Freundinnen

Trauer ohne Trauschein

von Wladimir Struminski

Der Krieg rafft vor allem junge Männer dahin. Viele hatten den Gang unter den Traubaldachin erst vor sich. Zurück bleibt die Chawera, die Freundin. Die junge Frau steht mit der Familie des Toten am offenen Grab, sitzt sieben endlos lange Tage Schiwa, verbringt Stunden an der Grabstätte des Mannes, dessen Ehefrau sie hätte werden sollen, mit dem sie Kinder großziehen wollte. Das Schlimmste, das man ihr antun kann, ist falscher Trost: »Nimm es nicht so schwer. Er war doch nur dein Freund.« Oder: »Du bist jung und hübsch. Du findest bald einen Anderen«.
»Der Glaube, die unverheiratete Freundin eines Soldaten leide unter dem Tod ihres Partners anders als eine Ehefrau«, sagt Phyllis Heimowitz, »ist schlicht falsch.« Dennoch sind die Freundinnen für den Staat Israel Trauernde zweiter Klasse und haben keinen Anspruch auf die umfassende Betreuung, die die Armee Eltern, Kindern und Ehefrauen von Gefallenen gewährt. Um ihnen zu helfen, hat die Eng-
lischlehrerin Heimowitz, vor 40 Jahren aus New York eingewandert, die »Organisation für seelische Unterstützung von Freundinnen gefallener Soldaten« ins Leben gerufen.
Anlass für diesen Schritt war persönliches Erleben. Am 7. September 1997 verlor Heimowitz’ Tochter Michal, damals 22 Jahre alt, ihren Verlobten, Avi Book, im Südlibanon. Der junge Offizier wurde von einer Mörsergranate der Hisbollah getötet. »Er war ein wunderbarer Mensch«, er-
innert sich Heimowitz. »Nichts war ihm zu schwer.« Noch am Tag vor seinem Tod hatten Avi und Michal über den Versand von Hochzeitseinladungen gesprochen. »Nach Avis Tod«, erzählt Heimowitz mit noch immer tränenerstickter Stimme, »verwandelte sich Michal in einen Stein. Sie wollte weder angefasst noch angesprochen werden. Eines Tages sagte sie zu mir: ‚Rette mich. Ich selbst kann das nicht‘«. Nur wie? Michals erster Besuch beim Psychologen war zugleich ihr letzter. Sie fühlte sich von niemandem verstanden. In der scheinbar ausweglosen Situation kam Mutter Phyllis auf die Idee, für ihre Tochter und deren Schicksalsgenossinnen eine Betreuungsgruppe zu gründen. »Die Mädchen, insgesamt zehn, mussten einander nichts erklären. Sie alle hatten das gleiche erlitten.« So begann für Michal die Rückkehr ins Le-
ben. Seit 2002 ist sie verheiratet und hat drei kleine Töchter.
Phyllis und ihre ältere Tochter Tamar wollten aber auch anderen Betroffenen helfen. So riefen sie eine zweite Gruppe ins Leben. Und die dritte und vierte. Heute, mehr als ein Jahrzehnt später, wird die neunzehnte Gruppe betreut. Die Teilnehmerinnen treffen sich jeden Freitag, um zu lernen wie man mit dem gemeinsamen Leid umgehen kann. Erklärtes Ziel der jeweils ein Jahr dauernden Betreuung ist es, den jungen Frauen zu helfen, sich für neue Beziehungen oder Perspektiven zu öffnen. Allerdings ohne Druck. Bei der Schiwa für Avi Book kam der damalige Oberrabbiner Israels, Israel Meir Lau, um die Trauernden zu trösten. Zu Michal sagte er: »Wenn die Zeit kommt, musst Du eine neue jüdische Familie gründen. Danach handeln wir auch«, sagt Phyllis Heimowitz.
Zu Frauen, denen die Organisation in der schwersten Zeit ihres Lebens geholfen hat, gehört Suzie Döring. Ihren Freund Ziki hatte Suzie im Thailand kennenge-
lernt. Sie, die in den USA als Katholikin geboren und als Tochter eines Deutschen und einer Philippina aufgewachsen ist, diente als Freiwillige im amerikanischen Friedenskorps. Die Beziehung der beiden wurde schnell ernst; man plante Suzies Übertritt zum Judentum und die Eheschließung. Dann schlug das Schicksal zu. Während Suzie im Jahr 2005 ihren Abschied von Thailand nahm, kam der Anruf von Zikis Bruder. Ziki war während seines Reservedienstes gefallen. »Du bist 23«, sagt Suzie, »und hast deinen besten Freund verloren. Du stirbst innerlich. Du isst nur noch, weil jemand dir sagt, dass du essen sollst. Du trinkst einfach, um nicht auszutrocknen.« Suzie kam nach Israel – und blieb. Inzwischen ist sie Jüdin und Israelin. Und verlobt. Die Erinnerung aber bleibt. »Du hörst nicht auf, den einen zu lieben. Du lernst, wie man auch jemand anderen lieben kann.«
Heute wird die Organisation von Phyllis, Tamar und Rina Kahan betrieben. Ri-
na, die ihren Freund im Jom-Kippur-Krieg verloren hat, kam vor sechs Jahren dazu. Die Arbeit, die die drei Frauen leisten, wird durch den Staat nur begrenzt gefördert. Die Armee hilft zwar bei der Kontaktaufnahme zu Freundinnen gefallener Soldaten. Allerdings erkennen die Streitkräf-
te und das Verteidigungsministerium die »unverheirateten Witwen« noch immer nicht als »echte« Hinterbliebene an. Die finanzielle Hilfe der Armee ist begrenzt. Ohne Privatspenden könnte die Organisation (www.girlfriendsidf.org.il) die professionellen Gruppenbetreuer nicht bezahlen. Ans Aufgeben denkt Phyllis jedoch nicht. »Ich fürchte«, sagt die 69-jährige Großmutter traurig, »dass unsere Arbeit noch lange nötig sein wird.«

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