vortrag

»Und dennoch«

Widerstand gegen das Naziregime ist ein Thema, das von vielen Seiten angegangen und beleuchtet wird. Michael A. Meyer hat sich dem Thema »Jüdischer geistiger Widerstand während der NS‐Zeit« beim Jahresvortrag der Stiftung für Jüdische Geschichte und Kultur in Europa gewidmet. Kooperationspartner dieser Veranstaltung im Hubert‐Burda‐Saal des Münchner Gemeindezentrums waren das Kulturzentrum der IKG und die Abteilung für Jüdische Kultur und Geschichte der Ludwig‐Maximilians‐Universität München. Michael A. Meyer ist emeritierter Professor am Hebrew Union College in Cincinnati und Internationaler Präsident des Leo Baeck Instituts. Er hat zahlreiche Bücher zur jüdischen Geschichte geschrieben und ist Herausgeber der vierbändigen Deutsch‐Jüdischen Geschichte in der Neuzeit, die bei C. H. Beck erschienen ist. In seinem Vortrag sprach er über die beiden deutschen Rabbiner Joachim Prinz (1902–1988) und Leo Baeck (1873–1956). Michael Brenner, Professor am Lehrstuhl für Jüdische Geschichte und Kultur der LMU, dankte in seiner Einführung zunächst Präsidentin Charlotte Knobloch für das Zustandekommen des Abends sowie dem Mäzen Nicolaj Kiessling, der die Stiftung für jüdische Geschichte ermöglicht hat. Den Referenten Michael A. Meyer stellte Brenner als den wohl besten Kenner deutsch‐jüdischer Geschichte vor.

widerstand 1937 in Berlin geboren, habe dieser noch während des Krieges mit seiner Familie aus Deutschland fliehen können. Nicht nur mit Anspielung auf Cincinnati als Schwesterstadt von München sagte Professor Meyer, dass er sich hier ganz zu Hause fühle.
Sowohl Prinz als auch Baeck – jeder von diesen beiden habe dem Nazi‐Régime Widerstand geleistet, wenn auch auf ganz unterschiedliche Weise. Prinz emigrierte, Baeck blieb in Deutschland – ganz bewusst, wie Meyer betonte. Joachim Prinz war Rabbiner in Berlin und zugleich engagierter Zionist. Heute sei er weit weniger bekannt als Leo Baeck, sagte Meyer. Er sei aber möglicherweise der populärste seiner Zeit gewesen, besonders bei der Jugend. Bereits 1929 habe er auf die Gefahr durch Hitler hingewiesen. Viele der Juden in Deutschland hätten jedoch die Wandlung im Verhalten ihrer deutschen Mitbürger nicht verstehen können. Prinz habe immer wieder gegen das Bild des Juden, wie er in der Presse dargestellt wurde, angekämpft. Die Assimilation habe Prinz als fehlgeschlagen erkannt. Für ihn als Zionisten sei deshalb klar gewesen, das Deutschland für die Juden nicht die Heimat sein könne. Einige Male von der Gestapo verhaftet, emigrierte Prinz 1937 in die USA. Dort nahm er jede Gelegenheit war, über das Schicksal der Juden in Deutschland zu informieren und aufzuklären. »Als Kind der Weimarer Kultur setzte er sich bedenkenlos über gesellschaftliche Normen hinweg«, charakterisierte ihn Meyer. Seinem Engagement für die entrechteten Juden in seiner deutschen Heimat entsprechend, war ihm auch die Ungleichbehandlung zwischen Schwarz und Weiß in den Vereinigten Staaten nicht nachvollziehbar. Er trat auch für diese Minderheit ein und beteiligte sich 1963 beim Marsch auf Washington mit Martin Luther King. Während also Rabbiner Joachim Prinz versucht habe, auch von außen mit Aufklärung über das NS‐Régime Widerstand zu leisten, war Leo Baeck bis zuletzt als Rabbiner bei seinen Gemeindemitgliedern und Leidensgenossen geblieben. Obwohl auch er die Möglichkeit zur Emigation gehabt hätte, nahm er diese nicht war, sondern verhalf anderen dazu. Leo Baeck, der seit 1912 als Rabbiner in Berlin wirkte, nahm am Ersten Weltkrieg als Feldrabbiner teil. In den Folgejahren engagiert er sich unter anderem für eine interreligiöse und kulturelle Verständigung zwischen Juden und Christen. Er engagiert sich außerdem in verschiedenen jüdischen Organisationen.

Werte Auch er erkennt schnell, was den Juden Deutschlands unter der NS‐Herrschaft droht. Bei Auslandsreisen macht auch er auf ihre Lage aufmerksam. Und er bleibt. Mehrere Male wird er von der Gestapo verhaftet. »Und dennoch« – diese Aussage, die sich in Baecks philosophischem Werk immer wieder findet, kennzeichnet für Michael A. Meyer auch die Haltung des Rabbiners während der NS‐Zeit. Baeck organisiert Hilfe und er tröstet diejenigen, die nicht auswandern können. Er betont immer wieder die Grundwerte und Wahrheiten der jüdischen Religion: Den Geboten nachzukommen ist für ihn eine wichtige Grundlage. So widersetzt er sich konsequent dem Befehl der Gestapo, sich am Schabbat bei ihnen vorzustellen. Sein Verhalten ruft sogar bei seinen Feinden einen gewissen Respekt hervor.

Überzeugung Im Januar 1943 wird Leo Baeck nach Theresienstadt deportiert. Selbst im Konzentrationslager tröstet der inzwischen über 70‐jährige Rabbiner seine Mithäftlinge, hält Predigten. 1945 wird Theresienstadt von der Roten Armee befreit. Baeck hat überlebt und übersiedelt jetzt nach London. Für ihn war das deutsche Judentum damals zu Ende. »Baeck hielt an seinen Überzeugungen fest. Er war ein Vorbild für seine Zeit und auch für die Gegenwart«, charakterisiert ihn Meyer.

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