Demografie

Vielfalt oder Niedergang

von Heinz‐Peter Katlewski

Es sieht nicht gut aus für Europas Juden. Zumindest demografisch. Davon ist der Bevölkerungswissenschaftler Sergio Della Pergola überzeugt. Mehr als eine Million Juden werde es im Jahr 2020 wohl noch geben, aber der Niedergang sei kaum aufzuhalten, prophezeite Della Pergola auf der internationalen Konferenz »European Jewry: A New Jewish Center in the Making?«, die im Mai vom Moses Mendelssohn Zentrum für europäisch‐jüdische Studien in Berlin abgehalten wurde. Tatsäch‐ lich haben die jüdischen Gemeinden überall auf dem Kontinent mit Überalterung zu kämpfen. Der Statistikprofessor aus Jerusalem kennt die Daten: In Deutschland seien die Proportionen besonders ungünstig. Etwa 220.000 bis 250.000 Juden aus der ehemaligen Sowjetunion haben in den vergangenen 20 Jahren den Weg nach Deutsch‐ land gewählt. 120.000 gehören heute jüdischen Gemeinden an. Damit hat sich zwar die Anzahl der organisierten Juden vervierfacht, doch nur fünf bis sechs Prozent davon, sagt Della Pergola, seien Kinder. Fast 40 Prozent hätten bereits das Rentenalter erreicht. Seine Folgerung: Wenn die Entwicklung hierzulande ausschließlich von dieser Zuwanderung abhängig bleibt, dann wird die jüdische Gemeinschaft in weiteren 20 Jahren wieder deutlich abgenommen haben.
Diana Pinto vom Londoner Institute of Jewish Policy Research argumentiert bereits seit Ende der 90er‐Jahre gegen die Unausweichlichkeit solcher Prognosen. Alle nationalen jüdischen Gemeinschaften auf dem alten Kontinent hätten sich nach dem Zweiten Weltkrieg verändert: Aus Nordafrika seien Juden nach Frankreich gekommen, aus der Levante gingen viele nach Italien oder Großbritannien, und die Displaced Persons aus Osteuropa seien in Deutschland hängen geblieben. Die in Paris lebende Historikerin und Soziologin glaubt, dass sich nach dem Fall des Eisernen Vorhangs in einem künftigen multikulturellen und vereinten Europa eine eigene europäische jüdische Identität herausbilden wird: eine dritte Säule des Judentums neben Israel und Nordamerika.
Die Herausforderungen durch die Zuwanderer aus Russland, der Ukraine, Moldawien oder Belarus haben vor allem in Deutschland nach 1990 eine neue Dynamik entfacht. Das Spektrum hat sich erweitert – kulturell und religiös. Neben orthodoxe Synagogen sind liberale getreten und solche der ultraorthodoxen Lubawitscher Chassidim. Unterstützt durch ausländische Stiftungen und die öffentliche Hand kann in Deutschland heute an einer Jeschiwa gelernt, jüdische Religionspädagogik studiert oder ein Rabbiner‐ bzw. Kantorenseminar besucht werden. Es sind neue Infrastrukturen entstanden, auch solche, die von den religiösen Richtungen weitgehend unabhängig sind: So kamen Anfang Mai 450 Lernwillige zu dem von Ehrenamtlichen organisierten Limmud‐Festival bei Berlin.
Pluralismus ist aber auch ein Problem, findet Yosef Gorny. Wenigstens dann, wenn es keine Idee gibt, die die ethnische Identität des jüdischen Volkes in einem multiethnischen und multikulturellen Europa zu wahren vermag. Der emeritierte Historiker und Kommunikationsforscher von der Universität Tel Aviv gehört zur israelischen Forschergruppe »Projekt Klal Yisrael«, die jüdische Identität in der Diaspora und die Verbindung zum Staat Israel zu bewahren sucht und die die Konferenz mitorganisierte. Gorny hält allein die nationale Idee des Zionismus für fähig, die Vielfalt der Herkunftskulturen neben den Unterschieden zwischen orthodoxen, liberalen, religiösen und areligiösen Juden zu integrieren. Ein Vorschlag, den der Frankfurter Erziehungswissenschaftler und Religionsphilosoph Micha Brumlik vehement zurückweist: »Meine Vision für die Juden in Europa wäre, dass sie ein lockeres Netzwerk religiöser Gemeinschaften darstellen.«
In den jüdischen Jugend‐ und Studentenverbänden wird das bereits gelebt. Ein Flug nach London, Paris oder Barcelona dauert nicht länger als eine Bahnfahrt und ist oft sogar billiger. Und auf die Jungen wird es ankommen – sowohl bei dem Versuch, dem demografischen Trend entgegenzutreten, wie bei dem, ein eigenständiges Judentum in Europa aufzubauen – als dritte Säule neben den USA und Israel.

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