Jüdische Unternehmen in den 30er-Jahren

Stützen der Wirtschaft

von Ingo Way

Jeder Berliner kennt die Schuhhandelskette Leiser. Kaum einer weiß jedoch, dass das „Schuhhaus Leiser“, Deutschlands erstes großes Schuhkaufhaus in der Tauentzienstraße gegenüber dem KaDeWe, bis Mitte der 30er‐Jahre einen jüdischen Besitzer hatte: Julius Klausner, der gezwungen war, auf Druck der Nazis sein Geschäft weit unter Wert zu verkaufen. Das alte Leiser‐Logo ist bis heute unverändert geblieben – an Julius Klausner, der nach dem Krieg nur die Hälfte seines Eigentums restituiert bekam, erinnert nichts mehr.
Klausner ist nur einer unter vielen, denen es ähnlich ging. „Wir gehen davon aus, dass es in den 30er‐Jahren ungefähr 200.000 Unternehmen in Berlin gab. Davon gehörte etwa ein Viertel jüdischen Eigentümern“, sagt Christoph Kreutzmüller, Historiker an der Humboldt‐Universität. Kreutzmüller ist Koordinator des Forschungsprojekts „Ausgrenzungsprozesse und Überlebensstrategien. Mittlere und kleine jüdische Gewerbe‐Unternehmen in Berlin 1930/31 bis 1940“ am Lehrstuhl für Zeitgeschichte. Seit November 2005 spüren Kreutzmüller und seine Mitarbeiter – finanziert von Jan Philip Reemtsmas Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur – den jüdischen Unternehmern nach, geben ihnen Namen und Adresse zurück und erforschen, wie sie auf Boykotte und Repressalien reagierten, bis hin zur sogenannten „Arisierung“.
„Dabei benutzen wir ungern dieses Wort“, so Kreutzmüller. „Wir reden von erzwungenem Verkauf von Eigentum. Juristisch wird zwischen Besitz und Eigentum unterschieden. Die jüdischen Gewer‐ bebetriebe gingen an nichtjüdische Besit‐ zer über – rechtmäßige Eigentümer blieben aber die ursprünglichen Inhaber.“
Die Ermittlungen erwiesen sich als schwierig, da es in Berlin keinen geschlossenen Aktenbestand gibt, der sämtliche Firmen der 30er‐Jahre auflistet. Kreutzmüllers Kollegen Ingo Loose und Benno Nietzel hatten es da leichter; sie führten parallele Studien für Breslau und Frankfurt am Main durch. (Die Auswahl fiel auf diese drei Städte, weil es dort seinerzeit die größten jüdischen Gemeinden in Deutschland gab.) Und in Breslau etwa hatten die Nazis 1935 eigenhändig eine Liste sämtlicher jüdischer Unternehmen erstellt.
So kam Kreutzmüller auf die Idee, die Veröffentlichungen des Zentralhandelsregisters in den Tageszeitungen jener Zeit durchzusehen. Zusammen mit acht studentischen Hilfskräften registrierte er alle Veränderungen zwischen 1932 und 1940 – wechselte in diesem Zeitraum ein Geschäft den Besitzer, war dies ein deutlicher Hinweis auf „Arisierung“. Auf mittelständische Unternehmen beschränkte man sich, weil die Geschichte der großen Warenhäuser, wie etwa Wertheim, schon relativ gut erforscht ist.
Die so ermittelten mehreren zehntausend Adressen wurden in eine Datenbank eingegeben, in der nach Name, Straße und Branche gesucht werden kann. „Das war eine sehr kaufmännische Tätigkeit“, sagt Kreutzmüller, als er in seinem kleinen Büro am Hausvogteiplatz – dort, wo auch diese Zeitung ihren Sitz hat – seinen Computer hochfährt. „Zum Glück habe ich eine Ausbildung als Bankkaufmann.“
So ist auch ein Überblick darüber entstanden, in welchen Branchen jüdische Kaufleute überwiegend tätig waren. Nicht nur im Konfektions‐ und Schuhgeschäft, auch im Elektrohandel waren Juden stark vertreten. Und im Jahr 1933 waren 96 Prozent aller Eierhändler jüdisch, darunter auch der Vater des Leiser‐Gründers Julius Klausner. Doch schon 1936 jubelte die NS‐Zeitung „Der Angriff“: Endlich gebe es wieder „arische Ostereier“, nachdem lange Zeit „ein wichtiges Volksnahrungsmittel allen spekulativen Unarten ausgeliefert war“.
Bemerkenswert ist für Kreutzmüller jedoch, dass von 6.000 jüdischen Einzelhändlern es immerhin 2.000 schafften, ihre Läden bis 1938 weiterzuführen. Dies sei durch verschiedene Überlebensstrategien – worauf schon der Titel des Forschungsprojekts hinweist – gelungen: Manche setzten Nichtjuden als Geschäftsführer ein; manche änderten ihren Namen, um weniger aufzufallen, etwa von „Hugo Kohn“ in „Huko GmbH“; andere zogen in friedlichere Stadtviertel oder warben verstärkt in jüdischen Publikationen, um sich einen vorwiegend jüdischen Kundenstamm aufzubauen. „Wir wollen weg vom Opferdiskurs und zeigen, welche Strategien die Unternehmer aktiv ergriffen haben“, so Kreutzmüller. Derlei funktionierte freilich nur bis 1938. Nach der Pogromnacht gab es für jüdische Gewerbetreibende keine Chance mehr. So gewinnt das verblasste Bild des jüdischen Berlins allmählich wieder an Kontur: Da gibt es das Eisgeschäft von Eduard Wassermann in der Anklamer Straße, das Deutsche Theater (ein Privatunternehmen von Max Reinhardt), die Konfektionsfirma Michalski & Striemer, die Ruilos Knoblauch Verwertungs‐GmbH, die Butterhandlung Gebr. Weinberger, das Weinrestaurant Der Zigeunerkeller oder das Restaurant Lutter & Wegner, das seinen jüdischen Mitgründer aus dem Namen strich und sich nur noch Lutter nannte. Kreutzmüller hofft, dass seine Forschungen dazu beitragen, diesen Teil der Geschichte im Berliner Stadtbild wieder sichtbar zu machen, etwa durch Gedenktafeln an den entsprechenden Gebäuden oder spezielle Stadtführungen.
In etwa zwei Jahren soll die Studie mit der Herausgabe einer Monografie abgeschlossen werden. Anlässlich des 70. Jahrestages der Pogromnacht wird schon im November im Foyer der Humboldt‐Universität Unter den Linden eine Ausstellung zu sehen sein, die Kreutzmüller mitkonzipiert: „Verraten und verkauft. Jüdische Gewerbeunternehmen in Berlin 1933–1945“. 15 Unternehmen sollen in Texten und Fotos vorgestellt werden, zudem ist ein Zugriff auf die Datenbank möglich, so dass jeder Besucher nachschauen kann, ob es auch in seiner Straße einst jüdische Läden oder Gewerbebetriebe gab. Die Berliner bekommen damit die Gelegenheit, sich dieses verdrängte Kapitel ihrer Stadtgeschichte wieder anzueignen.

Zeitzeugen können sich melden unter: kreutzmuellerc@geschichte.hu-berlin.de

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