Geschichte

»Symbol für die jüdische Seele«

Ausgerechnet auf dem Weg zu einem nationalen Heiligtum verirrt sich der Taxifahrer. Mehrmals muss er an einsamen Stra‐ ßen in den zerklüfteten Hügeln der Golan‐ höhen anhalten, um nach dem Weg zu fragen. Der Israeli flucht, dreht entnervt das lärmende Radio leiser, wendet erneut. Nein, er hat wirklich keine Ahnung, wo dieses Gamla liegen soll.
Dabei ist Gamla nicht irgendeine Ausgrabungsstätte, wie sie es in Israel fast so häufig wie Falafel‐Stände gibt. Die Ruinenstadt ist ein nationaler Mythos, ein Ort des israelischen Selbstverständnisses: Hier sollen sich jüdische Rebellen vor fast 2.000 Jahren im Jüdischen Krieg (66–73 n.u.Z.) lieber zu Tausenden in klaffend tiefe Schluchten gestürzt haben, als vor den römischen Truppen zu kapitulieren.
Eine Geschichte mit frappierenden Parallelen zum unerbittlichen Widerstand der Juden auf Masada: In der Festungsstadt hoch über dem Toten Meer töteten sich angeblich 960 Männer, Frauen und Kinder gegenseitig, um nicht lebendig in die Hände der verhassten Römer zu fallen. Ein Massenselbstmord, der nachwirkt: Jede israelische Schulklasse pilgert heute zu den Ruinen, Generationen von Rekruten der Armee leisteten hier ihren Eid, unzählige pathetische Reden wurden auf dem Felsenplateau geschwungen. Die Botschaft lautet immer gleich: Israel wird sich nie aufgeben, Masada darf nie wieder fallen.
Nur: Während jeder Tourist Masada kennt, waren viele Israelis noch nie in Gamla. Dabei, glaubt man dem Chronisten Flavius Josephus, fand hier das weitaus blutigere Drama statt: Als jüdische Zeloten aus Wut gegen religiöse und staatliche Repressionen einen Aufstand gegen die Römer entfesselten, wurde Gamla im Jahr 67 n.u.Z. einer der ersten Kriegsschauplätze. Der Ort galt allein wegen seiner Lage – eine wuchtige Felseninsel inmitten tiefer Täler –als schwer einnehmbar. Für Josephus schien es gar so, »als ob die Stadt in der Luft schwebe«.
Tatsächlich mussten die Römer Gamla geduldig belagern und künstliche Dämme errichten, um ihre Katapulte in Stellung bringen zu können. Mit Rammböcken durchbrachen sie schließlich die Stadtmauer – und erlebten ein Debakel: In den engen und steilen Gassen gab es für sie hohe Verluste, Häuser stürzten im Kampfgetümmel ein: »Viele wurden unter den Trümmern begraben, viele auf der Flucht verstümmelt«, schrieb Josephus später.
Die Besiegten sannen auf Rache. Wenig später stürmten sie Gamla zum zweiten Mal, diesmal erfolgreich: »Ringsum vernahm man das Stöhnen der Sterbenden, und stromweise rann das Blut die Abhänge hinunter«, berichtete der Historiker. Doch statt aufzugeben, hätten sich die Juden in die Schluchten gestürzt, »samt Weibern und Kindern«, 5.000 begingen Selbstmord, 4.000 weitere fielen im Kampf. Ein Blutzoll, fast zehnmal so hoch wie beim Fall von Masada sechs Jahre später.

