Raketenbeschuss

Stadt in Angst

von Wladimir Struminski
und Gil Yaron

Goldene Weizenfelder, Pudersandstrände mit tiefblauem Wasser, grüne Orangenhaine: So sieht in Israel die Hölle aus. Der erste Hinweis auf den andauernden Kriegszustand, in dem diese Idylle sich befindet, ist ein weißer Zeppelin, der ständig über der Gegend schwebt und nach Terroristen Ausschau hält. Seit drei Tagen verlassen Israelis an der Grenze zum Gasastreifen in Scharen ihre Häuser auf der Flucht vor palästinensischen Raketen. Keine Stunde vergeht ohne Detonation. Kampfhubschrauber umgeben sich mit einem Feuerwerk aus Leuchtsignalen, mit denen sie versuchen, Flugabwehrraketen der Palästinenser zu täuschen. Dumpf knattern ihre Maschinengewehre, mit denen sie Felder im Norden Gasas durchpflügen, um dem Beschuss durch die Hamas Einhalt zu gebieten.
Sderot, eine Kleinstadt nordöstlich von Gasa, hat den Großteil der Hamas‐Raketen abbekommen, in der letzten Woche mehr als 150. Premierminister Ehud Olmert hat sich in einer Kabinettsitzung ausdrücklich gegen eine Evakuierung der Stadt ausgesprochen: „Das sind genau die Szenen, die die Hamas sehen will.“ Doch in Sderot wollen die meisten nicht mehr ihren Kopf für ihren ohnmächtigen Staat hinhalten. Eine Frau hat es beim Duschen getroffen, ihr Sohn wurde ebenfalls verletzt. Am Tag danach war es eine 65‐Jährige, die schwer verletzt wurde. Am Montag gab es das erste Todesopfer: die 32‐jährige Shirel Friedman.
Vor einigen Tagen kämpften hunderte Bürger um einen Platz in einem der Busse, die der Milliardär Arkadi Gaidamak zur Verfügung gestellt hatte, um die Bewohner in ein Hotel zu bringen. Nun musste die Regierung mitziehen, um nicht hinter dem russischen Einwanderer mit den politischen Ambitionen zurückzubleiben. Neben dem Schwimmbad an der Stadteinfahrt hat das Verteidigungsministerium ein kleines Zelt aufgestellt. Von hier aus will man die Bürger für zwei Tage zur „Erholung“ ins Hinterland schicken. Hunderte haben sich versammelt und versuchen, einen Platz in einem Bus zu ergattern. „Ich will nicht weglaufen, aber niemand bietet uns eine Lösung“, sagt Zvi Feibich, ein 43‐jähriger Schreiner. Er versucht, seine vierköpfige Familie in Sicherheit zu bringen. „Meine Kinder trauen sich gar nicht mehr aus dem Haus“, sagt er. Auf dem ungeschützten Parkplatz steht die 25‐jährige Dioletta mit ihrer einjährigen Tochter Noa in praller Sonne. Beide weinen. Sie bekommen keinen Platz in den Bussen. Bisher hat man nur für 2.000 der 23.000 Bürger einen Platz organisieren können. Erst als sie erfahren, dass sie doch mitkommen können, kann Dioletta wieder lachen.
Die Menge, die sich um die Busse drängt, ist ein lohnendes Ziel für Raketen. Als plötzlich über die Lautsprecher eine Raketenwarnung tönt, bricht Panik aus. Manche werfen sich zu Boden, andere laufen schreiend umher, einer sucht hinter einem Karton Deckung, in der absurden Hoffnung, dass die Pappe ihm Schutz bietet.
8.000 Bürger haben die Stadt bereits verlassen. Doch viele Israelis strömen gerade in diesen Tagen nach Sderot, nicht nur die jungen Soldaten des Zivilschutzes, die Behinderten und Alten helfen sollen. An der Einfahrt nach Sderot steht ein junger orthodoxer Jude. Er kommt aus einem Vorort von Tel Aviv, um einem Freund beizustehen: „Dies ist doch die beste Zeit, um jemandem seine Freundschaft zu beweisen“, sagt er. An einem Altenheim hat sich eine kleine Gruppe aus Tel Aviv eingefunden, die spontan gekommen ist, um den Kindern und Alten zu helfen. „Das ist meine Pflicht als Mitbürger“, sagt der 56‐jährige Broker Uri, der heute sein Geschäft geschlossen hat, um in Sderot Windeln zu wechseln.
