jüdisch-muslimische Verhältnis in Amerika

Traum und Wirklichkeit

Wie würden Sie die Beziehungen zwischen Juden und Muslimen in den USA beschreiben?
Rabbi Marc Schneier: Gute Beziehungen zwischen Juden und Muslimen herzustellen, ist die große Herausforderung des 21. Jahrhunderts. Vor zwei Jahren haben wir das erste Gipfeltreffen von Rabbinern und Imamen aus ganz Nordamerika veranstaltet. Ich sagte damals, dass wir als Kinder Abrahams nicht nur den Glauben, sondern auch ein Schicksal teilen. Am Ende verabschiedeten wir eine Resolution, dass wir 25 Synagogen und Moscheen in ganz Nordamerika suchen wollten, die zusammenarbeiten würden. Die Antwort war überwältigend: Wir fanden mehr als 50 Moscheen und Synagogen, die sich beteiligten.

Wie verlief dieses jüdisch‐muslimische Treffen weiter?
Dazu kann ich Ihnen eine Geschichte erzählen: Ein paar Tage vor der Konferenz fanden Rabbi David Rosen aus Israel und ich heraus, dass die Saudis eine verräterische Figur eingeladen hatten: Dovid Weiss aus Wien, jenen Vorzeigerabbiner, der zu Ahmadinedschads Konferenz von Holocaustleugnern in Teheran gefahren war. Noch ehe ich mich bei meinem Freund Adel A. Al‐Jubeir, dem saudischen Botschafter in Washington, beschweren konnte, rief bei ihm ein anderer Freund von mir an, Said Said, der Generalsekretär der Islamic Society of North America. Er sagte: Diese Einladung sei nicht nur ein Affront für die jüdische Gemeinschaft, die unter diesen Umständen das Treffen wahrscheinlich boykottieren würde. Auch er, Said Said, werde unter diesen Umständen nicht teilnehmen – und wohl auch keine andere muslimische Führungsfigur aus den Vereinigten Staaten. Das ist das Ideal, das wir anstreben: Juden setzen sich für muslimische Interessen ein, und Muslime kämpfen für die Rechte der Juden.

Pardon, aber ist das nicht etwas naiv?
Ich bin dafür bekannt, dass ich nie ein Blatt vor den Mund nehme. Ich bin ein orthodoxer Rabbiner. Ja, ich bin für Toleranz, für wechselseitige Verständigung, aber wenn jemand die rote Linie in puncto Israel überschreitet, dann nehme ich ihn auseinander.

Wie kommt das bei Ihren muslimischen Freunden an?
Vor ein paar Jahren nahm ich an einer Diskussion im libanesischen Fernsehen teil. Außer mir waren zwei Scheichs aus Saudi‐Arabien und ein koptischer Bischof aus Ägypten dabei. Ich sagte dort, dass ich den saudischen König in seiner Entschlossenheit unterstütze, mit der er den religiösen Extremismus bekämpft. Der eine Scheich antwor‐ tete, er sei auf meiner Seite. Die Welt müsse den religiösen Fundamentalismus bekämpfen – nämlich die Zionisten in Israel. Die folgenden 15 Minuten waren das lebendigste Programm, das dort je gesendet wurde. Mein Hauptargument war: Sie können Israel nicht vom Judentum trennen. Sie definieren nicht für mich meine Religion! Wir Juden sind von Israel auf großartige Weise besessen.

Wie soll es jetzt weitergehen?
Im Juli werde ich 15 Rabbiner und 15 Imame aus 13 europäischen Ländern nach New York und Washington einladen. Ich bin an konkreten Ergebnissen interessiert: Ich möchte sie dazu bringen, sich unserem Programm der jüdisch‐islamischen Verständigung anzuschließen. Diese Veranstaltung, für die es in Europa noch kein Vorbild gibt, findet in Zusammenarbeit mit dem American Jewish Congress statt.

Das klingt sehr utopisch. Juden in Europa erleben Muslime häufig als intolerante, sogar gewaltbereite Gruppe. Es ist nicht ungefährlich, mit einer Kippa auf dem Kopf durch ein muslimisches Viertel zu gehen.
Aber das kann sich ändern. Denken Sie an die Beziehungen zwischen Schwarzen und Juden in Amerika! Wenn man sich 1991 die Führung der Afroamerikaner anschaute, so gab es da Louis Farrakhan, der sehr widerliche Bemerkungen über Juden machte, es gab Jesse Jackson, der New York „Hymietown“ („Jiddenstadt“) nannte, Al Sharpton, der uns als „Zwischenhändler“ und Drogenbarone bezeichnete … Das hat sich gründlich geändert. Ich kenne Jackson und Sharpton sehr gut. Beide haben sich um 180 Grad gedreht, haben verstanden, dass ohne diese Wandlung der Zug ohne sie abgefahren wäre.

In Europa packen viele Juden ihre Koffer. Die französischen Juden wandern nach Israel aus, auch viele britische Juden fühlen sich nicht mehr wohl in ihrem Land …
Wenn wir keinen Weg finden, die Kluft zwischen Juden und Muslimen zu überbrücken – wenn es uns nicht gelingt, uns mit den gemäßigten Muslimen zu verständigen –, dann können wir uns von Europa verabschieden, was jüdisches Leben dort betrifft. So einfach ist das.