Kamelhöcker Beinahe sinnbildlich kreisen heute oft Geier über den Ruinen. Das Naturreservat Gamla ist Israels wichtigstes Schutzgebiet für Gänsegeier. Ansonsten wirkt der Ort des einstigen Gemetzels seltsam friedlich: Anders als in Masada können Besucher an manchen Tagen durch die Ruinen spazieren, ohne auf einen Touristen zu stoßen. Nur 93.500 Menschen verirrten sich im Jahr 2008 hierher. Nach Masada kamen 800.000. In Gamla ist zwar nicht alles so perfekt restauriert wie in seinem Pendant am Toten Meer, aber dafür authentischer: Es gibt keine Seilbahn, keine Lichtshow, keine Audio‐Guides. Dennoch kann man sich ein gutes Bild von der einstigen Bedeutung der Stadt machen.
So sind Reste einer Mikwe und einer Synagoge zu besichtigen, einer der ältesten in Israel. Archäologen gruben etliche Katapultgeschosse aus und fanden vermutlich die Stelle, an der die Römer einst die mächtige Stadtmauer einrissen. Ruinen ehemals prächtiger Geschäfte ziehen sich den Rücken des Hügels hoch, dessen Form an die Höcker eines Kamels erinnert. So kam die Stadt zu ihrem Namen, denn Gamla leitet sich etymologisch von »Kamel« ab. Von der Spitze der Höcker kann man schwindelerregende Blicke in tiefe Täler riskieren oder die Landschaft des Golan genießen – im Sommer ausgedörrt gelb wie eine Savanne, im Frühjahr fast tropisch grün.
Doch Gamla ist mehr als ein verstecktes Kleinod, das abseits der üblichen Touristenrouten liegt. Shalom Pollack etwa kommt nicht nur wegen der Natur hierher. Seit er vor 30 Jahren zum ersten Mal die alten Ruinen gesehen hat, lässt ihn Gamla nicht mehr los. »Es ist ein Ort, der Israel hilft, sich mit seiner ruhmreichen Vergangenheit zu identifizieren«, sagt der lizenzierte Touristenführer. Gamla sei »ein Symbol für die jüdische Seele, für die leidenschaftlichen Versuche, unsere Freiheit und Ehre zu bewahren«.
Für Pollack ist die Symbolik Gamlas sogar wichtiger als die Masadas. Wie nicht selten in Israel, vermischt sich bei der Begründung antike Geschichte mit aktueller Tagespolitik: 1967 eroberte und besetzte Israel im Sechstagekrieg die Golanhöhen, einst syrisches Staatsgebiet. Dann erst konnten Forscher die Ruinen der vergessenen Stadt ausgraben, die nach der Zerstörung durch die Römer nie wieder aufgebaut worden war. Doch Syrien, so glaubt Pollack, bedrohe bis heute die Golanhöhen und habe schließlich auch 1973 im Jom‐Kippur‐Krieg angegriffen. »Das gibt Gamla und der Gegend hier eine besondere Bedeutung und Dramatik, die Masada nicht hat.«
Keine Einzelmeinung. »Gamla darf nicht wieder fallen« nennt sich etwa eine nationalistische Organisation, gegründet 1994 von ehemaligen Militärkadern. Entsprechend martialisch beschreibt sich die Gruppe als »vorderste Front im Kampf für das Land Israel«. Mit Filmen, Kundgebungen oder Anzeigen protestiert sie immer wieder gegen Verhandlungen Israels mit Syrien über eine Rückgabe des Golan. Ihre antike Logik: Im Jüdischen Krieg bezwangen die Römer erst den Norden – und dann Jerusalem. So etwas dürfe sich nicht wiederholen. Zudem sehen manche Zahlenmystiker in Israels Eroberung der Golanhöhen, exakt 1.900 Jahre nach dem Untergang Gamlas, einen Wink Gottes.
Bisher waren die Proteste erfolgreich. Auch wenn die Golanhöhen Israels Faustpfand für einen Frieden mit Syrien sind, versandeten alle Planspiele schnell – aus militärischen, ökonomischen oder auch ideologischen Einwänden. Der Satz von Gamla, das nie wieder fallen dürfe, gehört längst zum Glaubensbekenntnis vieler Politiker. Zuletzt hat ihn Benjamin Netanjahu gesagt, mitten in der heißen Phase des Wahlkampfs, der ihn 2009 zum zweiten Mal zum Premier machte. Während seiner ersten Amtszeit soll er sogar stets ein Foto von den Gamla‐Ruinen bei sich getragen haben.

erfunden? Und was, wenn die Massenselbstmorde nur eine literarische Fiktion waren? Ein Stilmittel des antiken Autors? Einige Forscher halten solche Thesen für schlüssig. In Gamla wurden zum Beispiel keine menschlichen Knochen gefunden. »Ich weiß nicht, ob Josephus die dramatischen Geschichten von Masada und Gamla erfunden hat«, sagt Touristenführer Pollack. »Aber fest steht, dass die Juden gegen die Römer gekämpft haben. Allein das verdient Bewunderung.« Und vielleicht, meint er, haben einfach die vielen Geier die Spuren der Märtyrer verschwinden lassen.

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