Mascha Kaléko

Verse für Zeitgenossen

von Jutta Rosenkranz

»Ich bin, vor jenen ‚tausend Jahren’,
Viel in der Welt herumgefahren.
Schön war die Fremde, doch Ersatz.
Mein Heimweh hieß Savignyplatz.«
Das Gefühl der Heimatlosigkeit hatte Mascha Kaléko schon als Kind erfahren. Als Golda Malka Aufen wurde sie vor 100 Jahren, am 7. Juni 1907, im galizischen Chrzanów geboren. 1918 zog die Familie nach Berlin. Das Mädchen lernte mühelos den Berliner Dialekt, begann nach der Mittleren Reife eine Bürolehre, besuchte Vorlesungen in Philosophie und Psychologie, las viel und schrieb Gedichte. Sie war 22, als ihre Verse, in denen sie die Höhen und Tiefen des Alltags und der Emotionen witzig, melancholisch und mit feiner Ironie beschrieb, zum ersten Mal gedruckt wurden.
»Jetzt bist du fort. Dein Zug ging neun Uhr sieben.
Ich hielt dich nicht zurück. Nun tut’s mir leid.
Von dir ist weiter nichts zurückgeblieben
Als ein paar Fotos und die Einsamkeit.«
Mascha Kaléko traf den Ton der Zeit, die besten Zeitungen Berlins rissen sich um ihre Texte. 1933 veröffentlichte sie ihren ersten Gedichtband Das Lyrische Stenogrammheft. Ein zweiter Band Kleines Lesebuch für Große erschien 1935. Dann beendeten die Nationalsozialisten ihre literarische Karriere. Als Jüdin erhielt sie Schreibverbot und wurde aus der Reichsschrifttumskammer ausgeschlossen. Ihre Bücher zählten nun zum »schädlichen und unerwünschten Schrifttum«.
Auch im Privatleben gab es Veränderungen: Nach zehn Jahren Ehe trennte sich Mascha Kaléko von ihrem ersten Mann und heiratete den jüdischen Komponisten Chemjo Vinaver, mit dem sie einen Sohn hatte. 1938 emigrierte die Familie noch rechtzeitig aus Deutschland. In Amerika traf Mascha Kaléko das Schicksal vieler Exil-Schriftsteller, die, aus ihrem vertrauten Sprachkreis gerissen, kaum Möglichkeiten hatten, zu publizieren. Nur manchmal konnte sie Gedichte in der Emigrantenzeitung Aufbau veröffentlichen. Mascha Kaléko lernte Englisch und schrieb Werbetexte, um etwas Geld zu verdienen. In ihren Exil-Gedichten setzte sie sich mit der verlorenen Heimat und ihrer Sehnsucht nach Deutschland auseinander. Auch mit ihrer jüdischen Herkunft be-schäftigte sie sich jetzt erstmals. Mitte der vierziger Jahre erschien im Aufbau ihr Gedicht Einer Negerin im Harlem-Express, in dem sie Antisemitismus und Rassendiskriminierung miteinander verglich:
»Immer möchte ich dich leise fragen:
Weißt du, dass wir heimlich Schwestern sind?
Du, des Kongo dunkelbraune Tochter,
Ich, Europas blasses Judenkind.«
1945 erschien in Amerika Mascha Kalékos Band mit Emigrationsgedichten Verse für Zeitgenossen. Albert Einstein bewunderte die »Grazie und Treffsicherheit des Ausdrucks«, Thomas Mann lobte an den »ausdrucksvollen« Gedichten »eine gewisse aufgeräumte Melancholie« und empfahl der Autorin, wieder in Deutschland zu veröffentlichen. Mascha Kaléko zögerte; zu tief saßen die Verletzungen durch Berufsverbot und Vertreibung. Erst 1956 wurden in der Bundesrepublik ihre beiden ersten Gedichtbände unter dem Titel Das lyrische Stenogrammheft wieder publiziert. Zum Erscheinen des Buches reiste Mascha Kaléko Anfang 1956 erstmals wieder in ihre alte Heimat. Die Diskrepanz zwischen Vergangenheit und Gegenwart irritierte sie, ihrem Mann schrieb sie: »Die erste Begegnung mit deutschen Beamten war mir unheimlich. (...) Sie tragen lange Mäntel und überhaupt sieht man zu viel Uniformen, die unliebsame Erinnerungen wecken. (...) Vergessen ist ein schweres Wort.« 1958 erschienen auch die Verse für Zeitgenossen in Deutschland und kamen, wie schon der vorhergehende Band auf die Bestseller-liste. Nach diesen Erfolgen wurde Mascha Kaléko im Frühjahr 1959 für den Fontane-Preis der Berliner Akademie der Künste nominiert. Doch als sie erfuhr, dass der Schriftsteller Hans Egon Holthusen – Direktor der Abteilung für Dichtung und Jury-Mitglied – in der SS gewesen war, lehnte sie die Auszeichnung ab: Es sei ihr unmöglich, als von den Nationalsozialisten verbotene und verfolgte Autorin und emigrierte Jüdin einen Preis aus seiner Hand anzunehmen.
Im Herbst 1959 übersiedelte Mascha Kaléko ihrem Mann zuliebe nach Jerusalem, der dort seine Anthologie jüdischer Synagogalmusik vollenden wollte. Dieser Umzug war für sie wie eine zweite Emigration. Hebräisch zu lernen fiel ihr schwer. Krankheiten, Probleme mit dem ungewohnten Klima und die sprachliche Isolierung belasteten sie. 1968 starb ihr Sohn, fünf Jahre später, im Dezember 1973, erlag ihr Mann Chemjo Vinaver einem Herzanfall. Die Erfahrung des Verlusts hatte sie schon in einem früheren Ge-dicht beschrieben:
Vor meinem eignen Tod ist mir nicht bang,
Nur vor dem Tode derer, die mir nah sind.
Wie soll ich leben, wenn sie nicht mehr da sind? (...)
Bedenkt: den eignen Tod, den stirbt man nur,
Doch mit dem Tod der andern muss man leben.
Mascha Kaléko starb am 21. Januar 1975 im Alter von 67 Jahren in Zürich.

