Maurice Sendak

Vater der wilden Kerle

von Katrin Diehl

Geboren ist Maurice Sendak am 10. Juni 1928 – im selben Jahr wie Micky Maus, wie er gern betont. Mit Disneys Comicstripfigur können Sendaks zeichnerische Kreationen es an Bekanntheit mittlerweile aufnehmen. Seine „wilden Kerle“ aus dem bahnbrechenden Bilderbuch von 1963 gehören zum Lesekanon der meisten Kinder der westlichen Welt. „Den mächtigsten Mann der USA“ hat die New York Times ihn einmal genannt, weil er der „Fantasie von Millionen Kindern Gestalt“ gebe.
Der kleine Maurice wuchs in Brooklyn mit anderen Geschichten auf, Erzählungen aus dem Ghetto. Sein Vater, der in New York als Schneider versuchte, über die Runden zu kommen, stammte aus einer polnischen Rabbinerfamilie. Später kamen Tanten und Onkel dazu, denen der Schrecken von Auschwitz, Theresienstadt, Dachau noch in den Kleidern hing. Mit ihrem lauten Jiddisch und dem schreck‐lichen Akzent brachen sie von heute auf morgen in Maurices Leben ein, aßen alles auf, bevölkerten die ohnehin enge Wohnung. Sie fielen über ihn her, wilde Kerle, die ihn packten, küssten und bissen, und er hasste sie dafür. Maurice Sendaks Jugend fand im Schatten der Schoa statt. Wie sollte er da sein Recht auf Unversehrtheit einfordern, wie sich von den mächtigen Geis‐tern nicht erdrücken lassen? Max aus den „wilden Kerlen“ schafft das und noch mehr. Er macht sich die Ungeheuer hörig. Maurice Sendak nennt Wo die wilden Kerle wohnen ein „sehr jüdisches Buch“.
Der kleine Maurice war ein kränkliches, oft bettlägeriges Kind, behütet von seiner Mutter mit ihrem breiten, runden Gesicht. Als gütigen Mond hat er es in vielen seiner Bücher verewigt. Mit sechs Jahren zeichnete Sendak zusammen mit seinem älteren Bruder sein erstes Bilderbuch. Etwas anderes als Buchillustrator wollte er nie werden. Er ließ sich darin nie beirren, auch nicht, als man seinen Zeichnungen zunächst entgegenhielt, sie seien in ihrem Strich zu „europäisch“. Sendak blieb bei seinem Stil, bis er eine Lektorin fand, Ursula Nordstroem von Harper & Collins, die das Wagnis einging, ihn zu publizieren. Die wilden Kerle wurden ein Welterfolg, der die Bilderbuchliteratur revolutionierte und anderen rebellischen Kinderbuchhelden den Weg ebnete.
Viele Auszeichnungen hat Maurice Sendak für seine mittlerweile mehr als 80 Bücher bekommen. Die kurz gewachsenen Mädchen und Buben in ihnen, ob in der Nachtküche oder in seinem neuesten Buch Brundibar, scheinen mit ihren zu knappen oder zu weiten Kleidern noch immer dem Brooklyn der 30er‐ und 40er‐Jahre entlaufen zu sein. Unerschrocken bieten sie den kleinen Betrachtern bis heute Hilfe an, ihr junges Leben zu meistern, nicht unterzugehen. Dass sie das manchmal in erschre‐ckender Umgebung tun, gerade das macht den Reiz und das Geheimnis der Bücher aus. Das und noch etwas anderes: Maurice Sendak nimmt sein Publikum für voll. „Ich schreibe keine Bücher für Kinder“, hat er einmal gesagt. Seine jungen Leser wissen das zu schätzen.

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