American Football

Touch down

von Martin Krauß

„Eigentlich ist American Football der beste Sport für religiöse Frauen in Israel.“ Der das sagt, ist Steve Leibowitz und Präsident des israelischen American‐Football‐Verbandes. Er sollte es wissen und dennoch traut man seinen Ohren nicht. Doch, sagt er, das sei ihm am Anfang selbst nicht klar gewesen. „Aber bald habe ich bemerkt, dass unser Sport sehr attraktiv für religiöse Frauen ist.“
Shana Sprung gibt Leibowitz recht. Viele Mädchen und Frauen, die mitspielen seien religiös, sie selber auch. Shana Sprung ist 22 Jahre alt und studiert an der Bar‐Ilan‐Universität bei Tel Aviv Kriminologie. Seit fünf Jahren spielt sie American Football. „So lange, wie es diesen Sport in Israel gibt, bin ich dabei.“
Dass Football für Religiöse besonders attraktiv sei, liege am Dresscode, erklärt sie. „Man kann hier anständig und angemessen gekleidet sein: Lange Ärmel, lange Hosen. Schließlich spreche sie hier ja nicht vom sogenannten Tackle Football, bei dem martialisch aussehende Männer mit Helmen und gepolsterten Schultern aufeinander losgehen. Die Frauen spielen Flag Football. T‐Shirts, manchmal auch langärmlige sowie knielange Hosen sind hierbei durchaus üblich.
Auch das Spiel selbst unterscheide sich doch erheblich vom Tackle. Wird dort jemand attackiert, reißt man ihn zu Boden, und die Horde schmeißt sich auf ihn. Beim Flag hingegen ziehe man dem Gegenspieler an einer kleinen Fahne, farbigen Bändern, die rechts und links von einem Gürtel herabbaumeln. Dieses Ziehen ist wie ein symbolisches Niederreißen, der Gegenspieler muss stehen bleiben. Eine recht friedliche Variante des American Football und dennoch sportlich anspruchsvoll.
Yonah Mishaan trainiert die israelische Frauennationalmannschaft. Neben religiösen jüdischen Frauen spielen auch einige Muslimas Football, erklärt der 35‐Jährige. „Auch bei denen darf nicht allzu viel Haut gezeigt werden.“
Ein weiterer Vorteil der Sportart liege in der Turnierführung. „Wir spielen garantiert nicht am Schabbat“, erklärt Footballerin Shana Sprung, was den religiösen Bedürfnissen der Spielerinnen sehr entgegenkomme. „Bei internationalen Turnieren teilen wir das immer vorher mit.“
Etwa 150 junge Frauen und Mädchen spielen in Israel mittlerweile American Football, und wenn im Juli in Kanada die Weltmeisterschaft stattfindet, „dann reisen wir als eines der stärksten Teams an“, ist sich Nationaltrainer Yonah Mishaan sicher.
Noch ist Frauen‐Football überall auf der Welt eine Randsportart. Daher fällt es Turnierorganisatoren auch leicht, die Wünsche des israelischen Nationalteams zu berücksichtigen.
Auch in Israel selber finden die Spiele noch nicht die Beachtung, die sich die Akteure wünschen. Shana Sprung sieht darin eher einen Vorteil: „Einige Frauen haben ein Problem damit, Sport zu treiben, wenn Männer zuschauen. Und bei unseren Ligaspielen sind meist keine Männer dabei“, erklärt sie. So sei der mangelnden Zuschauerzahl auch ein positiver Aspekt abzugewinnen. „Bei den Länderspielen ist das aber anders“, fügt sie schnell hinzu.
Je besser die Frauen spielen, desto säkularer wird der Sport. Nationaltrainer Mishaan hat damit weniger Probleme und erzählt stolz: „Wir waren schon im Fernsehen. Eigentlich zeigen die im Fernsehen nur die NFL‐Spiele und ab und zu mal ein Spiel der israelischen Männer. Aber in den Nachrichten des Sportkanals waren auch die Frauen schon zu sehen.“
