ausländer

Unerwünscht

Man muss gut aufpassen, da‐mit man nicht stolpert. Hier, irgendwo tief im Süden von Tel Aviv, liegt überall Schrott, Bauschutt und Müll. Hinter einer Metalltür ohne Namensschild wohnt Gloria mit ih‐
ren zwei kleinen Töchtern. Nach dem vereinbarten Klopfzeichen öffnet sie zaghaft. Die Frau aus Lateinamerika lebt seit sechs Jahren in Israel. Illegal. Seit dieser Zeit ist Furcht ihr ständiger Begleiter, wo auch immer sie ist. Ganz besonders jetzt, nachdem Finanzminister Yuval Steinitz angekündigt hat, innerhalb eines Jahres 100.000 illegale Arbeiter ausweisen zu wollen, sitzt der jungen Frau die Angst im Nacken wie ein böser Geist.
Gloria stammt aus einem Dorf in Honduras. Ihre einzige Aussicht im Leben war dieselbe, die schon ihre Eltern und Großeltern hatten: Armut. Doch die heute 30‐Jährige schaffte es irgendwie, dem bitteren Schicksal zu entkommen. Wie genau, mag sie nicht erzählen, zu schmerzhaft scheinen die Erinnerungen zu sein. Seien es Menschenhändler gewesen oder Schlepper, die sie einst für viel Geld nach Israel gebracht haben – jetzt ist sie hier. »Tagsüber mache ich die Häuser der Reichen sauber und verdiene genug für uns alle. Mehr brauche ich nicht zum Leben.« Etwa sechs Euro bekommt sie für eine Stunde Putzen. Dass sie keine Kranken‐ oder Ar‐
beitslosenversicherung hat und keine Rentenansprüche, stört sie nicht. »Es ist mehr, als ich je zu hoffen gewagt hätte.« Ihre Töchter sind im Land geboren, gehen in die lokale Grundschule, wenn Gloria Spanisch mit ihnen spricht, antworten sie auf Hebräisch. Die Fünf‐ und Zweijährige ha‐
ben nie ein anderes Land kennengelernt. Schulpflicht gilt auch für illegale Immigranten. Normalerweise gehen die drei jeden Abend gemeinsam in den Park zum Spielen, »das war immer mein Traum«, sagt Gloria und schaut durch das zerbrochene Fenster ihrer Wohnung in den blauen Mittagshimmel. In den letzten Wochen aber traut sie sich kaum mehr raus. Ihr Traum ist in Gefahr.

