Zentrum für Antisemitismusforschung

Stellenangebot

von Philipp Gessler

Es hat etwas Absurdes, dass man ausgerechnet bei diesem Thema allerorten auf Verschwörungstheorien stößt oder Schiebereien hinter den Kulissen vermutet. Die Rede ist vom Zentrum für Antisemitismusforschung (ZfA) der Technischen Universität Berlin und dessen Leiter Wolfgang Benz, für den ein Nachfolger oder eine Nachfolgerin gesucht wird – in gut anderthalb Jahren.
Warum wird darüber schon jetzt spekuliert? Und warum ist diese universitäre Berufung von öffentlichem Interesse? Das ZfA ist eine weltweit fast einzigartige Einrichtung. ZfA-Chef Benz gehört mit seinem Forscherteam zu den führenden Beratern der Bundesregierung zum Thema Judenfeindlichkeit. Eine recht frühe Diskussion über die Nachfolge von Benz erklärt sich aus diesen Gründen – und als Folge der scharfen Feder des einflussreichen Berliner Publizisten Henryk M. Broder. Der hatte in einem Artikel auf seiner Website »Achse des Guten« spekuliert, dass der Frankfurter Pädagogik-Professor Micha Brumlik der Nachfolger von Benz werden wolle.
Broder kann diese Spekulation nicht belegen – aber deshalb muss sie nicht falsch sein. Dem cleveren Broder geht es offenbar um etwas anderes: Er will Brumlik und zugleich der 1982 gegründeten Forschungseinrichtung eins auswischen. Der Hintergrund: Ende vergangenen Jahres organisierte das ZfA eine Konferenz unter dem Titel »Feindbild Muslim – Feindbild Jude«. Es sollte dabei auch um »Verschwörungstheorien über die ‚Islamisierung Europas‘« gehen, so die Ankündigung. Derartige Denkmuster seien »aus der Geschichte des Antisemitismus bekannt und werfen die Frage auf, welche Gemeinsamkeiten Judenfeinde und Islamfeinde teilen«, schrieb das ZfA.
Es folgte, knapp gesagt, eine harsch geführte öffentliche Debatte, inwiefern ein solcher Forschungsansatz des ZfA de facto Juden- und Muslimenhass gleichsetze, die Judenfeindlichkeit in der islamischen Welt und das für Israel so gefährliche Atomprogramm des Iran verniedliche – oder am Ende gar den Holocaust bagatellisiere.
Broders »Achse des Guten« war bei dieser Kritik am ZfA meist ganz vorne. Auf der Konferenz attackierte eine Forscherin in ihrem Vortrag über »Islamfeindschaft im World Wide Web« unter anderem Broder. Aber auch Benz’ Reaktionen auf die Kritik an seiner Person und dem ZfA waren, vorsichtig gesagt, nicht immer sehr glücklich.
An dieser Stelle kommt Brumlik ins Spiel. In der Berliner »tageszeitung« verteidigte er im März den Ansatz der ZfA-Tagung und Benz ausdrücklich. Die Replik Broders auf der »Achse des Guten«: Brumlik breche doch nur eine Lanze für das ZfA und Benz, weil er hoffe, dessen Nachfolger zu werden: »Das ist, wie gesagt, eine Spekulation, aber sie steht auf solideren Füßen als Brumliks Versuch einer Ehrenrettung von Prof. Benz«, schreibt Broder gewohnt spitz.
Dieser Streit zwischen zwei der führenden jüdischen Intellektuellen Deutschlands ist von Belang, weil dabei nicht nur Brumlik und Broder, sondern auch das ZfA, Benz, ja die deutsche Antisemitismusforschung insgesamt beschädigt werden. Und wer möchte schon gerne Nachfolger von Benz in einem geradezu sturmreif geschossenen Haus werden?
Dabei ist die Nachfolgeregelung von Benz schon jetzt nicht einfach. Der 1947 geborene Brumlik ist, sollte er überhaupt Ambitionen haben, schlicht zu alt für den Job, wie es bei den Expertinnen und Experten heißt, die alle nicht genannt werden wollen.
Das Gleiche gilt für den israelischen Soziologen und Historiker Moshe Zuckermann, dessen Name ebenfalls gelegentlich fällt. Zuckermann wurde 1949 geboren – angestrebt aber wird im ZfA eine längerfristige Lösung, gesucht wird eine Person etwa um die 50 Jahre.
Der ab und zu genannte ZfA-Forscher Werner Bergmann passte da zwar ins Profil, kann sich aber gar nicht bewerben, weil dies eine nicht erlaubte hausinterne Berufung wäre. Andere Namen, so heißt es in Expertenkreisen, sind so spekulativ, dass sie zu nennen kaum seriös wäre.
Gerechnet wird für diese herausragende Stelle jedenfalls mit Dutzenden von Bewerbungen. Da Bergmann Soziologe ist und das ZfA einen interdisziplinären Ansatz verfolgt, werden wohl eher Politologen und Historiker zum Zuge kommen. Erwartet werden natürlich ein tiefes Wissen über das Thema Holocaust, internationales Renommee und zugleich gute Kenntnisse der Politik und Gesellschaft Deutschlands, weil die Wirkung des ZfA in diesen Raum beträchtlich ist. Die Ausschreibung, so wird vermutet, soll nicht auf eine bestimmte Person zugeschnitten werden.
Diese Stellenausschreibung sei bereits formuliert, teilte eine Sprecherin der Technischen Universität der Jüdischen Allgemeinen mit. Sie befinde sich derzeit auf ihrem Weg durch den universitären Gremiendschungel. Mit der Veröffentlichung sei bald zu rechnen. Und da die Stelle explizit für einen neuen Direktor des ZfA ausgeschrieben wird, scheint auch die Gefahr endgültig vom Tisch zu sein, dem ZfA seine institutionelle Eigenständigkeit zu nehmen. Diese Möglichkeit stand 2008 eine Zeitlang im Raum – damals wurden Pläne bekannt, dass die Technische Universität mittelfristig ihre geisteswissenschaftlichen Fächer abwickeln möchte.
Nun bleibt das Zentrum für Antisemi-tismusforschung bestehen; eine grundsätzliche Neuausrichtung des ZfA wird weder gewünscht noch erwartet. Warum auch?

