung zu den Sätzen von Margarita Berdichewskas loswerden: »Ohne den Zu- zug aus Russland gäbe es die Dresdner Ge- meinde gar nicht mehr«, flüstert sie und legt nach dem Konzert ihre Sicht auf die Dinge dar: Im Sommer 1989 zählten sie noch 61 Mitglieder, die meisten davon be- reits Rentner. Heute gehören 750 zur Ge-meinde – Zuwanderer aus der Ukraine, Ge- orgien, Aserbaidschan und eben Russland. »Ich mache mir da keine Sorgen«, meint die lebenskluge Dame. »Mein Mann ging in den 20er-Jahren in die Jüdische Schule in Dresden. Damals kamen viele sogenannte Ostjuden dazu.« Die ältere Generation habe sich noch schwer getan mit diesem Zu- wachs. Aber schon die nächste wuchs zusammen: »Alles schon mal dagewesen.«
Sie berichtet von anderen Aktionen, die das jüdische Leben der älteren Gemeindemitglieder bereichern: Seit der Wiedervereinigung beispielsweise sind sie und ihr Mann einige Male in Israel, auch in den USA gewesen: »Mein Mann hat ja überall noch Schulfreunde«, sagt sie, und ihr Gesicht überzieht ein Strahlen. Vor fünf Jahren lud die Stadt Dresden die sechs verbliebenen Schüler der alten Schulklasse und den noch lebenden Lehrer ein. »Das war sehr berührend. Die sind als Kinder auseinandergegangen und fanden sich als Grauhaarige wieder zusammen.« Wie ihr Mann als Dresdner den Nationalsozialis- mus überhaupt überstehen konnte? Fragt eine Frau nach, ebenfalls 80, die sich als Dolmetscherin der Gemeinde aus Decin vorstellt. Sie selbst als gebürtige Leipzigerin sei 1944 einem Transport entflohen und von ihrem späteren Mann, einem Tschechen, bis zur Befreiung in einem Keller in Prag versteckt worden.
Hans Leupold dagegen, Ironie des Schicksals, rettete Dresdens Bombardierung das Leben: »Er stand auf der Liste derer, die am 16. Februar 1945 nach Theresienstadt deportiert werden sollten«, erzählt seine Frau. Doch nach dem 13. Februar hatten die Dresdner andere Sorgen.

Programmtip: Samstag 25. Oktober, 16.00 Uhr, Plenarsaal im Rathaus: Präsentation Jüdische Jugend für Dresden: Das Programm bietet Einblicke in das vielfältige künstlerische Schaffen jüdischer Kinder und Jugendlicher aus Dresden.

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