Shana Sprung, Yonah Mishaan und Steve Leibowitz sind die Pioniere des American Football für Frauen in Israel. „Es hat mit unseren Sponsoren angefangen, mit Myra und Robert Kraft“, erklärt Steve Leibowitz. „Die sind ja auch Besitzer der New England Patriots in Amerika, die im Februar im Super Bowl standen.“ In Jerusalem haben sie ein „wunderschönes Stadion“ gebaut, das Kraft Family Stadium. Myra Kraft habe ihm dazu gesagt: „Das ist nicht nur für Männer. Ich möchte, dass hier auch Frauen spielen.“ Da sei er sofort zu den jungen Frauen gegangen, die als Zuschauerinnen am Spielfeldrand standen und habe sie eingeladen mitzumachen.
An diesen Nachmittag des Sommers 2003, an dem alles begann, erinnert sich auch Shana Sprung noch gut. „Ich stand da mit Freundinnen, und wir haben unseren Freunden und Brüdern beim Football zugeschaut. Da kam Steve zu uns und fragte, ob wir nicht auch spielen wollen.“ Shana Sprung sagte gerne zu. Und Yonah Mi‐
shaan wurde gerne Trainer.
Das Kraft Family Stadium liegt im Norden Jerusalems beim Sachar Park. Erbaut wurde es 1999. Es fasst etwa 1.000 Zuschauer. Aber niemand legt Wert darauf, dass die Tribünen gefüllt sind. Hier wird vor allem Amateursport betrieben, anfangs außer Football auch Fußball und Softball.
„Zunächst gründeten wir ein Team“, erzählt Shana Sprung. Da sie in Israel keine Gegner hatten, gingen sie auf Reisen. In der Dominikanischen Republik stand die Weltmeisterschaft an. Im April 2004 absolvierte das Team Israel bei der WM sein allererstes Länderspiel – und gewann mit 21:6 gegen die Gastgeberinnen. Schließlich beendeten sie ihre erste Weltmeisterschaft auf Platz vier.
Nach diesem Überraschungserfolg, überlegten sich die Frauen, eine Liga zu gründen. „Am Anfang waren wir nur vier Mannschaften in der Liga, mittlerweile sind es schon 14 Teams“, erzählt Shana Sprung. Eine der nächsten Reisen führte das Team nach Deutschland, ins hessische Walldorf. Dort findet alljährlich der Sparkassen‐Big‐Bowl statt, das wichtigste Flag‐Football‐Turnier Europas. Die Israelis steigerten sich von Jahr zu Jahr, im Juni 2007 konnten sie erstmals das Finale gewinnen: 13:6 nach Verlängerung gegen Österreich.
Der Turniersieg in Walldorf war bislang der größte Erfolg der israelischen Football‐Spielerinnen. „Überhaupt stehen wir international sehr gut da“, sagt Verbandspräsident Steve Leibowitz. American Football in Israel ist eine Erfolgsgeschichte.
Auch für die Initiatorin Myra Kraft hat sich der Einsatz gelohnt. In einem Interview mit der „Jerusalem Post“, sagte sie kürzlich, dass ihre Investition in den Football zu denen gehört, die sie am stolzesten machen: „Immer, wenn ich in Jerusalem zum Stadion fahre, ist es hell erleuchtet.“
Im Vergleich zum Baseball habe man doch wirklich gute Arbeit geleistet, sind sich Kraft, Leibowitz und Mishaan einig. Im vergangenen Sommer ging in Israel eine Profibaseballliga an den Start, die vermutlich in diesem Sommer keine zweite Saison erleben wird. „Wir machen es viel besser, wir kommen ja von unten, von den Wurzeln“, sagt Leibowitz. Die Baseballmannschaften hätten nur amerikanische Profis eingekauft. Gerade einmal zwei Israelis durften pro Team mitmachen. „Bei uns ist alles hundert Prozent israelisch“, sagt der Football‐Präsident.
Wenn der Immer‐noch‐Randsport Frauen‐American‐Football populärer werde, übe er auch größere Attraktivität auf nicht‐religiöse Frauen aus. „Nun, wo auch viele säkulare Frauen diesen Sport für sich erobert haben“, verrät Yonah Mishaan, „haben sich die Teams in eine Ersatzfamilie verwandelt, wo die Frauen zusammenkommen, um zu lernen, um Beziehungen zu knüpfen und um Teil einer Gemeinschaft zu werden, die ein bisschen anders ist. Es ist eine belebende Erfahrung.“
Das findet auch Shana Sprung: „Ich spiele Football, weil es ein Mannschaftssport ist. Großartig.“

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