Israels Einfluß

Und täglich grüßt die Lobby

von Matthias B. Krause

Es war keineswegs so, daß sie die Kontroverse nicht vorhergesehen hatten. „Wir wußten, daß einige der Erwiderungen weder nachsichtig noch fair sein würden“, sagt Stephen Walt, Politologe an der Harvard‐Universität in Boston. Doch die Wucht der Kritik am Positionspapier „Die Israel‐Lobby und die US‐Außenpolitik“ hat ihn und seinen Co‐Autoren John Maersheimer (Universität Chicago) dann doch überrascht. „Wir sagen in unserem Papier, daß jeder, der Israel oder Amerikas Beziehung zu Israel kritisiert, fast sicher sein kann, ein Antisemit genannt zu werden – und genau das passiert uns jetzt“, sagte Maersheimer, „doch wir stehen zu unseren Thesen und drängen die Leute dazu, den Text zu lesen und sich ihre eigene Meinung zu bilden.“
Alan Dershowitz, renommierter Rechtsprofessor an der Harvard‐Universität, hat genau das getan. Er kommt zu einem vernichtenden Urteil. Die Kollegen zerstörten ihre Reputation, meint er: „Wir haben dieses Gerede vor einer machtvollen jüdischen Lobby alle schon einmal gehört, aus dem arabischen Lager und von rechtsextremen Internetseiten. Das ist paranoid und reine Verschwörungstheorie.“ Das gesamte Gedankengebäude der beiden sei „recycelter Müll“. Die Anti‐Defamation‐ League nennt den Essay gar „eine klassische konspirative antisemitische Analyse“.
Keine andere Lobby in Washington habe es so wie die israelische geschafft, die amerikanische Außenpolitik entgegen deren eigenen Interessen umzuleiten und die Amerikaner zu überzeugen, die US‐Interessen und jene Israels seien dieselben, schreiben Walt und Maersheimer. „Die Vereinigten Staaten haben zum großen Teil ein Terrorismus‐Problem, weil sie so eng mit Israel verbunden sind – nicht andersherum.“ Sie schreiben, wie sich ihrer Ansicht nach die Israel‐Lobby mit der christlichen Rechten und den Neo‐Konservativen in Washington zusammentaten, um den Irak‐Krieg anzuzetteln. Für die Professoren gehören zur Israel‐Lobby Demokraten und Republikaner gleichermaßen, einflußreiche Think‐Tanks ebenso wie meinungsmachende Zeitungen wie die New York Times und das Wall Street Journal.
Nach eigenen Angaben hatten die Professoren zunächst vergeblich versucht, ihr Werk in US‐Zeitschriften unterzubringen. Schließlich veröffentliche im März die London Review of Books eine gekürzte Fassung des 81seitigen Essays. Außerdem erschien er auf der Harvard‐Webseite. Es dauerte dennoch fast vier Wochen, bis die in Europa schon köchelnde Debatte in den USA auf Temperatur kam. Seitdem gibt es durchaus Versuche, den so scharf Kritisierten zur Seite zu springen, zum Beispiel von dem als ausgesprochen israelkritisch bekannten und als Galionsfigur der amerikanischen Linken etablierten Sprachwissenschaftler Noam Chomsky.
Er beglückwünschte die beiden Autoren für ihren Mut, kritisch Stellung zu beziehen. Kritisch merkte er jedoch an, Walt und Maersheimer hätten eine „reichlich naïve Sicht“ auf die US‐Außenpolitik. Ähnlich sieht das „Slate“-Autor Christopher Hitchens: „Jeder weiß, daß das American Israel Public Affairs Committee und andere jüdische Organisationen einen großen Einfluß auf die US‐Politik im Nahen Osten haben, besonders auf dem Capitol Hill.“ Dennoch stellten die Autoren die jüdische Macht in Washington übertrieben groß dar. „Wunschdenken hat zu ernsten Falscheinschätzungen über den Ursprung der Pro‐ bleme geführt und einen Artikel produziert, der vor Langweiligkeit und Mittelmäßigkeit nur dadurch geschützt wird, daß er zweifelsfrei anrüchig ist.“
Walt hat mittlerweile seinen Job als Leiter des Politologischen Insituts in Harvard aufgegeben – was lange geplant war, wie die Universität versichert. Ihr Logo zog sie dennoch von der Webseite zurück, auf der das zweifelhafte Werk steht.

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