WM-Fußballfieber

Stadion oder Synagoge?

von Christine Schmitt
und Detlef David Kauschke

Die Stadt ist im WM‐Fieber, das jüdische Berlin reagiert noch eher zurückhaltend. Für Claudio Offenberg zum Beispiel begann die Fußball‐Weltmeisterschaft mit Urlaub, denn er reist in diesen Tagen ins Ausland. Aber eins steht für den Trainer der Berliner Makkabi‐Fußballer fest: Der Fernseher wird auch dort regelmäßig zu den Spielen eingeschaltet sein. Zum Viertelfinale will er zurückkommen, schließlich hat er für eine Partie Eintrittskarten erstanden. Daß er bei der WM noch etwas für seinen Job lernen kann, bezweifelt der Trainer. „Der Fußball ändert sich ja nicht großartig.“ Hauptsache, es gibt schönen Sport, hofft Offenberg. Er selber wird mit seiner Mannschaft ab Juli wieder auf dem Platz stehen, denn im August beginnt die Saison in der Verbandsliga. „Und da wollen wir nach unserem jüngsten Aufstieg um Klassenerhalt kämpfen.“ Sein Tip für die FIFA‐WM: Brasilien oder Holland.
An diese Favoriten glaubt auch André Brüske, Lehrer an der Heinz‐Galinski‐ Schule. England und Frankreich könne er sich auch noch gut als Weltmeister vorstellen. Natürlich ist das Turnier Thema an der Waldschulallee: „Die Schüler sprechen viel über die WM“, sagt er. Vor allem die 20 Kinder, die in der schuleigenen Fußballmannschaft mitspielen, sind aufgeregt. Denn sie dürfen demnächst bei einem Training der deutschen Nationalmannschaft im Mommsenstadion dabei sein, sagt André Brüske, Lehrer und Trainer der Nachwuchssportler.
Die Schule liegt in unmittelbarer Nähe einer der Trainingsstätten der deutschen WM‐Kicker, dem Mommsenstadion, und nicht weit vom WM‐Austragungsort, dem Olympiastadion. Schon mehrfach kam es in diesem Bereich zu erheblichen Staus. Harald Frankenberg, Chef des Schulbusunternehmens, wartet täglich darauf, daß einer seiner Fahrer es nicht mehr rechtzeitig schafft, die Kinder zum Unterrichtsbeginn zu bringen oder wieder abzuholen. „Aber bisher ist alles im grünen Bereich“, meint Frankenberg.
Auch im Gemeindehaus an der Fasanenstraße spürt man die Nähe zum fußballerischen Großereignis. Schräg gegenüber haben sich Ronaldo, Ronaldinho und die an‐ deren brasilianischen Superstars einquartiert. Das Hotel Kempinski war tagelang von Fans und Sicherheitskräften umlagert.
Nicht nur in dieser Hinsicht hat die WM Einfluß auf das Leben im Gemeindehaus. Die Repräsentantenversammlung (RV) kam an diesem Mittwoch in der Fasanenstraße zusammen, nur wenige Stunden vor dem Anpfiff des Vorrundenspiels Deutschland‐Polen. Zumindest die Präsidiumsmitglieder schien das nicht so sehr zu stören. Jael Botsch‐Fitterling zum Beispiel erinnert sich noch gerne an das letzte WM‐Endspiel, bei dem Deutschland gegen Brasilien um den Sieg kickte und 0:2 unterlag. „Ich war in Israel und habe tatsächlich das ganze Spiel mitgeguckt und sogar Deutschland angefeuert“, sagt sie. Aber eigentlich interessiere sie sich nicht so für Fußball. Daß die letzte Sitzung des Gemeindeparlaments vor der Sommerpause ausgerechnet auf den Tag angesetzt worden war, an dem die Ukraine gegen Spanien, Tunesien gegen Saudi‐Arabien und eben Deutschland gegen Polen um Tore kämpfen, wußte sie zuvor auch nicht. „Ein Verschieben wäre sowieso nicht mehr möglich gewesen“, sagt Josef Latte, Vorsitzender der RV. Er hatte sich darauf eingestellt, daß weniger Interessenten zur Sitzung kommen würden als an anderen Tagen. Aber die Tagesordnung sollte so gründlich wie immer durchgearbeitet werden, hatte er sich fest vorgenommen.
Ob an den Spieltagen auch in den Synagogen weniger los ist? Rabbiner Chaim Rozwaski bedauert zumindest, daß am vergangenen Schabbat offensichtlich noch keine WM‐Besucher den Weg in sein Gotteshaus an der Pestalozzistraße gefunden ha‐
ben. „Aber die jüdischen Fans, die aus Israel und der ganzen Welt nach Berlin kommen, sind zu unseren Gottesdiensten herzlich willkommen.“ Auf die christlichen Kirchen angesprochen, die ihre Gotteshäuser sogar für Fußball‐Übertragungen öffnen, sagt Rozwaski: „Manche Kirchen suchen immer wieder Gründe, die Menschen in die Gottesdienste zu bekommen. Wir brauchen das nicht, wir haben unseren Grund gefunden: die Tora.“
Wer die Spiele gerne in Gesellschaft sehen will, hat dazu auch im Makkabi‐Club in der Charlottenburger Harbigstraße 40 Gelegenheit. Dort gibt es eine Großbildleinwand, die bei erhöhtem Fanaufkommen aufgebaut wird. Und am Mittwoch, 21. Juni, laden die Damen der WIZO (Women’s International Zionist Organization) ab 19.30 Uhr dorthin ein. „Während Argentinien gegen die Niederlande kickt, servieren wir ein Grillbuffet mit israelischen Spezialitäten“, kündigt die WIZO‐Vorsitzende Michal Gelerman an. Der Eintritt kostet 20 Euro, plus 20 Euro Spende. Der Erlös geht an das Jugendprojekt Kirjat Hanoar in Israel. Gelerman verspricht ein „Fußball‐Happening“ für den guten Zweck.

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