Kids for Darfur

Unterschriftsreif

von Johannes Boie

Die junge Frau im schwarzen Mantel ist in Eile. In der einen Hand hat sie die prall gefüllten Einkaufstaschen, an der anderen zerrt ihre kleine Tochter. „Ich weiß ja nicht mal, wo Darfur liegt“, sagt sie. Es klingt ehrlich. Dann geht sie auf Nummer sicher: „Ihr wollt wirklich kein Geld?“
Keine Sorge, Geld interessiert Fabienne Steitz und ihre Freundin Medina van Asseum nicht. Dafür wissen sie genau, dass Darfur eine Region im Sudan ist. Und die beiden erzählen der Passantin geduldig vom Bürgerkrieg und den Gräueltaten, die dort an der Tagesordnung sind. Zusammen mit ihrer Lehrerin Sieglinde Dressler und Mitschülerinnen aus dem Ethikunterricht sammeln die beiden 14‐jährigen Mädchen Unterschriften vor dem Einkaufszentrum „Das Schloss“ in BerlinSteglitz. Mit ihrer Aktion wollen sie auf den Krieg in Darfur aufmerksam machen: Zum einen sollen die Leute auf der Straße über die dortige Situation aufgeklärt werden. Zum anderen ist geplant, die gesammelten Unterschriften Bundeskanzlerin Angela Merkel möglichst medienwirksam zu überbringen. Dass Aufklärung und Engagement bitter nötig sind, machen nicht nur die Fragen der Passanten deutlich. Auch dem Management des Steglitzer Einkaufszentrums muss erst erklärt werden, warum es die Mädchen vor dem Eingang des Gebäudes ru‐ hig Unterschriften sammeln lassen sollte.
Noch vor ein paar Wochen wussten Fabienne und Medina selber nicht genau, wo Darfur liegt. Vom Krieg in Afrika haben die Schülerinnen erstmals im Fach Ethik an der Walther‐Rathenau‐Schule gehört. Dort besuchen sie die 8. Klasse. Im Unterricht haben sie über die Hintergründe des Konfliktes geredet und darüber, warum es immer wieder Krieg auf der Welt gibt. Gemeinsam haben die Schüler beschlossen, etwas dagegen zu tun. Mit ihrer Postkartenaktion haben sie dann eine Idee aufgegriffen, die auf der anderen Seite der Welt entstanden ist: in Los Angeles, Kalifornien, im Kopf eines kleinen Mädchens.
Die neunjährige Zola Carina Schmitz hat auf einem Wochenend‐Camp des Jewish World Service in Ojai (Kalifornien) vom Krieg in Darfur erfahren. Kurze Zeit später veranstaltet ihre Schule Projekttage. Eigentlich wollte sich das Mädchen an einem Folklore‐Stand beteiligen. Aber nach ihrem Besuch beim Jewish World Service beschließt sie, lieber ihren Klassenkameraden über den Krieg in Darfur zu berichten. Mit Hilfe ihrer Mutter entwirft sie Postkarten und kommt auf die Idee, Unterschriften zu sammeln. Zolas Mitschüler sind begeistert. Die Idee verbreitet sich in Kalifornien von Schule zu Schule. Die Kampagne „Kids for Darfur“ ist geboren. Die Neunjährige wird von Senatoren empfangen. Auch Deidre Berger, Zolas Tante, die in Berlin für das American Jewish Committee (AJC) arbeitet, ist begeistert. Sie beschließt, „Kids for Darfur“ nach Deutschland zu bringen.
In Zusammenarbeit mit dem Landesinstitut für Schule und Medien überarbeiten Profis die Postkarten, das Logo und passen das Lernmaterial an die Bedürfnisse deutscher Schüler an. Mit dem Landesinstitut hat das AJC bereits erfolgreich ein Demokratiebildungsprogramm an neun Schulen in Berlin und Brandenburg eingeführt; man ist ein eingespieltes Team. So schafft es Zolas Idee bis in den Ethikunterricht an die Walther‐Rathenau‐Schule. Von da ist sie inzwischen weitergewandert: an die Kreuzberger Leibniz‐Schule, die Kurt‐Tucholsky‐Oberschule in Pankow und an die Jüdische Oberschule in der Großen Hamburger Straße. Längst sind mehr als 1.000 Karten zusammengekommen. Viel Post für Angela Merkel.

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