Checkpoints

»Unsere schreckliche Realität«

Dass er seinen Wagen am Kontrollpunkt nicht stoppte, musste er mit dem Leben bezahlen. Vergangene Woche wurde der arabische Israeli Walid Tawil erschossen, nachdem er durch eine Straßenblockade gerast war und anschließend versucht hatte, einen Soldaten zu überfahren. Angehörige und Freunde des Toten meinen, die israelischen Soldaten hätten den Finger zu schnell am Abzug. Sie fühlen sich bedroht.
Assaf kennt so eine Situation aus eigener Erfahrung. Der 28‐Jährige aus dem Gr0ßraum Tel Aviv will nicht mehr über seine Identität preisgeben als seinen Vornamen und sein Alter. Aber er ist bereit zu reden. Denn er war selbst als junger Soldat während der zweiten Intifada zwischen 2000 und 2001 monatelang an verschiedenen Übergängen stationiert. Und er kennt das Dilemma, in dem die jungen Männer während ihres Wehrdienstes an den Kontrollpunkten stecken.
Im ganzen Land gibt es etwa 700 Kontrollpunkte, Checkpoints, am Übergang zwischen den palästinensischen Gebieten und dem israelischen Kernland sowie um jüdische Siedlungen herum. Die Zahl variiert, da es sich bei einigen um temporäre Strukturen handelt. Einige von ihnen sind echte Grenzübergänge mit verschiedenen Stationen wie der zum Gasastreifen. Manche indes sind nicht viel mehr als ein klappriger Wachturm irgendwo im Niemandsland oder ein Haufen Steine und Matsch auf der Straße. Die Namen sind vielfältig: Kalandia, Tulkarem, Kalkilia oder Nablus. Die Erfahrungen auf beiden Seiten sind leider meist unangenehm.
Seit acht Jahren dokumentiert die israelische Menschenrechtsorganisation »Machsom Watch« ungerechte Behandlungen von Palästinensern an den Übergängen. Oder versucht bei Verständigungsschwierigkeiten, etwa bei medizinischen Notfällen, zu vermitteln. Das ist richtig und gut. Findet auch Assaf. »Leider kann es auch dazu führen, dass die Situation in der Welt falsch dargestellt wird, weil oft nur eine Seite gezeigt wird«, meint er.

Realität Assaf kann das Gefühl der jungen Männer gut nachvollziehen, die an jenem Tag am Übergang in der Nähe von Bethlehem ihren Dienst tun mussten. Auf einmal kommt ein Wagen, der nicht stoppen will. Auch nach mehrmaligem Zurufen hält er nicht an, rast stattdessen auf die nächste Tankstelle. Zwei Soldaten folgen im Jeep. Als sich einer von ihnen dem Wagen nähert, gibt dessen Fahrer Gas und verletzt den Soldaten. Der andere schießt zunächst in die Luft und dann auf den Ver‐
dächtigen. Der Mann stirbt noch vor Ort. Er sei weder ein Terrorist noch hätte er sonst irgendwelche bösen Absichten ge‐
habt, sagen seine Eltern. »Er war ein guter Mann.«
Das sei doch Wahnsinn, meint Assaf und fühlt sich zurück in die Vergangenheit versetzt. »Ein 23‐jähriger Mann tot für nichts und wieder nichts, zwei Soldaten für ihr Leben gezeichnet mit dem Schicksal, ein Leben auf dem Gewissen zu haben. Das ist unsere schreckliche Realität.« Einmal sei er selbst fast in die Situation gekommen, einen Menschen zu töten. Es verfolgt ihn bis heute. An einem regnerischen Tag, die Sicht war schlecht, lagen seine Kumpanen und er unter einer Zeltplane irgendwo in der Westbank. Zwei seiner Freunde schoben gerade Wache auf der Straße nebenan. »Es dämmerte schon, als wir plötzlich ei‐
nen Schuss hörten. Ich war der Erste, der aufsprang und seine Waffe griff«, erinnert sich Assaf. Sein Freund hatte einen Warnschuss abgegeben, weil auf einmal ein Mann mit etwas in den Händen zu Fuß auf die Straßensperre zukam. »Obwohl wir es ihm zuriefen, hob er die Hände nicht. Ich schwöre, ich hatte den Finger am Abzug. Es war so unglaublich beängstigend.« Ein an‐
derer Soldat hatte ein Fernglas aus dem Zelt mitgebracht und schrie: »Er trägt ein Kind, er trägt ein Kind«, erzählt Assaf weiter. »Der Mann war mit dem Auto liegen geblieben, das Kind schlief. Mein Freund hat das Leben dieser Menschen gerettet – und meins auch.«

Konfrontation Fast zehn Jahre ist es her, dass er an den Checkpoints stand. Bis an die Zähne bewaffnet und doch voller Angst. »Oh ja, die hatte ich, auch wenn ich das damals nicht zugegeben hätte. Es ging immer darum, stark und auch cool zu sein.« Er war gerade 19, kam aus einem wohlbehüteten Zuhause, hatte die Schule hinter sich, da musste er zur Armee. Konfrontiert mit Menschen, die ihn von vornherein als Feind ansahen. »Es hat mir leid getan, wenn sie in der Sonne stehen mussten, Frauen mit kleinen Kindern, Männer, die zur Arbeit mussten, aber manchmal konnten wir einfach nichts tun. Irgendwie bist du immer auf ›Gefahr‹ gepolt. Wer auch immer da wartet.« Ab und an seien auch »Araberhasser« unter den Soldaten gewesen. Das gibt Assaf unumwunden zu. »Es war die Ausnahme, doch wir hatten welche von ihnen dabei. Wenn sie da waren, bin ich jeden Tag mit furchtbaren Bauchschmerzen aufgestanden, habe versucht, den Menschen, die anstanden, zu signalisieren, dass ich anders bin, dass ich sie nicht hasse.« Dazu hätte er ständig in voller Montur irgendwo am Straßenrand je nach Jahreszeit in Gluthitze oder stundenlang im Regen, stehen müssen. »Oft war es wirklich die Hölle.«

Gewalt und Tod Nach der Armee hat Assaf zwei Jahre lang in Europa gelebt, »Tiul Hagadol«, die große Reise, die fast alle jungen Israelis im Anschluss an den Wehrdienst unternehmen. Während dieser Zeit hat er viel mit gleichaltrigen Europäern geredet. »Sie können sich oft nicht vorstellen, unter was für einem Druck wir stehen. Wie sehr wir hier mit extremer Gewalt und dem Tod konfrontiert sind. Es handelt sich bei uns ja selten um eine Friedensdemo oder ein Fußballspiel.« Es gehe fast immer um Leben und Tod.
Die Vorbereitung durch die Armee habe er als professionell und ausreichend empfunden, doch natürlich könne nicht jede einzelne Situation durchgespielt werden. »Es wird auf sehr viele Dinge eingegangen, erklärt und intensiv trainiert, wie wir reagieren sollen, wie wir unsere Körpersprache einsetzen sollen, die Mimik, wie wir deeskalierend wirken, mit Furcht umgehen sollen und so weiter.« Im Endeffekt könne jedoch auch das ganze Training die Angst nicht nehmen. »Sie war immer da, jeden Tag, jede Stunde, jede Minute.«

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