Georgien

Tee, Tabak und Trauer

von Michael J. Jordan

Marina Gasviani träumt von zwei Heimaten. Eine ist die jüdische Heimat. In einer Ecke des Schlafzimmers, das sie mit ihrer jüngeren Schwester teilt, hat Marina die weiße Wand hinter ihrem Computertisch mit einer großen israelischen Fahne, einer Landkarte und Fotografien bedeckt, die von ihrem Besuch in Israel her stammen. „Das ist mein kleines Israel“, sagt sie über ihren Pseudoschrein, und ihre Augen glitzern.
So wie viele jungen Juden in der ehemaligen Sowjetunion, hat Marina sich auch überlegt, Alija zu machen und sich ihrer älteren Schwester Ekaterina anzuschließen, die vor fünf Jahren nach Israel ausgewandert ist. Doch Marina hat eine zweite Heimat – Suchumi, am Schwarzen Meer gelegen und Hauptstadt der georgischen Pro‐ vinz Abchasien.
Aber Marina und ihre Familie mußten flüchten. Vor dem Bürgerkrieg. Der Vater nahm seine jüngste Tochter Kristina, damals vier, auf den Arm, und zusammen mit Nelly, der 12jährigen Marina und der 13jährigen Ekaterina, floh die Familie aus ihrem Haus. Sie nahmen nichts mit. Die fünf gingen in die Berge und wanderten eine Woche lang zu Fuß von Dorf zu Dorf. Zwölf Jahre danach wohnen die Gasvianis mit anderen Flüchtlingen in einem schäbigen ehemaligen Studentenwohnheim der Universität von Tbilissi. Aber die Familie hat sich zumindest in die jüdische Gemeinde integriert: Marina koordiniert die Programme von Hillel, Schwester Kristina, 16, lernt an einer jüdischen Schule. Auch die Mutter, Nelly, arbeitet freiwillig in der orthodoxen Schule, in der sie oft in der Küche aushilft.
Als sich die separatistische abchasische Minderheit in den frühen 1990er Jahren erhob, kostete der nachfolgende Krieg in Abchasien mindestens 10.000 Menschenleben und vertrieb schätzungsweise eine Viertelmillion Georgier und andere aus ihrer Heimat. Allein in Suchumi schrumpfte die einst lebendige jüdische Gemeinde von 3.000 auf ungefähr 200, zumeist betagte Mitglieder. Auch heute, mehr als ein Jahrzehnt später, sind die beiden internen Konflikte in Georgien weit von einer Lösung entfernt.
Kein Jude, so scheint es, wurde in Abchasien oder Südossetien als Jude vertrieben. Georgische Herrscher, sagt man, sind für ihre Gastfreundschaft den Juden gegenüber bekannt. In der Tat kann man jüdische Wurzeln bis in das antike Georgien vor 2.600 Jahren zurückverfolgen.
Für eine Viertelmillion Flüchtlinge Unterkünfte und Verpflegung bereitzustellen war mit enormen Kosten verbunden, und für einen neu gegründeten Staat wie Georgien, das nur 5,6 Millionen Einwohner hat, eine Katastrophe. Nach dem Bürgerkrieg und einer Wirtschaftskrise Mitte der neunziger Jahre, gehört einer der wohlhabendsten Nachfolgestaaten der UdSSR heute zu den ärmsten. Jeder Flüchtling erhält von der georgischen Regierung freie Unterkunft und ein monatliches Taschengeld in Höhe von ein paar Dollar.
Das reicht als Lebensunterhalt bei weitem nicht aus. Für viele jüdische Flüchtlinge springt das amerikanischen Joint Distribution Committe (JDC) ein, das die Summe aufstockt. Das JDC, die führende jüdische Wohlfahrtsagentur in der ehemaligen Sowjetunion, hilft in erster Linie älteren Menschen. Für die Flüchtlinge gibt es keine eigene Kategorie. „Aber wir helfen ihnen, wie wir allen anderen Juden in Not helfen würden“, sagt Sergei Wlasow, JDC‐Vertreter für Georgien und Armenien in Tbilissi.
Tina Chachiaschwili lebte mal in Zchinwali, Hauptstadt der Provinz Südossetien. Zchinwali ist die Heimatstadt ihres Ehemanns Robert Schaptoschwili, dessen Familie seit Generationen dort lebt. Die Stadt hat etwa 25.000 Einwohner und war einmal Heimat für mehr als 1.000 jüdische Familien. Vor dem Krieg, sagt Tina, hätten sie und ihr Ehemann im Wohlstand gelebt. Sie unterrichtete Deutsch, während er zwei Kleiderfabriken besaß. Sie lebten in einer zweistöckigen Villa mit Garten im Stadtzentrum und besaßen zwei Autos. 1990 wurde die Tochter Edit geboren.
