Ungarn

Unruhige Zeiten

von Andreas Bock

Mitten in der Nacht wird der Lehrer Pál Hegdüs im Haus der jüdischen Gemeinde im ost‐ungarischen Debrecen aus dem Schlaf gerissen. Ein Trupp Jugendlicher schlägt gegen die Tür des Gemeindehauses und unterlegt die Aktion mit antijüdischen Parolen. Mehrere Stunden lang wiederholen sich die Vorkommnisse.
Derartige Übergriffe hat es in Ungarn zuletzt häufiger gegeben. Schmierereien mit nationalsozialistischer Symbolik an der Synagoge im nordungarischen Vác, judenfeindliche Rhetorik rechtsradikaler Jugendlicher vor der Budapester Großen Synagoge am Rande einer Gedenkveranstal‐ tung für die Opfer des Ungarnaufstandes. Seit sich in Ungarn das politische Klima verschärft hat, treten auch antisemitische Tendenzen wieder stärker auf.
Begonnen hat alles mit einer parteiinternen Rede des Ministerpräsidenten Ferenc Gyurcsány von der Sozialistischen Partei (MSZP), in der er zugab, vor den Parlamentswahlen im April die Wähler gezielt über die schlechte wirtschaftliche Lage und das hohe Budgetdefizit des Landes im Unklaren gelassen zu haben. Er räumte weiterhin ein, die Wähler belogen zu haben. Unlängst wurden umfangreiche Steuererhöhungen durchgeführt, das Realeinkommen der Menschen sinkt. Ungarn befindet sich zudem in einer schweren Haushaltskrise, tiefgreifende Strukturreformen sind unumgänglich.
Der Redetext Gyurcsánys gelangte Mitte September in die Öffentlichkeit. Dies hatte zur Folge, daß Regierungsgegner erst das Gebäude des ungarischen Fernsehens stürmten und in den darauffolgenden Wochen auf dem Vorplatz des Parlaments in Budapest dauerhaft Demonstrationen abhielten. Die national‐konservative Oppositionspartei FIDESZ und deren langjähriger Vorsitzender Viktor Orbán versuchten von nun an, verstärkt einen Regierungswechsel herbeizuführen.
Das Gedenken an den ungarischen Aufstand von 1956 gegen das kommunistische Régime führte schließlich zu einer weiteren Verschärfung des schwelenden Konflikts zwischen den Lagern der regierenden MSZP und des oppositionellen FIDESZ. Parallel zu den offiziellen Feierlichkeiten des 50. Jahrestages des Aufstandes, die unter Ausschluß der Öffentlichkeit vor dem Parlament stattfanden, hielt der FIDESZ eine Großkundgebung in der Innenstadt ab. Im Anschluß daran kam es zu schweren Zusammenstößen zwischen randalierenden Regierungsgegnern und der Polizei. Dabei skandierten kleinere Gruppen von Demonstranten auch antisemitische Parolen vor Europas größter Synagoge in der Dohanyi Straße. Sie rissen Veranstaltungsplakate ab und warfen Bierflaschen in den Hof des Gotteshauses. Bei diesen Demonstranten handelte es sich zumeist um Mitglieder der Hooliganszene sowie um Anhänger der radikalen Rechten. Auch am 4. November, dem Jahrestag der endgültigen Niederschlagung des Ungarn‐Aufstandes durch die Sowjets, skandierte eine Gruppe von Demonstranten im Anschluß an einen Gedenkmarsch antisemitische Parolen an demselben Ort.
»Die scharfe Rhetorik von Oppositionsführer Orbán gegenüber der linken Regierungskoalition hat die radikale Rechte beflügelt. Wenn dann derart politisch aufge‐ ladene Kundgebungen in der Nähe von jüdischen Einrichtungen stattfinden, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit judenfeindlicher Aktionen«, sagt Péter Kardos, Rabbiner des Bezirks Zugló und Chefredakteur des jüdischen Wochenblatts »Új Élet« (Neues Leben). Beunruhigend sei besonders die starke Präsenz der rot‐weiß gestreiften Árpád‐Fahnen auf den Demonstrationen, die seit Mitte September vor dem Parlament stattfinden.
Ursprünglich ein Teil des Wappens der alten Dynastie des Stammesfürsten Árpád, auf den die ungarische Landnahme im 9. Jahrhundert zurückgeht, wurde die Fahne 1944 von den Faschisten unter ihrem Führer Szálasi mit einem Pfeilkreuz versehen und als Symbol ihrer Schreckensherrschaft verwendet. Die sogenannten Pfeilkreuzler waren es auch, die tausende un‐ garische Juden in die Vernichtungslager deportierten. »Es ist unverständlich«, sagt Kardos, »daß viele der Demonstranten ausgerechnet auf diese historisch belastete Fahne zurückgreifen, wenn es auch andere Symbole aus der ungarischen Geschichte gibt. Besonders Holocaust‐Überlebenden bereitet dies ein sehr schlechtes Gefühl.«
