Gegenwartsroman

Trau keinem über Dreißig

von Beni Frenkel

Ehrengast der diesjährigen Frankfurter Buchmesse war die Türkei. Ich möchte diesem sicherlich wunderschönen Land nicht zu nahetreten. Aber das Einzige, was ich von seiner Literatur kenne, ist der Name Orhan Pamuk, der mir vage geläufig ist, seit er 2006 den Nobelpreis für Literatur erhalten hat. Gelesen habe ich von Pamuk allerdings noch nie etwas. Dafür kenne ich ein türkisches Sprichwort: »Devede Kulak«. Übersetzt bedeutet es: »Das ist wie das kleine Ohr am großen Kamel«, sprich, das ist eine unwichtige Kleinigkeit.
Womit wir beim deutschsprachigen jüdischen Gegenwartsroman sind. Mit dem geht es mir genauso wie mit Orhan Pamuk. Ich habe ihn noch nie gelesen. Es gibt ihn nämlich nicht, jedenfalls so weit ich das überschaue. Sicher, Charles Lewinsky hat es mit Melnitz für die Schweiz versucht, Eva Menasse für Österreich mit Vienna, Rafael Seligmann mit Der Musterjude für Deutschland. Überzeugt haben diese Bücher mich nicht. Das liegt möglicherweise daran, dass ich Jahrgang 1977 bin und ein ziemlich normales Leben führe: berufstätig, verheiratet, ein Kind. Meine Lebenswirklichkeit und die, wage ich zu behaupten, der meisten jüngeren Juden heute, habe ich in diesen Romanen nicht wiedergefunden.
Andere bekannte jüdische Gegenwartsautoren sind Maxim Biller, Henryk M. Broder und Wladimir Kaminer. Von ihnen habe ich viel gelesen. Biller, Broder und Kaminer haben zwei Gemeinsamkeiten: Ihr Durchschnittsalter beträgt 50 Jahre (wegen Broder) und sie haben sich der eher leichten Muse verpflichtet. Sie schreiben Glossen, Kolumnen, lustige Kommentare. Nicht aber große Romane. Sie gehören nicht zu den Orang‐Utans oder Go‐ rillas, die man im Zoo bestaunen geht, eher zu den lustigen Äffchen wie Lemuren oder Bonobos. Die guckt man sich auch gerne an, aber nicht ewig: Irgendwann kennt man die Späße alle.
So geht es mir mit der deutschsprachigen jüdischen Literatur inzwischen auch. Ich würde gerne etwas von einem jüdischen Schriftsteller lesen, das so etwas wie ein Sittengemälde der Gegenwart beschreibt, wie das Elias Canetti, Lion Feuchtwanger und Stefan Zweig gemacht haben. Einmal natürlich aus Neugier darüber, wie wohl eine jüdische Geschichte in der deutschen Gegenwart ablaufen könnte. Aber auch weil ich es satthabe, dass Bücher mit jüdischem Inhalt hierzulande immer nur in zwei Schubladen fallen: Biografien von Holocaust‐Überlebenden oder Gedankenschwafelei über das Verhältnis zwischen Deutschland und den Juden. Ich bin es auch leid, dass zu gesellschaftsrelevanten Themen immer nur der dauerempörte Ralph Giordano und der Zentralrat der Juden den jüdischen Senf abgeben.
Marcel Reich‐Ranicki wurde vor ein paar Jahren einmal gefragt, wie er das literarische Schaffen der hiesigen Juden beurteile. Er antwortete abschätzig, drückte jedoch die Hoffnung aus, dass von den russischen Zugewanderten etwas Neues kommen könnte. Seitdem hat sich dort tatsächlich einiges getan. Nicht nur den erwähnten Wladimir Kaminer gibt es, sondern auch Lena Gorelik und in Österreich Vladimir Vertlib. Immerhin etwas. Aber das Gros der jungen Zuwanderer studiert lieber Informatik oder Physik, statt Belletristik zu verfassen. Bei uns »Eingesessenen« ist es auch nicht besser. 90 Prozent meines Freundes‐ und Bekanntenkreises, auch die literarisch Begabten, haben lieber Jura oder Wirtschaft studiert. Das ist einfacher und vor allem einträglicher, als sich stundenlang vor einem leeren Blatt Papier beziehungsweise einem leeeren Computerbildschirm das richtige Wort abzuquälen. Niemand möchte sich das offenbar mehr antun. Vom ständig so apostrophierten »Volk des Buches« darf man vielleicht doch etwas mehr erwarten. Wo bleibt der jüdische Uwe Tellkamp, Dietmar Dath, Ingo Schulze oder meinetwegen auch die jüdische Charlotte Roche?
An dieser Stelle fragt der Leser zu Recht: Warum schreibst Du nicht selbst einen Roman, Frenkel, statt nur über andere herumzunölen? Darauf kann ich nur antworten: Mir fehlt die Begabung. Kein Geringerer als Henryk M. Broder hat mir einmal attestiert, dass ich »ein talentfreies Würstchen« sei. Außerdem habe ich den Ehrgeiz gar nicht, einen großen jüdischen Roman zu schreiben. Ich möchte nur gerne einmal einen lesen.
Vielleicht hat es noch einen anderen Grund, dass dieser Roman nicht zustande kommt.Es leben in Deutschland, Österreich und der Schweiz bestimmt Dutzende potenzielle jüdische Romanautoren, die sich nur nicht trauen. Wenn man bei Google »jüdischer Schriftsteller« eingibt, kommen als erste hundert Treffer Heinrich Heine und Franz Kafka. Wer wagt es schon, in solch große Fußstapfen zu treten? Zumal man Gefahr läuft, deutschen Kritikern in die Hände zu fallen. Die pflegen bei jüdischen Neuerscheinungen erst hymnisch das große literarische Erbe des deutschen Judentums zu beschwören, nur um dann ehrlich bedauernd festzustellen, dass der Rezensierte, leider, leider, kein neuer Feuchtwanger, Tucholsky oder Werfel ist, nicht ohne sich dabei selbst an die deutsche Brust zu schlagen: Die Schoa habe diese Tradition zerstört, die jüdische Kultur müsse noch mal ganz von vorn anfangen.
Neulich habe ich gelesen, dass die Deutsche Post eine »Speed Academy« zur Förderung junger Motorsporttalente unterhält, weil, so das Unternehmen, »jeder, der im Motorsport erfolgreich sein will, sehr früh sehr viel dafür tun muss«. Für Schriftstellertalente gilt das Gleiche. Auch die muss man frühzeitig intensiv loben, fördern, unterstützen. Vielleicht hat ja irgendwo ein jüdischer Unternehmer rechtzeitig den Crash kommen sehen und vorher sein Geld in Sicherheit gebracht, so dass er jetzt eine »Jewish Writing Academy« sponsern kann. Zugegeben, das klingt wenig wahrscheinlich. Aber es würde einen schönen Roman abgeben.

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