Doch im Oktober 1991 hörte ihr Ehemann, daß „eine gigantische kriminelle Bande“ plane, in der Stadt lebende Georgier zu provozieren und so einen Krieg anzuzetteln. „Vier Tage später ging es los“, erinnert sich Tina. Sie erlebten, wie die Häuser geplündert wurden. Der Schutz der einjährigen Tochter war oberstes Gebot. So floh die Familie als eine der ersten. Sie ließen sich schließlich im georgischen Gori nieder, doch die Familie mußte erhebliche Einschränkungen ihres Lebensstandards hinnehmen. Robert gelang es nicht, geschäftlich wieder auf die Beine zu kommen. Tina fand keine Arbeit, ab und zu reinigt sie heute Büros. Nach den Erfahrungen der Familie in Zchinwali möchte Tina nicht dorthin zurückkehren. „Eine ossetische Familie wohnt jetzt in unserem Haus“, klagt sie. „Außerdem sind andere durch mein Haus und durch meinen Garten gegangen. Ich würde mich dort nicht mehr wohlfühlen.“
Nora Kalachava nennt sich selbst ein typisches Suchumi‐Mädchen. Nostalgisch schwärmt sie von der Stadt am Meer mit ihrem subtropischen Klima und dem fruchtbaren Land, das Orangen, Zitronen, Granatäpfel, Tee und Tabak hervorbringt. Seit langem von ihrem georgischen Ehemann geschieden, wohnte Nora mit ihrer fünfjährigen Tochter Zhanna und ihrer Mutter Lida in Suchumi, als 1992 der Krieg ausbrach. Als Tochter eines taubstummen Vaters arbeitete Nora als Dolmetscherin zwischen der Gehörlosensprache und dem Georgischen. Zwar war die Stadt grob in georgische und abchasische Viertel aufgeteilt, doch Nora lebte mit ihrer Familie unter Georgiern, Abchasen, Russen, Griechen, Ukrainern und Kasachen in einem ethnisch gemischten fünfstöckigen Gebäude.
Der Krieg, sagt sie, entfesselte eine unbeschreibliche Gewalt und Grausamkeit. Doch mit zwei Menschen, die von ihr abhingen, und ohne einen Ort, wohin sie hätte gehen können, beschloß Nora in Suchumi zu bleiben. Sie hielt es ein Jahr aus. „Ich wartete auf den Tod“, sagt sie. „Ich war hungrig und fror.“ Eines Tages, habe ein abchasischer Nachbar einige Schläger beauftragt, sie aus dem Haus zu treiben. erzählt sie. Die Nachbarn wußten, daß sie jüdisch war, aber die Motive für die Vertreibung seien nicht antijüdisch gewesen.
In Tbilissi angekommen, konnte sie weder die morbiden Gedanken noch Kälte und Hunger aus dem Kopf verbannen. Sie ließ sich freiwillig in das psychiatrische Krankenhaus der Stadt aufnehmen und wohnte dort mehr als zwei Jahre. Heute gehe es ihr viel besser, sagt Nora, die wieder mit ihrer schon 18jährigen Tochter und 80jährigen Mutter zusammenlebt. Sie sind mit anderen Flüchtlingsfamilien in einem ehemaligen Sanatorium untergebracht, das in einem Außenbezirk im Osten der Hauptstadt gelegen ist.
Der Ort ist trostlos. Die Fahrstühle funktionieren nicht. Der spiralförmige Treppenaufgang ist gefährlich mit seiner fehlenden Beleuchtung und den zerbrochenen Stufen. Einige Wohnungen haben Bettlaken als Türen. Noras Familie verfügt über zwei kleine Zimmer mit einer winzigen Küche. Drähte stehen aus einer offenen Steckdose. Die einzige persönliche Note ist eine große viereckige Wanduhr, die eine kitschige Wasserfallszene zeigt. „Mit dem größten Vergnü‐ gen würde ich zurückkehren“, sagt Nora. „Ich glaube an Gott, und ich glaube, daß ich auch zurückkehren werde.“ Obwohl die abchasisch‐georgische Grenze dicht ist, geben die Juden die Hoffnung nicht auf. „Jeder Flüchtling, der nicht in seinem eigenen Heim wohnt, hofft, irgendwann nach Hause zurückzukehren“, sagt Marina Gasviani. „Wir gehören nach Abchasien. Es ist unser Zuhause.“

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