Stanislaw Jerzy Lec

Unfrisierte Gedanken

Er liebte Wien über alles. Stanislaw Jerzy Lec, der mit Aphorismen wie »Sesam öffne dich, ich möchte hinaus!« weltberühmt wurde, bezeichnete sich gerne als »letzten Untertan von Kaiser Franz Joseph«. Die Kapellen in den Warschauer Cafés spielten einen Wiener Walzer zur Begrüßung, wenn Lec zur Tür herein kam. Freunden kam es so vor, als baue er die Wiener Kaffeehausatmosphäre wie eine unsichtbare Dekoration überall dort auf, wo er sich mit seinem grünen Notizbuch niederließ. Und dies mitten im kommunistischen Polen.
Ohne die in Krakau geborene und in München lebende Kulturmittlerin Marta Kijowska wüssten wir all dies nicht. Sie nahm den 100. Geburtstag des großen Aphoristikers in diesem Jahr zum Anlass, seinen Lebensspuren nachzugehen und bei Hanser eine erste Lec‐Biografie vorzulegen: Die Tinte ist ein Zündstoff. Stanislaw Jerzy Lec – der Meister des unfrisierten Denkens ist eine überaus lesenswerte Hommage an den großen Aphoristiker. Diese Text‐Bild‐Zitat‐Collage macht Lust auf eine erneute Lektüre von Lecs Unfrisierten Gedanken.

überleben Über die Zeit des Zweiten Weltkriegs sprach Lec nur ungern. Der am 6. März 1909 im galizisch‐österreichischen Lemberg geborene Sohn einer großbürgerlich‐jüdischen Familie hatte das Ghetto überlebt, das Lager in Tarnopol, die Partisanenkämpfe in den Wäldern und die Judenfänger im nazibesetzten Warschau. Zugute kamen ihm seine hervorragenden Deutschkenntnisse, sein tollkühner Mut – einmal floh er in einer SS‐Uniform – und seine Freunde unter den linken Intellektuellen der Vorkriegszeit. Sie verschafften ihm 1943 nicht nur konspirative Unterkünfte in Warschau, sondern auch Arbeit bei einer Soldatenzeitung und schließlich bei einer Propagandaeinheit der kommunistischen Volksgarde. Hier lernte Lec auch den jungen Marceli Reich kennen, der das Warschauer Ghetto überlebt hatte und Jahre später als Marcel Reich‐Ranicki zum deutschen »Literaturpapst« aufsteigen sollte.
Geradezu ins Schwärmen geriet Lec, wenn die Sprache auf seine Kindheit in Lemberg und Wien kam. Sein Vater, Baron Benno de Tusch‐Letz (der Name wurde später polonisiert), war Bankier und Großgrundbesitzer. Die Familie besaß Ländereien in Podolien und der Bukowina sowie zwei Wohnungen in Lemberg und Wien, wo Lecs Vorfahren in den Adelsstand erhoben worden waren. Die Mutter Adele stammte aus einer sefardischen Familie. Als 1914 der Erste Weltkrieg ausbrach, drängte sie auf eine Verlegung des Wohnsitzes nach Wien. Dort besuchte der Sohn die Volksschule. Zurück in Lemberg legte Stanislaw Jerzy Lec sein Abitur auf dem renommierten deutschsprachigen Karmeling‐Gymnasium ab.
junger linker Obwohl sich Lec stets als Pole fühlte, blieb er zeitlebens dem Habsburgerreich und seinem letzten Monarchen in ironischer Zuneigung verbunden. Politisch engagierte er sich allerdings schon als Jurastudent auf Seiten der Linken. Mit doppeldeutigen Sentenzen wie »Ich bin nicht der Meinung, dass jemand, der eine Seele besitzt, eo ipso schon zur besitzenden Klasse gehört«, spottete er aber auch über die Parolen vom Klassenkampf zwischen Kapitalisten und Proletariern. Nach dem Abschluss des Studiums siedelte Lec Mitte der 30er‐Jahre nach Warschau um, reüssierte dort schnell als scharfzüngiger Satiriker und begann in Intellektuellen‐ und Dichterkreisen zu verkehren. Ihm schien die Welt offen zu stehen. Da brach am 1. September 1939 der Zweite Weltkrieg aus. Lec suchte Zuflucht vor den Deutschen im heimatlichen Lemberg, das im Hitler‐Stalin‐Pakt den Russen zugeschlagen worden war. Doch ähnlich wie im nazibesetzten Polen drohten auch im sowjetisch okkupierten Teil des Landes willkürliche Erschießungen und Deportationen. Um zu überleben, schloss sich Lec dem Verband Sowjetischer Schriftsteller der Ukraine an, verfasste Elogen auf die siegreiche Revolution und schrieb regimefreundliche Texte für die Zeitung Czerwony Sztandar (Rote Fahne). Diese Texte, wie auch eine Hymne auf Josef Stalin, riefen später Kritiker auf den Plan. In scharfen Worten warfen sie dem jüdischen Autor vor, im Zweiten Weltkrieg Polen als »Sowjetkollaborateur« verraten zu haben. Dabei ließen sie völlig außer Acht, in was für einer Zeit und unter welchen Bedingungen diese Texte entstanden waren.