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

Netflix

Wenn Fiktion auf Realität trifft

Die israelische Erfolgsserie »Fauda« meldet sich mit einer eindrucksvollen neuen Staffel zurück

von Sarah Cohen-Fantl  03.10.2026

Eisenach/Karlsruhe/Unna/Hagen

Mutmaßliches IS-Mitglied in Thüringen festgenommen

Der Verdächtige soll laut Bundesanwaltschaft für den IS als bewaffneter Militärpolizist tätig gewesen sein. Auch bei drei anderen Männern besteht der Verdacht auf Nähe zu der Terrororganisation

 02.10.2026

Düsseldorf

»Sei ein Mensch«: Gedenkort für verfolgte Abgeordnete im NRW-Landtag

Entlassen, drangsaliert, gefoltert: Viele frühere Abgeordnete des nordrhein-westfälischen Landtags wurden in der NS-Diktatur verfolgt. Ein neuer Gedenkort im Parlamentsgebäude erinnert an sie

von Ingo Lehnick  02.10.2026

Tel Aviv/Abu Dhabi

»Fly Dubai«-Vorfall: Hintergründe weiter unklar

Was geschah im Cockpit des Fluges nach Israel? Emiratische Behörden haben Ermittlungen eingeleitet. Jerusalem geht von einem Terroranschlag aus. Gesicherte Erkenntnisse zum Motiv gibt es bislang nicht

 02.10.2026

Bettina König (SPD), Nina Stahr (Bündnis 90/Die Grünen) und Kerstin Wolter (Die Linke, v.l.) während einer Pause

Berlin

Parteien-Treffen zu Antisemitismus mit »konstruktivem« Austausch

Linke, Grüne und SPD ringen in Berlin um eine gemeinsame Haltung zu Judenhass und organisierter Kriminalität. Was beim ersten Treffen dazu herauskam

 01.10.2026

UN-Kongress

Experten diskutieren strafrechtliche Verfolgung sexueller Gewalt in Konflikten

Bei einer Veranstaltung im Rahmen des UN-Kongresses zur Verbrechensverhütung in Abu Dhabi diskutierten jüdische Organisationen über Strafverfolgung, digitale Beweismittel und den Schutz von Betroffenen

 01.10.2026

Extremistische Siedler in dem palästinensischen Dorf Dschalud (Archivbild vom 25.8.26)

Westjordanland

Neue Gewalt radikaler Siedler

Mehr als 100 Extremisten waren an den Ausschreitungen im Bereich der Ortschaft Dschalud südlich von Nablus beteiligt. Regierungsmitglieder verurteilen die Angriffe, die Opposition kritisiert sie als Folge »einer gefährlichen Politik«

 29.09.2026

Nach der Wahl

Grüne und SPD in Berlin stellen Bedingung für Sondierungen

Linke, Grüne und SPD in der Hauptstadt wollen an diesem Donnerstag erstmals über eine Regierungsbildung sprechen. Es soll sich aber noch nicht um formelle Sondierungsgespräche handeln

 28.09.2026

New York

Trump ruft Staaten zu Austritt aus Strafgerichtshof auf

Die USA erkennen den IStGH nicht an, der unter anderem gegen Israels Ministerpräsidenten Netanjahu einen Haftbefehl erlassen hat. Jetzt legt der amerikanische Präsident nach

 23.09.2026