Wohlgefallen

Teile, teile, Segen

von Rabbiner Joel Berger

Zu Beginn dieses Wochenabschnitts tritt unser Erzvater Abraham in den Mittelpunkt der Torageschichte. Am Anfang der Parascha erhält Abraham die Botschaft Gottes, in das Land Kanaan – das Land der Verheißung – zu ziehen. Dieses Land solle ihm und seinen Nachfahren für immer als Erbe gegeben werden.
Mit Abrahams Umkehr, seiner Tschuwa, verändert sich die ganze Geschichte der Menschheit. Ein völlig neues Kapitel wird geschrieben. Die göttliche Schöpfung, der Sündenfall der ersten Menschen, der erste Mord, die Sintflut und der Turmbau zu Babel zeigten, daß die Menschheit den tieferen Sinn der Schöpfung nicht begriffen hatte. Der Mensch erwies sich dem Schöpfer gegenüber, in dessen Ebenbild er doch erschaffen wurde, unwürdig. Abraham hat mit seinem Glauben dem Menschen den Weg zu Gott gezeigt.
Abraham war kein mythischer Held oder großer Heiliger. Die Tora zeigt uns den Patriarchen, der menschliche Gefühle hat, mit seinen Schwächen kämpft, der seine Stärken erkennt und mit einem Sinn für das Gute und Böse die richtige Entscheidung trifft. Aufgrund seiner Offenheit wurde er zur großen Mission berufen – den einzigen Gott kennenzulernen und den ersten monotheistischen Glauben in der Welt zu verbreiten.
Seine Aufgabe besteht nicht darin, den Menschen zu zwingen, ihre Kultur aufzugeben oder ihre Religion zu wechseln. Der göttliche Auftrag an Abraham erwähnt auch mit keinem Wort, daß er die Völker überzeugen müsse, daß sie nur durch seinen Glauben selig werden könnten. Viel‐ mehr sagt Gott zu Abraham: „Du sollst ein Segen werden.“ (1. Buch Moses, 12, 1–2).
Unsere Weisen erklären, daß Abraham den Segen, den er selber erhalten hatte, mit anderen Menschen teilen sollte. Alles was mit Abraham in Berührung kommt, sollte gesegnet sein. Er will den Menschen seine Segnung vorleben und von den Gütern, die ihm zuteil wurden auch anderen zukommen lassen. Abraham erkennt, daß Gott der einzige rechtmäßige Besitzer aller Güter ist. Sie soll für alle reichen. So ist Abrahams Gastfreundschaft überall bekannt. Sein Zelt steht immer nach allen vier Seiten offen, um Gäste zu jeder Zeit willkommen zu heißen.
Er hat für jeden nicht nur ein offenes Ohr, sondern hält auch Getränke, Speisen und Unterkunft bereit. Je mehr man seinen Segen mit anderen teilt, desto mehr wird man auch selbst gesegnet sein. Das hat Abraham erkannt. Eine solche Lebensphilosophie und Lebensführung kann auch uns helfen, die Zahl unserer Feinde, Rivalen und Gegenspieler zu reduzieren und viele neue Freunde zu finden. Miteinander zu teilen und füreinander da zu sein, das ist etwas, was wir von Abraham lernen können.
Abraham ist auch ein Mensch des Friedens. Nicht etwa, weil er nicht stark genug ist, zu kämpfen und seinen Willen durchzusetzen. Vielmehr weiß er, daß manchmal der einfachste Weg ist, einen Kampf zu gewinnen, ihn erst gar nicht zu kämpfen. So wie in der Geschichte von Abraham und Lot. Beide Männer sind sehr vermögend und das Land in dem sie leben, ist für die beiden viel zu eng.
Die Tora erzählt: „Es entbrannte ein Streit zwischen den Hirten Abrahams und den Hirten seines Neffen Lot…“ (1. Buch Moses 13,7). Die Zeit ist gekommen, sich voneinander zu trennen. Aber wer von beiden hat den Anspruch auf das Land? Wer entscheidet, wer bleibt und wer geht? Es ist schon immer üblich gewesen, seine Vorteile für sich zu beanspruchen, sie sogar mit Nachdruck oder Gewalt durchzusetzen. Ganz anders handelt Abraham. Er geht dem Streit aus dem Weg. Er besitzt die Stärke, die sich nicht als Schwäche auslegen läßt. Abraham bietet dem Neffen die Wahl an. Lot, der jüngere möge zunächst das Weideland für sich wählen. Dann werde Abraham dasselbe anderswo tun. Er wußte, daß die ganze Erde dem Gott gehört. „Es soll kein Streit zwischen uns entstehen, wir sind doch Brüder.“ (1. Buch Moses, 13,8).