Wie würden Sie die Beziehungen zwischen Juden und Muslimen in den USA beschreiben?
Abraham Foxman: Sie existieren beinahe nicht. Es gibt nur vereinzelt Bemühungen, auf lokaler Ebene zusammenzuarbeiten. Schauen Sie, die jüdische Gemeinschaft in Amerika ist kein Monolith. Die muslimische Gemeinschaft in Amerika ist ebenfalls sehr vielfältig: Die Muslime aus Bosnien sind ganz anders als die Muslime aus Algerien und Marokko. Die Tatsache, dass diese Gemeinschaften so vielfältig sind, bedeutet, dass sie nur vor Ort und nur auf manchen Gebieten kooperieren. Das Einzige, was uns regelmäßig zusammenbringt, sind traurigerweise Fälle von Rassismus. Da stehen wir einander bei und verurteilen diese Vergehen auch zusammen.

Kennen Sie in Amerika das Problem des islamischen Antisemitismus?
Der wichtigste Unterschied zwischen Juden und Muslimen ist die Haltung zu Israel – das trennt uns. Sogar moderate Muslime finden es schwierig, in dieser Frage öffentlich gemäßigt zu bleiben. Ich hatte viele persönliche Begegnungen mit Muslimen – aber wenn sie nicht willens sind, sich öffentlich zurückhaltend zu äußern, heißt das nicht viel. Antisemitismus gibt es. Er existiert in den Moscheen, er existiert in den Madrassas, er existiert unter islamischen Gruppen in den Gefängnissen. Arabisch‐muslimische Websites sind voll davon. Imame äußern sich in ihren Predigten antisemitisch. Wir wissen das, weil es ab und zu nach außen dringt.

Wie sehen Sie in diesem Zusammenhang die Islamic Society of North America?
Sie ist das einzige Medium für einen Dialog, aber ihre Bandbreite hat Grenzen. Die Islamic Society of North America ist eine Dachorganisation. Sie vertritt viele Gruppen, von denen manche problematisch sind.

Welche Gruppen meinen Sie?
Jede Gruppe, die nicht willens ist, öffentlich und grundsätzlich den Terrorismus zu verurteilen. Ich gebe mich nicht zufrieden mit einem Satz wie: „Ich bin zwar bereit, Terror gegen Amerikaner zu verurteilen, in Israel dagegen …“ Nehmen wir zum Beispiel CAIR, den Council on American‐Islamic Relations. Wir baten diese Organisation, folgendem Satz öffentlich ihre Zustimmung zu erteilen: „Keine gerechte Sache rechtfertigt Terrorismus.“ Wir haben nicht einmal mit CAIR darüber diskutiert, ob es sich wirklich um eine gerechte Sache handelt. Wir sind nicht der Meinung, dass es sich um eine gerechte Sache handelt, aber bitteschön. Wir haben gesagt: Wenn ihr in diesem Punkt nicht zustimmt, werden wir keinen Dialog mit euch führen, uns nicht mit euch treffen und keine Koalition mit euch eingehen. In der Islamic Society of North America gibt es Untergruppen, die diesen Satz nicht unterschreiben.

Wo sehen Sie die jüdisch‐muslimischen Beziehungen im Amerika des Jahres 2019?
Ich hoffe, sie werden besser sein. Sehr viel wird von den Entwicklungen im Nahen Osten abhängen. Das größte Problem ist, dass zu wenige Leute innerhalb der muslimisch‐arabischen Gemeinschaft bereit sind, aufzustehen und sich für bessere Beziehungen einzusetzen. Es gibt zwar Menschen, die willens sind, den Islam zu kritisieren – die sprechen am Ende aber meistens in Synagogen, nicht in Moscheen. Sie sprechen nicht zur muslimischen Gemeinschaft, sondern von außen über sie. Allerdings gab es neulich nach dem versuchten Terroranschlag in Riverdale …

… wo vier muslimische Extremisten zwei Synagogen in die Luft sprengen wollten …
… ein interreligiöses Zusammentreffen. Einer der Teilnehmer war ein Imam. Er sprach öffentlich und verurteilte Gewalt und Rassismus. Wunderbar! Allerdings gibt es keine Tradition des Dialogs. Es hat ja auch lange genug gedauert, einen Dialog zwischen Juden und Christen in Gang zu bringen. Der Islam ist bestimmt keine Religion, die eine lange Tradition des Dialogs kennen würde – auch wenn viele Muslime von Respekt und Toleranz sprechen.

Glauben Sie, dass die Beziehungen zwischen Juden und Muslimen in Amerika so schlecht werden könnten wie in Europa?
Ich hoffe nicht, aber ich glaube es auch nicht. Die soziale Dynamik funktioniert hier anders. Die Atmosphäre bei uns ist anders. Ebenso das Wertesystem. Wir sind mehr ein Schmelztiegel, wir heißen andere Ethnien eher willkommen, wir arbeiten härter daran, andere zu assimilieren. In Europa fühlt sich die muslimische Gemeinschaft nicht integriert, auch jene Muslime nicht, die sich gern integrieren würden. Das erhöht alle möglichen Spannungen – und auch den Grad der Radikalität.

Die Gespräche führte Hannes Stein.

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