Paul Schatz

Umgestülpte Gedanken

von Matthias Mochner

Wie kaum ein anderer Naturwissenschaftler des 20. Jahrhunderts bemühte sich der am 22. Dezember 1898 in Konstanz am Bodensee in jüdisch‐bürgerlichem Elternhaus geborene Paul Schatz konsequent um die Entwicklung einer dem Menschen würdigen Technik. Auf Wunsch seines Vaters Samuel, der eine Maschinenfabrik besaß, Mitglied im Konstanzer Stadtrat und in der jüdischen Gemeinde aktiv war, studierte er zunächst Maschinenbau und Mathematik in München. Später studierte er noch Astronomie und – bei Theodor Lessing in Hannover – Philosophie.
In Anbetracht der ambivalenten, da Mensch und Natur gefährdenden, Nutzanwendungen heutiger Technologien erwies sich die von Paul Schatz in der Folge der Entdeckung der Umstülpbarkeit des Würfels entwickelte Oloid‐Technik als heilsame Revolution. Eine stille freilich, denn in den einschlägigen naturwissenschaftlichen Lexika taucht sein Name nur selten auf. Für das Oloid, ein taumelnder Wälzkörper, dessen Form sich aus der von Schatz am 29. November 1929 entdeckten pulsierenden Hexaederumstülpung ergibt, erhielt er am 15. Dezember 1970 Patent Nummer 500.000 des schweizerischen Patentamtes. Auf der Basis dieser Technik entwickelte Schatz unter anderem einen Schiffsantrieb. Die Oloidbewegung ist derjenigen von Fischflossen qualitativ verwandt, eine Beobachtung, die das Naturgemäße dieser Technologie, die durch die von Schatz 1975 noch selbst begründete Oloid AG in Basel inzwischen weiterentwickelt und weltweit vertrieben wird, unmittelbar vor Augen führt: Bewegungen von Fischflossen können, da sie dem wässrigen Medium adäquat sind, nie schädigend auf Meeresorganismen oder Uferbereiche wirken.
»Die Rhythmusforschung im Bereich der Energetik«, schreibt Schatz in seinem 1975 erschienenen Hauptwerk Rhythmusforschung und Technik, »kommt nicht darum herum, dem Studium der Gravitation dasjenige der Levitation hinzuzufügen.« Dass sein ungewöhnlicher Forschungsansatz auf Kritik, Unglauben, ja Ignoranz stoßen musste, dessen war sich Paul Schatz voll bewusst. So schreibt er in einem noch unveröffentlichten Brief vom 26. April 1954 an den Forscher Hans Jenny: »Ich gleiche einem Menschen, der Harfen verkauft an Menschen, die Wäsche daran aufhängen.«
Schatz war, wie er am Ende von Rhythmusforschung und Technik formuliert, fest davon überzeugt, dass man auf die Errungenschaften der Technik gegebenenfalls aus Einsicht verzichten müsse, wenn sich zeige, dass deren Leistungen »mit dem Verlust einer vollmenschlichen Bewusstseinsentwicklung erkauft werden mussten«. Vor diesem Hintergrund waren ihm nach eigener Aussage seine zahlreichen Objekte und Erfindungen (darunter sogar eine umstülpbare Lampe) gleichsam nur »Abfallprodukte« eines geistig‐künstlerischen Weges, dessen wesentliche Impulse er dem Studium der Anthroposophie Rudolf Steiners (1861–1925) verdankte. Aufzeichnungen in Schatz’ zahlreichen noch unveröffentlichten Notizbüchern lassen erkennen, dass er sich mindestens seit 1923 zeitweise täglich dem Studium der Anthroposophie widmete.
Schatz, der aufgrund seiner außergewöhnlichen mathematischen Begabung 1916 in der Obersekunda in den technischen Fächern den Graf‐Zeppelin‐Preis erhielt, siedelte mit seiner späteren Frau Emmy Witt im Jahre 1927 von Unteruhldingen am Bodensee nach Dornach in die Schweiz über. Wenige Jahre später wurde er wegen seiner jüdischen Abstammung aus Deutschland ausgebürgert. Erst 1972, sieben Jahre vor seinem Tod am 7. März 1979, erhielt er nach langem bürokratischem Kampf das Schweizer Bürgerrecht.
Sein Verhältnis zum Judentum ist, anders als etwa im Falle des Kulturphilosophen und Vordenkers der deutschen Volkshochschulbewegung Theodor Lessing, mit dem er bis zu dessen Ermordung durch die Nationalsozialisten 1933 in Freundschaft verbunden war, nicht befriedigend aufgearbeitet. Unter den zahlreichen im Paul Schatz Archiv Basel verwahrten Dokumenten finden sich etliche Hinweise und auch ein Aufsatz zum Thema. Und der Dichter und Vorsitzende der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft, Albert Steffen (1884–1963), mit dem Schatz in Kontakt stand (er wollte die Umstülpungsphänomene bühnentechnisch zur Anwendung bringen), deutet in einer Tagebuchnotiz aus dem Jahre 1942 das menschliche Leid an, das Paul Schatz aufgrund seiner jüdischen Herkunft widerfuhr.
Schatz selbst war sich der weitreichenden praktischen Konsequenzen seiner Forschungen stets bewusst, und war im Gespräch mit anderen immer bemüht, Missverständnisse und Denkhürden zu überwinden. So schreibt er am 15. Dezember 1954 an den Architekten Wolfgang Gessner über den Umstülpungsgürtel des in drei Teile gleichen Volumens gegliederten Würfels: »Um Ihre Frage mit der größten in dieser Hinsicht möglichen Wahrscheinlichkeit zu beantworten: Diese Um‐ stülpung hat vor mir noch niemand gefunden. Da die Sache sich über die ganze Skala von Pädagogik zur Technik erstreckt, also von der innerlichsten Erkenntnisbildung bis zu dem äußerlichsten Gebrauch in der Mechanik, schien es aus letzterem Grunde geboten, das Gelenksystem zum Patent anzumelden.« Gerade dieser als Modell beweglichen Denkens beliebt gewordene Umstülpbare Würfel zeigt, worauf es Schatz ankam, wenn er – etwa in der mehrteiligen Artikelserie »Form und Raum« in der Architekturzeitschrift »Mensch und Baukunst« – die Notwendigkeit der Synthese von »Formwissen« und »Formfühlen« ausarbeitet. Diese Fähigkeit, die Qualitäten von Formen innerlich exakt nachzuempfinden, ist für Schatz Entwicklungsvoraussetzung für eine menschenwürdige Technik.
In seinem Gedicht über den Würfel aus dem Jahre 1963 charakterisiert Schatz das Neuartige seiner Forschungen wie folgt: »Da ich den Würfel aus sich selbst befreite / Und ihn dem Weltensphärenraum verband, / Bewog ich ihn in sich zurückzukehren. / Seither ertönt ein Zwiegespräch / Der Sphären‐ und der Schwerewesen. / Und alles, was ich sage und gestalte / Ist solchen Zwiegesprächen abgelauscht«. Für seinen Forschungsansatz prägte Paul Schatz in Anlehnung an den romantischen Dichter, Philosophen und Naturwissenschaftler Friedrich von Hardenberg (1772–1801) den Begriff der »Mathesis Novalis«.

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