Heute gemäß der schlichten Weisheit des Erzvaters zu leben, könnte uns auch zu einem Segen werden. Raschi erklärt, daß der biblische Satz „du sollst ein Segen werden“ (1. Buch Moses, 12, 1–2) bedeutet, daß der Schlüssel zum Segen in unserer Hand liegt.
Abraham ist auch immer bereit, anderen Menschen zu helfen und sucht sogar aktiv danach, wem er helfen kann. Er wartet nicht, bis jemand an seiner Tür klopft, um Hilfe zu bieten. Seinem Beispiel folgend, kann jeder von uns ein Segen für denjenigen werden, der in Not geraten ist. Abraham ist ein Mensch der Wahrheit. Er weiß, daß man für jeden Menschen einen individuellen Weg finden sollte, um ihm dieses wichtige Prinzip der Tora zu vermitteln.
Eine chassidische Geschichte erzählt von zwei berühmten Rabbinern, die diese Lehre Abrahams verstanden und praktisch umgesetzt haben: Reb Elimelech aus Luschansk hörte, daß Reb Schmelke in Nikolsburg in ein schweres Zerwürfnis mit seiner Gemeinde geraten war. Die Gemeinde drohte auseinander zu fallen. Die geistige Führung von Reb Schmelke schien vielen zu streng zu sein. Elimelech fuhr zu seinem Freund. Nachdem er sich über die Lage der zerstrittenen Gemeinde informieren ließ, bat er Reb Schmelke, in seiner Synagoge am Freitagabend eine Drascha halten zu dürfen. Die große Synagoge war voll, denn die Leute hatten erwartungsfroh gehört, daß ein Gastrabbiner zu ihnen sprechen würde. Sie wollten einmal andere Ausführungen hören, als die des eigenen gestrengen Rabbiners, der sie immer auf den frommen Lebensweg drängte.
Ihre Erwartungen wurden nicht enttäuscht. Rabbi Elimelech hielt eine kühne Rede. Heute würde man dies vielleicht als populistisch bezeichnen, wenn man nur nach dem Munde der Zuhörer redet. Denn Elimelech sagte, man müsse die Gebote der Tora nicht immer zu streng auslegen. Es gäbe doch auch oft Möglichkeiten, einiges zu erleichtern. Wie erwartet, erntete er großen Zuspruch, worauf er hinzufügte, daß dies nur der Anfang gewesen sei, und er am Schabbat den Inhalt seiner Rede verdeutlichen werde.
Am nächsten Tag waren noch mehr Interessierte anwesend. Da schlug aber Rabbi Elimelech einen ganz anderen Ton an. Er gab zu, daß er das erste Mal bloß ihre Gutgläubigkeit und ihre Neigung testen wollte. Er wollte sehen, wie sie jemanden aufnehmen würden, der ohne Rücksicht auf die objektive Wirklichkeit nur nach ihrem Munde redet. Heute dagegen werde er doch dazu Stellung nehmen, daß die Tora Gottes Wort, und damit ewiglich und unabänderlich eine Basis der jüdischen Lebensform sei. Ferner bekundete er eindringlich, daß das jüdische Volk sein Bestehen nur der Tora verdanke. Ein jüdisches Leben wäre ohne sie nicht denkbar. Er sprach sehr offen, dynamisch und aufrichtig darüber, daß ihre Zwistigkeiten und ihre Forderungen nach Richtungsänderungen mit ihrem eigenen Glauben und Überzeugungen nicht vereinbar sind und außerdem ihrem Rabbiner viel Schmez verursacht hätten.
Abraham hätte wahrscheinlich nicht anders gesprochen. Auch er versuchte stets, den Weg zum Herzen jedes Einzelnen zu finden und ihm die einzige und wahre Lehre zu vermitteln. Die Menschenliebe hat ihm dabei geholfen.

Lech Lecha: 1. Buch Moses 12,1 bis 17,27

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