Erich Hackl

Tod in Mendoza

Gisela Tenenbaum verschwand am 8. April 1977 im Alter von 22 Jahren. Zwei mit ihr befreundete „Montoneros“, linke Untergrundkämpfer, wurden ebenfalls an diesem Tag von den Militärs gefasst. „Keiner von ihnen wird je wieder auftauchen“, schreibt Erich Hackl in seiner „Erzählung nach dem Leben“, wie er sein neues Buch Als ob ein Engel im Untertitel nennt. Wie in früheren, von ihm akribisch recherchierten und literarisch aufbereiteten Fällen, schreibt der 1954 in Steyr geborene, heute in Wien lebende Schriftsteller, Übersetzer, Herausgeber und Publizist auch in dieser Erzählung gegen das Vergessen unbekannter Opfer der Zeitläufte an.
Wir befinden uns in der argentinischen Provinzstadt Mendoza. Auf nur dreieinhalb Seiten skizziert Hackl in schnörkellosem Berichtsstil zunächst ein Bild der direkten Umgebung der Studentin Gisi, umreißt die politische Situation im Land und den Kampf gegen die Militärdiktatur. Den Schwenk zur Familiengeschichte stellt Gisis ältere Schwester Heidi her, die abends in den Nachrichten von einer jungen Frau hört, die bei einem Feuergefecht mit den Ordnungskräften ums Leben kam. In den Fernsehbildern glaubt Heidi die zerstörte Wohnung ihrer Schwester zu erkennen. „Sie verständigt ihre Eltern“, schreibt Hackl lapidar. Die Aufmerksamkeit des Lesers ist ihm spätestens mit dem nächsten, ebenso kurzen Kapitel sicher, das Leben und Auswanderung der Marksteins, Gisis Familie mütterlicherseits, am ersten Tag des Anschlusses Österreichs an Nazideutschland 1938 beschreibt. Es beginnt mit dem Satz: „Helga Markstein war ein Sonntagskind.“
Wie immer bei Hackl geht es trotz aller Schicksalsschläge nie rührselig zu. Anders würde der Autor seinen oft eigenwilligen und kämpferischen Helden auch nicht gerecht werden. Gisi, so erfahren wir bald durch einen auktorialen Erzähler, hatte schon von klein auf ein starkes soziales Gewissen, lehnte sich gegen Ungerechtigkeit auf, wusste immer, was das Richtige war und tat es, ohne darüber nachzudenken. Sie war die Tochter eines liberalen jüdischen Arztes, der ein klar umrissenes Weltbild hatte, der Diskussionen zu politischen und gesellschaftlichen Themen liebte, zu Hause aber keinen persönlichen Streit duldete. Heidi erinnert sich Jahrzehnte nach Gisis Verschwinden, wie die unendliche Harmonie ihrer Eltern, ihre Weltläufigkeit und ihr Vertrauen in die Töchter, den Schwestern eine glückliche Kindheit und viel Freiheit, aber auch ein Bild von der Ehe bescherte, das sie selber und die jüngste Schwester Mónica später an ihren eigenen Ehen zweifeln ließ.
Gisi war immer die Klügste, Gerechtes‐te, Bescheidenste und mit ihren blonden unbändigen Locken die Schönste, darin sind sich alle Weggefährten, Freunde und Familienmitglieder einig, die Hackl von ihren Erinnerungen erzählt haben. Für Mónica war sie die beste Freundin, ein Vorbild, ja, fast ein Engel. Eine Spur differenzierter fallen die Erinnerungen Heidis aus, die um einiges lebhafter und leichtsinniger war als Gisi und schon deshalb oft mit ihr aneinandergeriet. Wie der Rest der Familie missbilligte Heidi Gisis Guerillaeinsätze, gleichzeitig war ihr klar, dass niemand sie davon abbringen konnte. Dass der Kampf der Linken gegen die Diktatur schon damals gescheitert war, konnten oder wollten weder Gisi noch ihre Mitstreiter sehen.
Wie lebt man mit der Erinnerung an die verschwundene Tochter, Schwester, Freundin? Hackl lässt alle Meinungen und Details zu, ohne sie zu werten. Färbt die Erinnerung schön, dann tut sie es eben – auch wenn man daher gegen Mitte des Buchs ruhig ein paar Seiten überschlagen kann ohne viel zu verpassen. Er gibt den Überlebenden eine Stimme, deren Leben immer noch irgendwie vom Verlust Gisis geprägt ist. Dass ihre Leiche nie gefunden wurde, das macht die Trauer so schwierig, sagt Heidi an einer Stelle. Ihre Mutter demonstrierte ein paar Jahre mit anderen Frauen für die Rückkehr der „desaparecidos“, der Verschwundenen; aber eigentlich vermied die Familie es, über Gisi zu sprechen. Man schwieg, „weil die andern den Finger am Gewehr hatten“, meint Heidis Mann. „Was hätten sie schon tun können? Bumm! Würde er sagen. Wenn ihn wer fragte. Nach Gisi, und wieso sie tabu ist.“
Erich Hackls Buch erzählt ohne falsche Sentimentalität eine wahre Geschichte, die geprägt ist durch zwei historische Traumata: Die Geschichte der Flucht europäischer Juden nach Lateinamerika und ihrer schwierigen Eingewöhnung in die politischen und sozialen Verhältnisse dort – und eine typisch argentinische Familiengeschichte unter der Diktatur der Generäle, eine Geschichte, wie man sie tausendfach im Land findet.

erich hackl: als ob ein engel. erzählung nach dem leben
Diogenes, Zürich 2007, 170 S., 17,90 €

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