Die Psychiaterin Adriana Katz kennt die schlimmen Fälle. In ihre kleine psychiatrische Notaufnahme, in der eng gedrängt vier Betten stehen, werden Menschen eingeliefert, die den Druck nicht mehr aushalten. „Wir sind völlig überlastet. Mehr als 70 Menschen wurden hergebracht, die meisten unter Schock. Mitten in der Nacht, in ihren Schlafanzügen, weinende Kinder, und viele haben kein Zuhause mehr, in das sie zurückkehren können“, erzählt Katz. Die Armee hat ihr einen Psychiater und einen Arzt zur Verfügung gestellt, doch alle sind überarbeitet. Das dünne Dach und die einfachen Fenster bieten keinen Schutz vor den Raketen, so lebt auch die Psychiaterin in ständiger Angst. „Doch das ist gut. Wenn ich meinen Patienten von meinen Ängsten erzähle, können wir sofort Kontakt herstellen. Sie fühlen sich verstanden und sind bereit, auf mich zu hören.“ Und: „Seit sechs Jahren leben wir mit dieser Routine, täglich russisches Roulette. In Sderot leidet jeder unter den Folgen von chronischem Stress“, sagt Katz. Der Kurzurlaub, den die Regierung den Bewohnern jetzt anbietet, werde niemandem helfen: „Nachher kehren sie ja doch nur in dieselbe Situation zurück. Es ist Zeit für eine Lösung.“
Auf die Kassams reagierte Israel mit Luftangriffen. Das Ziel: Hamas‐Stellungen. Bis Dienstag dieser Woche fielen rund 30 Extremisten den israelischen Gegenschlägen zum Opfer. Auslöser der Krise, so Hillel Frisch vom Begin‐Sadat‐Institut für Strategische Studien der Bar‐Ilan‐Universität, war eine Aktion von der Fatah nahestehenden Sicherheitskräften gegen Hamas‐Truppen. Da eine Niederringung der Fatah nicht in ihrer Macht steht, griff die Hamas Anfang vergangener Woche zum altbewährten Ablenkungsmittel: Terror gegen Israel. Die Rechnung der Islamisten ging nur zum Teil auf. Zwar flauten die innerpalästinensischen Zusammenstöße zu Beginn dieser Woche ab, doch bleibt die Spannung zwischen Hamas und Fatah. Die staatlichen Strukturen der Palästinenser haben dauerhaften Schaden genommen. Heute stehen sich in Gasa faktisch zwei Regierungsapparate und zwei Armeen gegenüber. So ähnelt der kleine Landstrich mehr und mehr dem Libanon.
Das israelische Sicherheitskabinett drohte für den Fall anhaltenden Raketenbeschusses „drastischere Schritte“ an. Oppositionsführer Benjamin Netanjahu forderte, dem Gasastreifen Strom und Wasser abzudrehen. Im Grunde wissen aber Politiker und Militärs, dass den Kassams durch solche Mittel allein kaum Einhalt zu gebieten ist. Um nachhaltigere Erfolge zu erzielen, müsste Israel größere Sicherheitszonen im Gasa besetzen, die Terroristen auf deren eigenem Gebiet angreifen. Bisher hat sich Israel jedoch mit einem kaum wahrnehmbaren Vorrücken weniger Truppen in den Ga‐ sastreifen begnügt. Nicht ohne Grund: Ein massiver Einmarsch droht eine einheitliche palästinensische Front zusammenzuschmieden, hohe Verluste zu verursachen und Israel auf der Weltbühne zu isolieren.

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