David Friedmann.

Spurensuche

von Alice Lanzke

Mit geschlossenen Augen lässt der Violi‐nist den Bogen über die Saiten seines Instruments streichen, das Gesicht gleich‐zeitig hochkonzentriert und doch versunken. Es ist ein fast schon intimer Moment, den der Künstler David Friedmann (1893–1980) mit seiner Zeichnung des Geigers Alfred Wittenberg eingefangen hat – und eine von 32 Arbeiten Friedmanns, die derzeit im Foyer der Berliner Philharmonie gezeigt werden.
Unter dem Titel „Musikerzeichnungen von David Friedmann“ sind hier noch bis Anfang Januar Reproduktionen aus seiner Zeit als Pressezeichner im Berlin der 20er‐Jahre zu sehen. Damals waren Pressezeichner, ein mittlerweile ausgestorbener Beruf, ihren fotografierenden Kollegen haushoch überlegen: Während diese sich noch in der Dunkelkammer abmühten, bannten sie mit schnellem Strich Momentaufnahmen aufs Papier. Friedmann, der sich selbst scherzhaft als „Kopfjäger“ bezeichnete, gehörte zu den renommiertesten Zeichnern seiner Zeit, Hunderte seiner Porträts von Musikern, Schauspielern, Schriftstellern und anderen Personen des öffentlichen Lebens illustrierten Zeitungen und Zeitschriften.
Die Arbeit im hektischen Medienbetrieb war nur ein kleiner Ausschnitt seines Schaffens: Mit spätimpressionistischen Landschaften, Stillleben und Akten war er gleichfalls erfolgreich – bis die Nazis an die Macht kamen. Friedmann floh 1938 mit seiner Familie nach Prag, kam ins Ghetto von Lódz und wurde schließlich nach Auschwitz deportiert. Seine Frau Mathilde und seine kleine Tochter Mirjam Helene überlebten den Holocaust nicht, er selbst emigrierte nach der Befreiung über Israel in die USA.
Neben seiner Familie verlor Friedmann auch seine Kunst: Anfang der 40er‐Jahre konfiszierte die Gestapo die meisten seiner Arbeiten, wahrscheinlich mehr als 2.000 Werke, die seither verschollen sind – Friedmann wurde Teil der sogenannten Vergessenen Generation, deren Schaffen durch die Nazis zerstört wurde.
Eine Tatsache, die seine Tochter aus zweiter Ehe, Miriam Friedman Morris, än‐
dern will. Seit 25 Jahren versucht sie, ihren Vater dem Vergessen zu entreißen, seit 15 Jahren ist sie auf der Suche nach den verschollenen Kunstwerken – eine mühselige Aufgabe. „Mein Vater hat kaum über die Zeit vor dem Krieg gesprochen, sodass ich nur wenige Hinweise hatte“, erinnert sie sich. Die wenigen Anhaltspunkte brachten sie 1994 zu ihrer ersten Recherchereise nach Europa: „Ich folgte den Spuren meines Vaters in Deutschland und Tschechien, besuchte die Lager und durchstöberte Ar‐
chive“, erzählt sie. Außerdem veröffentlichte sie Suchaufrufe im Internet und mit Flyern – immer in der Hoffnung, dass jemand einen Original‐Friedmann in seinem Wohnzimmer entdeckt.
Lebhaft erinnert sie sich an die Reaktion ihres Vaters, als er Fotos seiner verloren geglaubten Reihe „Köpfe berühmter Schachmeister“ geschickt bekam: „Stolz sagte er ‚Siehst du Miri, ich war vor dem Krieg wirklich ein berühmter Künstler. Ich war für diese Schachporträts bekannt.’“ Dass seine früheren Erfolge nicht gewürdigt wurden, machte Miriam Friedman Morris traurig – und gab ihr eine Motivation für die „Schatzsuche“, wie sie ihre unermüdliche Arbeit nennt. Bislang hat sie nur wenige Originalwerke ihres Vaters gefunden. Dafür ent‐
deckte sie, dass sie nicht allein nach dem früheren Leben Friedmanns forschte: Der deutsche Journalist Detlef Lorenz war vor knapp zehn Jahren während seiner Recherche für ein Buch über Künstlerspuren in Berlin auf den Namen David Friedmann gestoßen. „Da ich ihn in Deutschland nicht fand und auch nicht in den Verzeichnissen der Opfer der Nazis, vermutete ich, dass er den Holocaust überlebt hat und fragte beim Leo Baeck Institute in New York nach“, sagt er. Das Institut vermittelte den Kontakt zu Friedmanns Tochter, die ihn in den folgenden Jahren immer wieder mit Material versorgte.
Als die beiden sich 2003 in Berlin trafen, kam Lorenz auf die Idee, ein Buch über Friedmann zu schreiben: David Friedmann (1893–1980). Ein Berliner Pressezeichner der 1920er Jahre erschien dieses Jahr. Während der Arbeit an dem Band entdeckte er in alten Pressearchiven unter anderem die Programmzeitschrift „Der deutsche Rundfunk“ – und darin eine große Zahl der Musikerzeichnungen. Für Miriam Friedman Morris eine Sensation: „Die Originale mögen verschollen sein, aber die Kunst meines Vaters hat in den Zeitungen und Zeitschriften überlebt.“
Lorenz übergab den Fund an Helge Grünewald, den Dramaturgen der Berliner Philharmonie, für das Archiv des Konzert‐hauses. Doch Grünewald sah, dass viele der porträtierten Musiker einen Bezug zur Philharmonie hatten und beschloss, die Zeichnungen in einer Ausstellung zu zei‐gen. „Da es keine Originale gab, mussten wir die Drucke aus den Zeitungen aufwendig bearbeiten und reproduzieren lassen“, erklärt er. Nun hängen 30 der Nachdrucke sowie eine Original‐Künstlerzeichnung und ein Landschaftsgemälde im Foyer der Philharmonie, knapp 20 historische Tondokumente der Zeit vervollständigen die Ausstellung. In der Broschüre zur Schau werden auch die Biografien der gezeichneten Künstler vorgestellt, viele von ihnen waren Juden, die nach 1933 nicht mehr auftreten durften. „In den Schicksalen der Porträtierten spiegelt sich auch Friedmanns Los wider, dessen Kunst ja zerstört wurde eine interessante Parallele“, stellt Grünewald fest. Die Resonanz der Besucher sei sehr gut, gerne würde er die Ausstellung auf Reisen in andere Städte oder Länder schicken.
Für Miriam Friedman Morris ist schon die Schau in Berlin, deren Eröffnung sie am 70. Jahrestag der Reichskristallnacht besuchte, ein Erfolg. Ihr Vater, selbst ein passionierter Geiger, hätte den Gedanken, dass seine Arbeiten in der Philharmonie gezeigt werden, geliebt. „Die Ausstellung ist der Beweis, dass er ebenso wie die Mu‐
siker, die er gezeichnet hat, gelebt hat. Jedes Mal, wenn ich ein Bild von ihm finde, ist das ein Sieg über das Dritte Reich.“ Ihre Suche will sie niemals aufgeben.

Die Ausstellung „Musikerzeichnungen von David Friedmann“ ist noch bis zum 3. Januar 2009 im Foyer der Berliner Philharmonie, Herbert‐von‐Karajan‐Straße 1 (Montag bis Freitag 15 bis18 Uhr, Dienstag 12 bis 18 Uhr, am Wochenende und an Feiertagen 11 bis 14 Uhr) zu sehen.

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