Auguststraße

Umzug statt Raumnot

von Christine Schmitt

»Mir ist jede Lösung recht, die Erleichterung bringt«, sagt die Direktorin der Jüdischen Oberschule, Barbara Witting. Ideal wäre allerdings ein neuer Standort für die ganze Schule.
Das Gebäude der Jüdischen Oberschule an der Großen Hamburger Straße ist in den vergangenen Jahren zu klein geworden und muss dringend umziehen. Kon-
zipiert ist es für 250 Schüler, derzeit drücken indes 430 Kinder und Jugendliche die Schulbank, so Witting. Es fehle an Platz für Kinder, Lehrer, Angestellte und Eltern. So gebe es zu wenig Klassenzim-
mer, keinen Konferenzraum für Lehrer, kaum Möglichkeiten zur Aufbewahrung von Unterrichtsmaterialien, die 50 Mitglie-
der der Gesamtkonferenz müssten im Leh-
rerzimmer tagen, die Aula sei gleichzeitig Mensa und das Außengelände für die An-
zahl der Schüler bei Weitem nicht ausreichend. Das teilte Barbara Witting der Re-
präsentantenversammlung (RV) in einem »Brandbrief« mit.
In den vergangenen zwei Jahren sei be-
reits Unterricht in Räume der Oranien-
burger Straße ausgelagert worden. Zum Sportunterricht müssen die Schüler ohnehin über die Straße gehen, denn die Turn-
hallen befinden sich im Innenhof der Oranienburger Straße und dem Gebäude-
ensemble rund um die Ahawa. Und um die Zukunft der Ahawa mitsamt der drei weiteren denkmalgeschützten Häuser der Auguststraße 11 bis 16 (ehemalige jüdische Mädchenschule, Torhaus und das Gebäude zwischen Torhaus und Ahawa) ging es auch bei der jüngsten Repräsen-
tantenversammlung (RV). Eines scheint sicher zu sein: Die Jüdische Oberschule wird eine Rolle dabei spielen. Denn in allen Konzepten der mittlerweile drei Bewerberparteien wird sie berücksichtigt.
Die Architekten Ruth Golan und Kay Zareh kennen das Gebäudeensemble schon seit 1991, denn seitdem sind sie im-
mer wieder von der Gemeinde beauftragt worden, Gutachten über den Zustand zu erstellen. Sie haben insgesamt vier Kon-
zepte ausgearbeitet.
Plan 1 sieht vor, dass die gesamte Jü-
dische Oberschule in der Auguststraße Platz findet. Zusätzlich könnten Wohnun-
gen und Jüdische Institutionen wie beispielsweise die Volkshochschule und Ver-
waltung untergebracht werden. »Die ge-
samte Schule braucht mindestens 3.000 Quadratmeter Fläche«, so Golan. Die Nut-zungsfläche von allen vier Häusern könnte etwa 5.000 Quadratmeter betragen. Geschätzte Kosten für die Gesamtsanie-
rung: 19 Millionen Euro.
In den drei anderen Vorschlägen wird der Jüdischen Oberschule eine Erweiterung zugedacht und als Schwerpunkt je-
weils ein Hotel, ein Altersheim oder ein Mehrreligionenhaus. Allen vier Konzepten gemeinsam ist, dass weitere jüdische Institutionen untergebracht werden können. Auch Avitall Gerstetter und Samuel Urbanik, Initiatoren des »Mehrreligionen-
hauses«, haben ihr Konzept überarbeitet und um eine Erweiterung der Jüdischen Oberschule ergänzt. Allerdings komme es für sie nicht in Frage, eine komplette Jü-
dische Oberschule und eine jüdisch-muslimisch-christliche Akademie nebeneinander auf dem Gelände unterzubringen. »Unser Schwerpunkt bleibt die Akademie«, so Urbanik.
In ihren in der RV vorgestellten Plänen haben sie der Jüdischen Oberschule 1.000 bis 1.500 Quadratmeter Nutzfläche zugeteilt. Daneben sollen noch Ateliers, Büros für Journalisten, ein Aufnahmestudio, ein Museum und Wohnungen entstehen. »Das Instandsetzen des Gebäudeensembles würde die Gemeinde keinen Cent kosten, denn wir haben eine gesicherte Finanzierung«, berichtet Urbanik, der die Sanierungs-
kosten auf 12 bis 15 Millionen Euro schätzt. Die Grundstücke würden im Ei-
gentum der Gemeinde bleiben und sie könnte von den Mieteinnahmen profitieren. Finanzieren wollen Gerstetter und Urbanik ihr Projekt mit Hilfe von Sponsoren, EU- und Landesmitteln. Auch die Bertelsmann-Stiftung hätte Unterstützung zugesagt, allerdings nur eine ideelle, wie Martin Riega, Leiter der Abteilung Gesellschaft und Religion der Bertelsmann-Stiftung, betont. Sie übernehme keine direkten Baukosten.
Ruth Golan, die die Synagoge Rykestraße saniert und das Lapidarium an der Schönhauser Allee gebaut hat, beruft sich hingegen darauf, dass sie bisher immer öffentliche Gelder erfolgreich beantragt habe. Und verweist auch auf die finanziellen Möglichkeiten, die sich eventuell aus dem Staatsvertrag ergeben könnten. Torsten Wöhlert, Pressesprecher bei der Senatsverwaltung für kulturelle Angelegenheiten, weiß hingegen noch nichts von den Plänen über eine mögliche Erweiterung oder einen Umzug der Jüdischen Oberschule. »Mir ist nur bekannt, dass die Heinz-Galinski-Schule saniert werden soll.«
Der Finanzdezernent der Gemeinde, Jochen Palenker, bezweifelt, dass im Rah-
men des Staatsvertrages mit einer zusätzlichen finanziellen Unterstützung zu rechnen ist. Und die Gemeinde könne es sich nicht leisten, das Areal auf eigene Kosten für die Oberschule herzurichten, betonte er.
Im September soll das dritte Konzept, das die Journalistin Roza Berger-Fiedler ausgearbeitet hat, in der RV vorgestellt werden, kündigte der RV-Vorsitzende Michael Joachim an. Eine Entscheidung soll dann aber noch nicht fallen.
Derzeit arbeiten schon mal die Handwerker in der Ahawa an einer Trockenlegung des Hauses. Denn im vergangenen Herbst hat der Senat eine Zwangssanierung angeordnet, um das denkmalgeschützte Haus vor dem Verfall zu retten.

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