ILLEGAL Etwa 400.000 ausländische Arbeiter befinden sich derzeit hier, viele kommen von den Philippinen oder aus Thailand, arbeiten in der häuslichen Pflege und der Landwirtschaft, Frauen aus Lateinamerika putzen bei den Israelis. Die meisten haben gültige Arbeitsvisa, werden von Agenturen vermittelt. Schätzungen gehen jedoch von bis zu 150.000 Männern und Frauen aus, die ohne Papiere in Israel leben. »Was bei uns passiert, ist unerträglich, während die Leute hier unerlaubt arbeiten, haben unsere Bürger keine Jobs«, verkündete Steinitz und ordnete die Mitarbeiter seines Ministeriums an, einen umfassenden Plan zu erarbeiten. Es müsse unwirtschaftlich für Arbeitgeber werden, Illegale zu beschäftigen. Derzeit liegt die Strafe, wenn sie denn tatsächlich verhängt wird, bei bis zu 20.000 Euro. Der Minister denkt jetzt daran, die Summe zu verdoppeln.
Wirtschaftskrise Grund für Steinitz’ Initiative ist die Wirtschaftskrise, die schon seit Langem auch in Israel angekommen ist. 200.000 Arbeitslose stehen derzeit bei den Arbeitsämtern Schlange, eine kleine Fabrik nach der anderen meldet Konkurs an, sogar die einst blühende High‐tech‐Branche kränkelt. »Jedid«, eine Orga‐
nisation zur Stärkung der Kommunen, be‐
richtet von 18 Prozent mehr Menschen, die ihre Hilfe in den vergangenen drei Monaten in Anspruch genommen haben. Mehr als 60 Prozent von ihnen sind Olim Chadaschim, also Neueinwanderer, die innerhalb der letzten zehn Jahre ins Land gekommen sind. Oft mache es ihnen der Mangel an Sprache und Kulturkenntnissen doppelt schwer, Arbeit zu finden. Etwa die Hälfte der Suchenden sind über 45 Jahre alt.
Jede Woche wartet auch Alexander Illych geduldig mit seiner Nummer in der Hand vor dem Schalter im Arbeitsamt. Vor zehn Jahren wanderte der 50‐jährige Ingenieur aus der Ukraine ein, vor einem Monat verlor er seinen Job in einer mittelständischen Firma. Seitdem steht er hier und hofft auf bessere Zeiten. Finanziell überleben kann er nur, weil seine Frau nach wie vor Arbeit hat und das Ehepaar den Gürtel viel enger schnallt. Laut Gesetz muss Illych, um Sozialleistungen zu erhalten, jeden vergleichbaren Job annehmen. Würde er aber auch für einen Mindestlohn Erdbeeren pflücken oder alte Menschen pflegen? »Ich glaube nicht«, sagt er und schaut etwas betreten auf den Boden, »zumindest nicht, solange wir keinen Hunger leiden«. Dass Menschen illegal in Israel leben, findet er trotzdem nicht richtig. »Wir sind ein zu kleines Land und das einzige für Juden, da müssen wir nicht Fremde von überall her aufnehmen. Das geht einfach nicht.«

aktionismus Sozialarbeiterin Efrat Ca‐santini kennt viele Fälle wie Illychs und sieht die Initiative des Finanzministers als blinden Aktionismus. »Kein Israeli wird diese Arbeiten machen wollen. Sie putzen keine Toiletten und arbeiten auch nicht auf Feldern. Sollten die fremden Arbeiter tatsächlich alle deportiert werden, würde es einen riesigen Engpass geben. Diejenigen die dann leiden, sind die Ausgewiesenen, die Arbeitgeber, die ohne Leute bei der Ernte dastehen, und die Alten, die kein Pflegepersonal haben.« Selbstverständlich könnten nicht endlos viele Leute aus dem Aus‐
land in den kleinen Staat kommen, meint sie, doch die Ausweisungen seien nicht die Lösung und würden keine Jobs wiederbringen. »Denn dann würden ohnehin ganz schnell wieder neue Arbeiter geholt.«

Ausweisung Derzeit deportiert und bringt Israel alle paar Jahre aufs Neue Fremdarbeiter, seitdem Palästinenser aufgrund der Sicherheitssituation kaum mehr im Kernland arbeiten dürfen. Diese Tatsache ermöglicht es den Arbeitgebern, ausbeuterische Praktiken an den Tag zu legen wie Bezahlung unter Mindestlohn, keine Gewährung von Urlaub oder freien Tagen sowie keine ausreichende soziale Absicherung. Viele Menschenrechtsorganisationen, darunter die »Worker’s Hotline«, die sich für die Rechte der illegalen Arbeiter einsetzt, sprechen sich gegen die Deportationen aus und propagieren stattdessen gleiche Rechte für alle, damit keine neuen Fremdarbeiter mehr ins Land geholt werden müssen.
Gloria würde sich mehr als freuen, Si‐
cherheit zu haben und offiziell für immer in Israel bleiben zu dürfen. »Ich möchte wirklich niemandem die Arbeit wegnehmen«, sagt sie und lächelt scheu. »Aber ich würde schon gern für immer bleiben dürfen und wieder mit meinen Mädchen in den Park zum Spielen gehen.«

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