Katastrophen

Tage der Trauer

von Rabbiner Joel Berger

Vom Abend des zweiten Pessachtages an zählen wir die Tage und die Wochen. 49 Tage, sieben Wochen lang, bis Schawuot, dem Wochenfest. Es ist für den gesetzestreuen Juden ein Gebot der Tora. Diese Mizwa beruht auf einer Anordnung aus dem 3. Buch Mose (23, 15-16): »Von dem Tage, nach dem (Pessach-)Feste … sollt ihr zählen; sieben volle Wochen sollen es sein. Bis zu dem Tag nach der siebten Woche sollt ihr (also) fünfzig Tage zählen.«
Diese Anordnung ist ein Zeichen unserer Verbundenheit mit der Natur des Heiligen Landes. Es handelt sich genau um die sieben Wochen, in der im alten Israel die Gerste geerntet wurde. Zur Zeit des Beit Hamikdaschs, des Jerusalemer Heiligtums, wurden als Zeichen der Dankbarkeit, dem Ewigen aus einer Garbe (Omer) gewonnene Gerstenkörner als Opfer dargebracht.
Wir haben seit fast zweitausend Jahren kein Heiligtum, und Opfer werden nicht mehr dargebracht. Jedoch das Gebot (die Mizwa) ermahnt uns, diese Tage durch ihre Zählung alljährlich wahrzunehmen und unsere Erinnerung an sie zu vertiefen.
Diese Tage und Wochen verbinden die Zeit zwischen Pessach und Schawuot, also der Befreiung unserer Ahnen aus der Knechtschaft Ägyptens und der Offenbarung der Zehn Gebote am Berge Sinai. Sie deuten an, daß die Befreiung alleine nicht als Vollendung der Entwicklung der klassischen jüdischen Geschichte verstanden werden kann. Die Freiheit des Einzelnen kann oft durch die Freiheit eines anderen Menschen beeinträchtigt werden. Daher sind die Gebote der Tora erforderlich, weil sie für die Menschen den Genuß der Freiheit gewähren, ohne andere in ihrer Freiheit einzuschränken. Das Geschenk der Freiheit ist für uns durch Pessach ebenso göttlich wie die Offenbarung an Schawuot. Der Weg von der Freiheit bis zu den Mizwot, der vernünftigen Regelung des Lebens, die Tage und Wochen von Pessach bis Schawuot werden durch Sefirat Haomer, durch die Omerzählung, begleitet.
Jedoch verbinden sich mit diesen Wochen auch einige traurige Erinnerungen aus der Geschichte unseres Volkes. Aus dem Talmud (Jewamot 62 b) erfahren wir, daß in diesen Tagen 24.000 Schüler des Rabbi Akiwa an einer Epidemie starben. Nicht wenige identifizieren diese sogenannte Epidemie mit dem Bar Kochba-Aufstand (135 n.d.Z.). Im Laufe der blutigen Niederschlagung dieses Aufstandes durch die Römer wurden diese jungen Menschen grausam ermordet.
In der jüdischen Geschichte dieses Landes, ereigneten sich die ersten Pogrome im Vorfeld der ersten und zweiten Kreuzzüge (ab 1096 n.d.Z., Geserat Tatnu), in der Periode zwischen Pessach und Schawuot.
Nicht nur Einzelne, sondern ganze Gemeinden, wie die in Mainz, Worms und Speyer mußten sich als Opfer der Gewalt hinschlachten lassen. Eine zeitgenössische hebräische Chronik hält diese Bluttat wie folgt fest: »Im Jahre 856 (d.h. 1096) ver-sammelten sich die Soldaten der Christen aus Deutschland, Frankreich, Spanien, England und Italien. Sie beschlossen Jerusalem zu erobern. An ihren Kleidern wa-ren rote Kreuze befestigt. In diesem Jahr kam großes Unglück über das Volk der Israeliten. Die Soldaten griffen sie an und wollten sich an ihnen für ihren Messias rächen ... Tausende und abertausende wurden ermordet, viele von ihnen heiligten den Namen Gottes dadurch, daß sie ihrem Leben selber ein Ende setzten.«
Diese Massenselbstmorde, derer wir gedenken und welche auf hebräisch als »Kiddusch Haschem«, Heiligung des Namens des einzigen Gottes, bezeichnet wurden, eröffneten die Epoche der jüdischen Martyrologie in Europa. Die blutigen Ereignisse dieser und der nachfolgenden Kreuzzüge wurden von jüdischen Überlebenden festgehalten. Mit den Werken von Eliezer Ben Natan, Schlomo und Ben Schimon aus Mainz ist in Europa die Gattung der Kinna, der Klagegesänge, in allen jüdischen Gemeinden ein Teil der Liturgie geworden. Grausame Mordtaten an unserem Volk verübten auch in jenen Wochen im Jahre 1648 die mörderischen Banden von Bogdan Chmelnitzki, die Kosaken in der Ukraine.
Dies alles ist Grund genug für uns in diesen Wochen zu trauern und die Sitten und Bräuche unseres Volkes zu beherzigen. Während der Omerzeit finden in unseren Gemeinden keine Hochzeiten statt, wie auch keine heiteren Musik- oder Tanzveranstaltungen. Eine Ausnahme bilden Lag BaOmer, der 33. Tag der Omerzeit, und Jom Haazmaut, der Unabhängigkeitstag des jüdischen Staates. Gesetzestreue Männer pflegen sich in der Zeit der Omerzählung nicht zu rasieren oder die Haare zu schneiden, als Zeichen der Trauer.
Aus der liturgischen Praxis erwähne ich, daß in traditionellen Gemeinden sogar die Schabbathymne Lecha Dodi in einer getrageneren Melodie, gesungen wird. Nach der Toravorlesung am Schabbat-Vormittag wird in diesen Wochen das Aw Harachamim Gebet gesprochen, in dem der unschuldig Ermordeten der heiligen Gemeinden von Speyer, Worms und Mainz gedacht wird.

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