Jutta Rosenkranz ist die Autorin der kürzlich erschienenen Biografie »Mascha Kaléko 1907-1975« (dtv, 299 S., 14,50 €)

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

Netflix

Wenn Fiktion auf Realität trifft

Die israelische Erfolgsserie »Fauda« meldet sich mit einer eindrucksvollen neuen Staffel zurück

von Sarah Cohen-Fantl  03.10.2026

Eisenach/Karlsruhe/Unna/Hagen

Mutmaßliches IS-Mitglied in Thüringen festgenommen

Der Verdächtige soll laut Bundesanwaltschaft für den IS als bewaffneter Militärpolizist tätig gewesen sein. Auch bei drei anderen Männern besteht der Verdacht auf Nähe zu der Terrororganisation

 02.10.2026

Düsseldorf

»Sei ein Mensch«: Gedenkort für verfolgte Abgeordnete im NRW-Landtag

Entlassen, drangsaliert, gefoltert: Viele frühere Abgeordnete des nordrhein-westfälischen Landtags wurden in der NS-Diktatur verfolgt. Ein neuer Gedenkort im Parlamentsgebäude erinnert an sie

von Ingo Lehnick  02.10.2026

Tel Aviv/Abu Dhabi

»Fly Dubai«-Vorfall: Hintergründe weiter unklar

Was geschah im Cockpit des Fluges nach Israel? Emiratische Behörden haben Ermittlungen eingeleitet. Jerusalem geht von einem Terroranschlag aus. Gesicherte Erkenntnisse zum Motiv gibt es bislang nicht

 02.10.2026

Bettina König (SPD), Nina Stahr (Bündnis 90/Die Grünen) und Kerstin Wolter (Die Linke, v.l.) während einer Pause

Berlin

Parteien-Treffen zu Antisemitismus mit »konstruktivem« Austausch

Linke, Grüne und SPD ringen in Berlin um eine gemeinsame Haltung zu Judenhass und organisierter Kriminalität. Was beim ersten Treffen dazu herauskam

 01.10.2026

UN-Kongress

Experten diskutieren strafrechtliche Verfolgung sexueller Gewalt in Konflikten

Bei einer Veranstaltung im Rahmen des UN-Kongresses zur Verbrechensverhütung in Abu Dhabi diskutierten jüdische Organisationen über Strafverfolgung, digitale Beweismittel und den Schutz von Betroffenen

 01.10.2026

Extremistische Siedler in dem palästinensischen Dorf Dschalud (Archivbild vom 25.8.26)

Westjordanland

Neue Gewalt radikaler Siedler

Mehr als 100 Extremisten waren an den Ausschreitungen im Bereich der Ortschaft Dschalud südlich von Nablus beteiligt. Regierungsmitglieder verurteilen die Angriffe, die Opposition kritisiert sie als Folge »einer gefährlichen Politik«

 29.09.2026

Nach der Wahl

Grüne und SPD in Berlin stellen Bedingung für Sondierungen

Linke, Grüne und SPD in der Hauptstadt wollen an diesem Donnerstag erstmals über eine Regierungsbildung sprechen. Es soll sich aber noch nicht um formelle Sondierungsgespräche handeln

 28.09.2026

New York

Trump ruft Staaten zu Austritt aus Strafgerichtshof auf

Die USA erkennen den IStGH nicht an, der unter anderem gegen Israels Ministerpräsidenten Netanjahu einen Haftbefehl erlassen hat. Jetzt legt der amerikanische Präsident nach

 23.09.2026