Slowakei

Vergangenheit mit digitaler Zukunft

von Kilian Kirchgessner

Aus seinem Büro im fünften Stock eines Vorstadt‐Hochhauses sieht Jan Hlavinka hinunter auf eine graue Arbeitersiedlung in Bratislava. Der Blick auf seinen Computer‐Bildschirm ist für den Historiker vom „Institut für nationales Gedenken“ weitaus interessanter. Dort schaut er in die Vergangenheit, die er mit seinem Team ganz zeitgemäß für das Internet aufarbeitet. Das Projekt, das Jan Hlavinka leitet, ist gleichermaßen sensibel wie spektakulär: Er will das Schicksal von jedem einzelnen deportierten Juden in der Slowakei recherchieren und dann im Internet veröffentlichen – ein solches Vorhaben ist in Europa noch ohne Beispiel. Eine lückenlose Aufarbeitung der Vergangenheit verspricht sich die Regierung von dem Projekt, das komplett aus der slowakischen Staatskasse finanziert wird. Kritiker befürchten, daß die Veröffentlichung der Einzelschicksale mit allen Details zu weit in die Privatsphäre der Betroffenen und ihrer Familien eindringe.
Wie die Datenbank über die slowakischen Holocaust‐Opfer einmal aussehen soll, läßt sich jetzt schon erahnen. In einem ersten Schritt hat das Institut gerade Details über die jüdischen Geschäftsleute veröffentlicht, deren Läden die Nazis zwangsweise geschlossen haben. „Liquidierung“ hieß damals der Vorgang, bei dem ein bestellter Verwalter die oft gutgehenden Handwerksbetriebe schloß und die Restbestände günstig verkaufte. Mehr als 10.000 Geschäftsleute waren von diesen Schließungen betroffen. Zu jedem einzelnen von ihnen gibt es inzwischen einen Datensatz, der auf der Homepage des „Instituts für nationales Gedenken“ weltweit abrufbar ist. Eine ausgekügelte Suchmaske durchforstet das digitale System auf Wunsch nach Vor‐ oder Familiennamen, nach Wohnorten oder Branchen der Opfer. Verknüpft mit den Angaben zu den aufgelösten Geschäften sind auch detaillierte Informationen über die sogenannten Liquidatoren.
Derzeit arbeiten die slowakischen Historiker an einer vergleichbaren Datenbank für die jüdischen Betriebe, die nicht geschlossen, sondern mit ausgetauschter Geschäftsleitung weitergeführt worden sind. Erst danach startet das umfangreichste Vorhaben des Forschungsprojektes: die Recherche der Einzelschicksale. „Als Quellen dienen uns vor allem Akten aus den kommunalen Verwaltungen. Darin sind häufig Einzelheiten zu den Deportationen festgehalten, so daß wir gut rekonstruieren können, was mit den Opfern geschehen ist“, sagt Projektleiter Jan Hlavinka. Etwa 75.000 slowakische Juden wurden zwischen 1939 und 1945 deportiert – eine Zahl, die allerdings umstritten ist, weil sie sich nur auf das slowakische Territorium in den Grenzen der Kriegsjahre bezieht. Die heute zweitgrößte slowakische Stadt Košice etwa gehörte während des Krieges zu Ungarn und taucht deshalb in den Unterlagen der Forscher gar nicht auf. Auch jene Schicksale, die amtlich nicht erfaßt wurden, dürften nur schwerlich ihren Weg in die Online‐Datenbank finden, denn das Historikerteam arbeitet unter hohem Zeitdruck. Drei Jahre hat die Regierung den gerade einmal sechs Projekt‐Mitarbeitern eingeräumt. Zeit für ausführliche Recherchen bleibt da nicht.
Trotz solcher Kritikpunkte steht der Zentralrat der Juden in der Slowakei hinter dem Vorhaben. Er erhofft sich eine Sensibilisierung für die Vergangenheit des Landes: „Bei uns wurde die Nazi‐Vergangenheit nie wirklich aufgearbeitet, weil gleich nach dem Krieg die kommunistische Herrschaft anfing“, sagt Jaroslav Franek vom Zentralrat: „Da gab es keine Entnazifizierung und keine breite Auseinan‐ dersetzung mit dem Thema wie etwa in Deutschland.“ Wenn deshalb die öffentlichkeitswirksame Internet‐Datenbank das Augenmerk der Slowaken auf die nationalsozialistischen Verbrechen lenke, sei das ein großer Fortschritt.
Tatsächlich brach gleich nach dem Startschuß für das Projekt eine Debatte los – allerdings anders, als sich die Initiatoren aus der Regierung das wohl erhofft hatten. Die Familien einiger Liquidatoren, deren Namen jetzt im Internet stehen, beschwerten sich über diese Form der Offenheit. Viele von ihnen behaupten, von den jüdischen Geschäftsleuten um ihre Dienste gebeten worden zu sein, damit der Laden nicht in völlig fremde Hände falle. „Natürlich gab es solche Fälle“, sagt Zentralratssprecher Jaroslav Franek. „Aber seit der Veröffentlichung der Namen wird das zur typischen Ausrede für alle!«
www.upn.gov.sk

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