Etwa 80.000 Juden leben heute in Ungarn, fast alle davon in der Hauptstadt. Die Gemeinde gilt als größte Ostmitteleuropas. Allein in Budapest gibt es insgesamt 16 funktionierende jüdische Bezirke, die in der Vereinigung jüdischer Gemeinden in Ungarn (MAZSIHISZ) zusammengeschlossen sind. Als lenkender Ausschuß dieser offiziellen Interessensvertretung fungiert ein Zentralrat. Der Sitz der Vereinigung befindet sich inmitten des jüdischen Viertels, dem zentral gelegenen siebten Bezirk Budapests. Auch außerhalb der offiziellen jüdischen Institutionen und Bildungseinrichtungen hat sich ein breites kulturelles Le‐ ben entwickelt. Im jüdischen Gemeinschaftszentrum Bálint befinden sich ein Ausstellungs‐ und Konzertraum, die Büros von Jugend‐ und sozialen Organisationen und die Räume des jüdischen Monatsmagazins »Szombat« (Samstag).
János Gado, Redakteur der Zeitschrift, ist beunruhigt über die Ereignisse der vergangenen Wochen. Judenfeindliche Meinungen würden vor allem über die rechte »Hofpresse« transportiert, zu der die offen antisemitischen Zeitung »Demokrata« und die eher antizionistische »Magyar Nemzet« gehören, sagt Gado. Aber auch bei den Demonstrationen auf dem Vorplatz des Parlaments sei es zu antisemitischen Ausfällen gekommen. So seien die Namen, Adressen und Telefonnummern von 50 Juden, die sich in gesellschaftlich wichtigen Positionen befinden, in Verbindung mit einem Aufruf verlesen worden, diese telefonisch zu bedrohen.
Ein Artikel in »Szombat« weist darauf hin, daß nationalsozialistische und faschistische Publikationen an den Bücherständen auf dem Demonstrationsplatz verkauft worden seien. János Gado ist sich aber sicher: »Diese wochenlang andauernden Demonstrationen hatten zwar zum Teil einen nationalistischen und antidemokratischen Charakter. Antisemitismus spielte aber lediglich eine untergeordnete Rolle.« In »Szombat« schreibt er: »Die Demonstrationen auf dem Kossuth Platz sind weniger gefährlich als unangenehm und abstoßend.«
Ein zentraler Bestandteil der derzeitigen politischen Entwicklungen ist der Versuch des FIDESZ, seine politischen Gegner zum Rückzug zu zwingen. Dabei baut Oppositionsführer Orbán auf die Macht der Straße und ruft wiederholt zu Großkundgebungen auf. Für Gadó liegt hier die zentrale Problematik: »Wenn der FIDESZ, dessen Sprecher selbst keine antisemitische Rhetorik verwenden, seine Anhänger in einer vergifteten politischen Atmosphäre auf die Straße holt, werden stets auch die radikalen und gewaltbereiten Elementen dazustoßen.« Dennoch verspüre er für die Zukunft keine größere Bedrohung, da die Mehrheit der Demonstranten doch gemäßigt sei. Als Vertreter der jüngeren Generation von Juden, die in der sozialistischen Kádár‐Ära aufgewachsen ist, zeigt er sich weniger besorgt als viele Mitglieder der jüdischen Gemeinde, zu denen noch Holocaust‐Überlebende zählen.
Auf der anderen Seite der Donau im Stadtteil Buda befindet sich die »Lágymányosi«-Gemeinde des 35jährigen Rabbiners Zoltán Radnoti. Etwa 100 Familien beten regelmäßig in der kleinen Synagoge. Besonders die Älteren unter ihnen seien verängstigt, da sie sich angesichts der nationalistischen Symbolik an das Régime der Pfeilkreuzler erinnert fühlten, erklärt Radnoti. Die fehlende Distanz des Oppositionslagers zu diesen Symbolen führt er auf politisches Kalkül zurück. Der Historiker An‐ drás Gerö betont in seinem Beitrag zum aktuellen Studienband »Antisemitismus in Ungarn«, daß rechtskonservative Politiker oft eine verschlüsselte antisemitische Sprache verwendeten, um Stimmen am rechten Rand zu gewinnen, ohne zugleich gemäßigtere Wähler zu verlieren. Untersuchungen besagen zudem, daß fünf Prozent der ungarischen Bevölkerung als überzeugte Antisemiten gelten können, während 25 Prozent antisemitische Tendenzen haben.
Trotz der aufgeheizten Stimmung im Land gibt sich der Rabbiner Radnoti optimistisch. »Antisemitisch denkende Menschen sehen sich derzeit einfach eher in der Lage, ihre Gedanken offen auszusprechen. Für die Zukunft braucht sich auch die jüdische Bevölkerung aber keine großen Sorgen machen.« Antijüdische Übergriffe, die es in Warschau oder Paris schon gegeben hat, seien in Ungarn seiner Meinung nach nicht zu erwarten.
Auch der Lehrer Hegedüs hat sich von seinem ersten Schrecken erholt. Er trägt seitdem selbstbewußt die Kippa auf offener Straße. »Wenn sich die Lage beruhigt hat, werden die antisemitischen Vorkomm‐ nisse auch wieder zurückgehen.«

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