Novemberpogrom

Tränen und Taten

von Christian Böhme

Als in Deutschland wirklich Pogromstimmung herrschte, war Charlotte Knobloch sechs Jahre alt. An der Hand ihres Vaters hastete sie am Morgen des 10. November 1938 durch Münchens Straßen. Das verängstigte Mädchen sah die zerstörten jüdischen Geschäfte, die brennende Synagoge und viele teilnahmslose Gaffer. Sie spürte, dass die Zukunft aufgehört hatte zu existieren. Die Tränen von damals begleiten Charlotte Knobloch bis heute.
Am vergangenen Sonntag steht die Zentralratspräsidentin vor einem Rednerpult in der prächtigen Synagoge Rykestraße im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg. Mehr als 800 Gäste aus Politik, Gesellschaft und Kultur sind zur zentralen Gedenkfeier anlässlich des 70. Jahrestags der Pogromnacht 1938 erschienen. Die Bundesregierung und der Zentralrat der Juden in Deutschland haben gemeinsam dazu eingeladen. Und die Versammelten hören, wie Charlotte Knobloch sichtlich bewegt davon erzählt, wie sich Willkür, Gewalt und Hass in ihr Leben drängten. Und wie ihr Vaterland zum Mörderland wurde. »Das kleine Mädchen verstand nichts und verstand doch alles«, sagt die heute 76-Jährige.
Aber die Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde München blickt nicht nur zurück. Es geht Knobloch auch um den Mangel an Geschichtsbewusstsein in der Gegenwart, der ihr bitter aufstößt. Darum, dass das Geschehen von damals nicht durch leichtfertige Vergleiche wie die von Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff (siehe Beitrag oben) zu einer belanglosen Fußnote der Vergangenheit degradiert wird. Knobloch ermahnt die Zuhörer, auch auf die kleinen Signale zu achten und darauf entschieden zu reagieren. Zum Beispiel, wenn die rechtsextreme NPD bei den Kommunalwahlen in Brandenburg große Erfolge feiert oder Irans Führung immer wieder die Schoa leugnet und Israel mit Vernichtung droht.
Am Ende ihrer Rede steht ein Satz, den Knobloch als Botschaft an junge Menschen verstanden wissen will und der das zuvor Gesagte auf den Punkt bringt: »Ich bitte euch um alles in der Welt, lasst euch von niemandem einreden, wen ihr zu lieben und wen ihr zu hassen habt.« Ein Schluchzen begleitet den Appell.
Einen ähnlichen Charakter hat auch die Ansprache der Bundeskanzlerin. Verbunden mit ein wenig Eigenlob für Bundesregierung und Bundestag (Programme gegen Rechts, gemeinsame Erklärung des Parlaments gegen Antisemitismus) redet Angela Merkel viel über Verantwortung, Freiheit und Menschenrechte. Sie seien jeden Tag aufs Neue zu verteidigen.
Und Angela Merkel fordert auf: Fremdenfeindlichkeit, Judenhass und Rassismus dürften keine Chance haben. Die »dunkle Nacht« vom 9. auf den 10. November 1938 sei für alle eine Verpflichtung, auch heute gegen Unrecht aufzustehen. Wegsehen und den Mund halten wie in der Pogromnacht, sei nicht akzeptabel. »Wir dürfen nicht schweigen, wenn Rabbiner auf der Straße beleidigt werden. Wir dürfen nicht schweigen, wenn jüdische Friedhöfe geschändet werden. Wir dürfen nicht schweigen, wenn Israels Vorgehen mit einem Vernichtungsfeldzug gleichgesetzt wird.«
Das letzte Wort in der Berliner Synagoge hat an diesem Sonntagvormittag aber kein Politiker oder Funktionär, sondern ein bekannter Kantor. Isaac Sheffer spricht mit eindringlicher Stimme das Kaddisch. El male rachamim, Gott voller Erbarmen.

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