Warschauer Ghettoaufstand

Unter Waffen

von Michael Berger

Der Widerstand gegen die Nationalsozialisten im besetzten Polen bleibt durch zwei Ereignisse im historischen Gedächtnis Europas: Am 19. April 1943 begann der bewaffnete Aufstand der jüdischen Bevölkerung im Warschauer Ghetto, am 1. August 1944 erhob sich die polnische Heimatarmee, die Armia Krajowa (AK), gegen die deutschen Truppen in Warschau.
Betrachtet man den europäischen Widerstand gegen den Nationalsozialismus nicht nur aus dem Blickwinkel der „nationalen Befreiung“, muss auch der Warschauer Ghettoaufstand neu bewertet werden: Er ist gleichbedeutend mit dem Aufstand der AK gegen die Nazi‐Okkupation in Polen.
1942 schrieb Ignacy Schwarzbart, Mitglied des polnischen Exil‐Nationalrats, in sein Tagebuch, es würden Informationen über die Verbrechen an den Juden zurückgehalten, weil die Polen „die Verdunkelung polnischer Leiden durch jüdische Leiden“ nicht zulassen wollten. Dieser „Wettstreit“ prägte vor allem die polnische Geschichtsschreibung der Nachkriegsjahre. Tatsächlich jedoch gehörten jüdische Soldaten zur Tradition im polnischen Militär. 1939 gab es in der polnischen Armee 150.000 jüdische Soldaten bis in die höchsten Ränge. Viele schlossen sich dem Bund für den bewaffneten Kampf (ZWZ) und der durch die Sowjetunion unterstützten kommunistischen Volksgarde/Volksarmee (GL/AL) an.
Am 19. April 1943 erhoben sich die jüdischen Kämpfer gegen die drohende Liquidation des Ghettos durch die SS. Der Aufstand wurde von zwei Widerstandsgrup‐ pen getragen: der jüdischen Kampforganisation ZOB unter der Führung von Mordechai Anielewicz und dem Jüdischen Militärverband ZZW – gemeinsam nannten sie sich Jüdischer Kampfbund. Das im Oktober 1940 eingerichtete Ghetto wurde ab Juli 1942 auf Befehl Heinrich Himmlers durch Deportation der Insassen in die Vernichtungslager schrittweise aufgelöst. Die jüdischen Kämpfer leisteten erbitterten Widerstand und fügten der SS schwere Verluste zu. Anielewicz, der Stab und mehr als 100 Kämpfer der ZOB starben am 8. Mai, nachdem ihr Kommandobunker von den Deutschen entdeckt worden war. Der Widerstand hielt bis zum 16. Mai an. Die SS brannte das Ghetto nieder und ermordete die Überlebenden. Nur wenigen gelang die Flucht, unter ihnen einige führende Mitglieder des ZOB‐Stabes: Marek Edelman, Zivia Lubetkin und Hirsch Berlinski.
Der kommandierende SS‐General Jürgen Stroop berichtete in seiner letzten Tagesmeldung vom 16. Mai: „Mit der Sprengung der Warschauer Synagoge wurde die Großaktion um 20.15 Uhr beendet. (…) Gesamtzahl der erfassten und nachweislich vernichteten Juden beträgt insgesamt 56.065.“
Auch die Art und Weise, wie die Ghettokämpfer vom polnischen Widerstand unterstützt wurden, muss neu betrachtet werden. Die polnische Heimatarmee verhielt sich zurückhaltend. Mehr Hilfe kam von der Volksgarde, der Gwardia Ludowa (GL), die nicht nur in die Kämpfe eingriff, sondern auch gegen Ende des Aufstandes jüdische Kämpfer aus dem Ghetto rettete.
Die zögerliche Hilfe der Heimatarmee war vor allem auf antisemitische Tendenzen in der AK sowie die bewusste Ignorierung der Bedeutung des jüdischen Widerstands zurückzuführen. Dies war der Grund dafür, dass sich mehr Juden der Gwardia Ludowa anschlossen, die am 1. Januar 1944 in Armia Ludowa (AL) umbenannt wurde. Obwohl die Heimatarmee ihre Kräfte zu Beginn des Krieges nur zur Sabotage und Nachrichtengewinnung einsetzte, nahm sie ab 1943, so wie die Gwardia Ludowa und andere Widerstandsgruppen, den bewaffneten Kampf auf. In der Schlacht in den Wäldern von Janów Lubelski kämpften AL und AK gemeinsam erfolgreich gegen drei deutsche Divisionen. Unter dem Eindruck der verlustreichen Niederlagen der Wehrmacht sowie der Erfolge der Alliierten beschloss die Führung der Heimatarmee, Warschau entgegen früheren Überlegungen in die Aufstandsplanungen einzubeziehen.
Am 1. August 1944 begann die AK mit vermutlich etwa 20.000 Soldaten und minimalen Waffenbeständen den Aufstand gegen die Deutschen. Unterstützt wurden sie von Verbänden der AL. Ihnen gegenüber standen Truppen der Wehrmacht, der Polizei und der Waffen‐SS.
Die deutsche Führung kommandierte am 4. August zwei berüchtigte Einheiten als Verstärkung nach Warschau, das SS‐Sonderkommando „Dirlewanger“ und die „Sturmbrigade RONA“. Erstere bestand aus deutschen Kriminellen, letztere war die von Mieczyslaw Kaminski geführte sogenannte Russische Nationale Befreiungsarmee, bestehend aus ehemaligen Soldaten der Roten Armee. Der Aufstand der Heimatarmee wurde nach ersten Erfolgen niedergeschlagen, Warschau danach fast vollständig zerstört und die Einheiten der AK zum größten Teil aufgerieben. General Tadeusz Bor‐Komorowski, Kommandant des Aufstandes, kapitulierte am 2. Oktober 1944. Die deutschen Truppen waren bei der Niederschlagung des Aufstands mit unvorstellbarer Grausamkeit vorgegangen. Gefangene Soldaten der Heimatarmee und Zivilisten wurden massenweise erschossen.
Ein Großteil dieser Kriegsverbrechen blieb ungesühnt. Abschließend bedeutet das: Die Kriegsverbrechen, die von deutscher Seite während des Aufstandes begangen worden sind, müssen weiter dargestellt werden. Und der jüdische Widerstand in Polen muss differenzierter betrachtet werden.
Für einige Historiker ist die Tatsache, dass es neben der polnischen Widerstandsbewegung auch einen bewaffneten jüdischen Untergrund gegeben hat, ein Problem. Denn damit wird nicht nur die Ein‐ zigartigkeit des polnischen Widerstandes in Frage gestellt, sondern man entzieht sich auch dem Vorwurf, die jüdischen Untergrundkämpfer zu wenig unterstützt zu haben. Und der Mitverantwortung für das Sterben im Warschauer Ghetto.

Unser Autor ist Hauptmann der Bundeswehr Mitarbeiter am Militärgeschichtlichen Forschungsamt in Potsdam.

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