übersetzer Nach dem Krieg begann der Dichter und Satiriker zunächst eine Diplomatenkarriere. Die neue Macht in Warschau schickte ihn als Presseattaché nach Wien. Doch das Österreich der Jahre 1946 bis 1950 war nicht zu vergleichen mit der k.u.k-Monarchie, in der Lec als Kind aufgewachsen war. Vor die Wahl gestellt, in Wien zu bleiben oder nach Warschau zurückzukehren, entschied sich Lec zur Emigration nach Israel. Dort hielt es ihn allerdings nicht lange. 1952 kehrte er zurück ins stalinistische Polen. Die polnische Sprache hatte ihm gefehlt, die Freunde von früher und die Atmosphäre der Warschauer Cafés. Obwohl die herrschende kommunistische Partei Lec zunächst mit einem Schreibverbot belegte, schien er glücklich zu sein. Er fühlte sich auf eine seltsame Art frei, wie Kijowska aus Bemerkungen seiner Freunde schließt. Anders als seine Dichterkollegen musste Lec keine politische Ergebenheitslyrik verfassen wie noch zu Zeiten der Sowjetherrschaft in Lemberg. Er übersetzte. Zu seinen Lieblingsautoren zählten Heine, Lessing, Goethe, Brecht und Tucholsky. Von den Österreichern übertrug er vor allem Trakl und Grillparzer.

weltruhm Damals begann Lec auch, die Aphorismen zu verfassen, die ihm später Weltruhm bringen sollten. Meist wurden sie als politische Seitenhiebe auf das kommunistische Régime verstanden. »Wenn es nichts zu lachen gibt, kommen Satiriker auf die Welt.« Oder: »Kopf hoch, sagte der Henker, als er ihm die Schlinge umwarf«. Doch die Unfrisierten Gedanken, die Karl Dedecius kongenial ins Deutsche übersetzte, sind weit mehr als Regimekritik. Lec zielte auf das Paradoxe und Absurde im Leben eines jeden Menschen ab. Er beanspruchte Allgemeingültigkeit.
Am 7. Mai 1966 starb Stanislaw Jerzy Lec im Alter von nur 57 Jahren an Magenkrebs. Zuvor hatte er lakonisch festgehalten: »Schade, dass man ins Paradies mit einem Leichenwagen fährt!«, aber auch: »Wenn ich ein zweites Mal geboren werde, lass ich mich gleich unter einem falschen Namen eintragen.« Sein Lebenswerk würdigte er selbst einmal mit der liebevoll‐spöttischen Anekdote: »›Schreiben Sie auch größere Sachen?‹, fragte mich eine Dame. ›Nein, nur große‹, war meine Antwort.«

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