Bustan Shalom

Tübinger Träume

David Holinstat hat Ideen. »Wenn liberale Juden Platz finden unter dem Dach der Einheitsgemeinde, dann wäre das ideal.« Und er ist ein Suchender. Den Software‐Ingenieur aus Südkalifornien führte seine Leidenschaft für die klassische Musik nach Europa. Denn nur hier, wo auch die Architektur und die Geschichte eine lange Tradition haben, konnte er finden, was er suchte. Aus zwei, drei geplanten Europajahren wurden zwölf. Inzwischen ist David Holinstat auch ein begeisterter und ge‐
schätzter Chorsänger geworden. Dass er jetzt auch bei den Hohen Feiertagen in der liberalen Münchner Gemeinde »Beth Shalom« singt, konnte er bei seiner Ankunft in Deutschland noch nicht wissen.
»Ich stamme aus einer säkularen Familie, Seder, Chanukka und die anderen Feste haben wir aber gefeiert«, erzählt Holinstat. Die Eltern gaben ihren Kindern jüdische Werte mit, lebten sie jedoch nicht konsequent aus. Sehr viel wichtiger aber scheint dem Wahl‐Schwaben, dass seine Eltern das Prinzip der Liberalität lebten. Sie führten eine gleichberechtigte Ehe und erzogen ihre Kinder im Geiste der Freiheit. Diesem inklusiven Impuls folgend, wurde David Holinstat Mitglied der liberalen Münchner Gemeinde.
Claudia Rosenstein kam mit ihrer Familie vor neun Jahren aus Brasilien nach Deutschland. »Ich bin Pädagogin, ich interessierte mich für Anthroposophie, da war Stuttgart die richtige Adresse«, sagt die Französischlehrerin. Aufgewachsen ist Rosenstein in einer konservativen Gemeinde in Sao Paulo. »Ich bin von Kind an mit den jüdischen Traditionen und Ritualen verwurzelt«, erläutert die Mutter zweier fast erwachsener Töchter. So wurde die ganze Familie bei ihrer Ankunft in der Schwabenmetropole auch Mitglied der Is‐
raelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs in Stuttgart (IRGW).

Gäste Dann trafen sich David Holinstat und Claudia Rosenstein in Berlin bei der Tagung der Union progressiver Juden in Deutschland und waren begeistert, dass sie die gleichen Ideen und Vorstellungen hatten und beide aus Süddeutschland kamen. Claudia Rosenstein nahm Kontakt zu Beth Shalom auf, fand es »superschön« und begann sich vor etwa eineinhalb Jahren zeitgleich mit David im Tübinger Verein »Bustan Shalom« zu engagieren. »Der Verein wurde 2006 von meist aus dem Ausland stammenden Juden gegründet. Die ersten Mitglieder waren neben anderen Martin Potlop und Lilian Marx‐Stölting«, berichtet David Holinstat. »Zwei Familien mit Kleinkindern, und es gab öfters Ausfüge. Wir wanderten und grillten im Schönbuch‐Wald. So entstand der Name Bustan Shalom, Garten des Friedens. Der Name soll etwas von der Natur widerspiegeln.«
Zur Zeit habe der Verein – meist sind es Akademiker, Studenten oder Geschäftsleute aus verschiedenen Ländern – etwa 30 Mitglieder. Einmal im Monat treffen sie sich – oft auch mit Gästen – im Gemeindehaus der christlichen Dietrich‐Bonhoeffer‐Gemeinde.
»Wir sind dieser offenen spirituellen Gemeinde sehr dankbar, dass sie uns mietfrei als Gast aufnimmt«, sagt Claudia Ro‐
senstein. Und stolz sei sie auch, dass sie es seit nunmehr eineinhalb Jahren geschafft hätten, jeden Monat eine Veranstaltung zu organisieren. Nach Buttenhausen auf der Schwäbischen Alb führte ein Ausflug zum jüdischen Friedhof und zur Ausstellung »Jüdisches Buttenhausen«. Im Stuttgarter Theater »Wortkino« erlebten sie eine Veranstaltung zum 100. Geburtstag von Hilde Domin. In der Hechinger Synagoge feierten sie einen Oneg Schabbat und einen Schacharit mit dem liberalen Landesrabbiner von Schleswig‐Holstein, Walter Rothschild.

regelmässigkeit Und auch ohne Rabbiner oder Chasan feiert Bustan Shalom regelmäßig Schabbat mit anschließendem Kiddusch mit vegetarischem Bufett, zu dem jeder etwas beisteuert. »Es war für alle ein ganz besonderes Gefühl, in den Gemäuern der Alten Synagoge von Hechingen ei‐
nen Gottesdienst zu erleben«, schwärmt David Holinstat. Rabbiner Rothschild habe einigen Frauen einen Tallit angeboten und sie zur Tora aufgerufen, und die, die angenommen hätten, seien wie auch die übrigen Gottesdienstteilnehmer sehr berührt gewesen. »Teilnahmen am Mini‐Limmud wie im Mai dieses Jahres sind für uns auch immer Anlass zu lernen«, sagt Claudia Rosenstein‐Marx. Und sie ergänzt: »Je mehr wir die hebräischen Gebete und Ge‐
sänge lernen, umso besser geht es auch ohne Rabbiner.«
Aus dem Wunsch nach mehr Religiosität entstand nun die Veranstaltung »Tübinger Tora Tage Simchat Tora«. Sie werden unter Regie von Bustan Shalom in diesem Jahr vom 9. bis 11. Oktober mit Annette M. Böckler vom Leo‐Baeck‐College/London stattfinden.
Hoffen die Vereinsmitglieder, eines Ta‐
ges eine liberale Gemeinde in Tübingen gründen zu können? »Das ist ein Traum, vielleicht eine Vision, doch die Münchner Gemeinde hat bis zu ihrer Gründung auch 15 Jahre gebraucht«, sagt David Holinstat realistisch. Ab Herbst werden er und Claudia Rosenstein‐Marx beruflich kürzer treten und sich noch intensiver bei Bustan Shalom einbringen können.

Fußball

Eklat in der Oberliga

Torwart soll antisemitische Fotomontage gepostet haben. Askania Bernburg trennt sich von dem Spieler

 18.03.2019

Fußball

Hass-Tweet gegen Cohen

Der israelische Profi vom FC Ingolstadt wird massiv judenfeindlich beschimpft. Jetzt ermittelt der Staatsschutz

 09.03.2019

Sachsen

Thomas Feist wird Beauftragter für jüdisches Leben

Der CDU-Politiker soll unter anderem die Erinnerungskultur und die Bekämpfung des Judenhasses in den Blick nehmen

 07.03.2019