Oslo

Spurensuche

von Katharina
Schmidt‐Hirschfelder

Es ist kein Zufall, dass Oslo erst jetzt ein jüdisches Museum bekommt. Die kleinste Minorität galt im Land der Fjorde lange als Gast oder wurde überhaupt nicht wahrgenommen. Das soll sich nun ändern. „Ja, wir sind marginal. Aber wir haben Spuren hinterlassen“, sagt Sidsel Levin, Chefin des jüdischen Museums. Seit sie vor fünf Jahren begann, das Museum zu konzipieren, hat sie mehr Zeit auf Behörden verbracht als in ihrem Büro. Um jede Krone und jeden Quadratmeter Ausstellungsraum musste sie kämpfen. Mit Erfolg. Seit einem Jahr unterstützen die Regierung und die Kommune Oslo das Projekt. Von den Fördergeldern kann Levin inzwischen zwei Mitarbeiter bezahlen. Für die ambitionierte Museumschefin, die während des Krieges im schwedischen Exil geboren wurde, allerdings lange nicht genug. Denn außer der Daueraus‐ stellung sind Magazine, eine Bibliothek und Kulturabende geplant.
Levins leuchtende Augen lassen keinen Zweifel zu: Die Eröffnung wird alle Erwartungen übertreffen. 2008 sei ein guter Termin, findet sie. Dann beginnen die Feiern zum Henrik‐Wergeland‐Jahr. Dem „norwegischen Lessing“ ist es zu verdanken, dass 1851 der „Judenparagraf“ aus der norwegischen Verfassung gestrichen wurde. Spät genug für ein Land, das sich der ältesten demokratischen Verfassung Europas rühmt.
Sidsel Levins Urgroßeltern kamen als Tabakarbeiter aus Vilnius am Hafen von Aker Brygge an und ließen sich im Hausmannskvarter nieder, Oslos jüdischem Immigrantenviertel. Dort, wo heute Einwanderer aus Pakistan und Somalia ihre Nachbarn sind, hat Sidsel Levin den perfekten Ort für das Museum gefunden: die Alte Synagoge in der Calmeyer Gate 15b. Das baufällige Haus hatte die Gemeinde vor Jahren verkauft – für zwei Synagogen gab es damals in Oslo keinen Bedarf. Levin mietet bis jetzt nur eine Etage mit drei Räumen. In Gedanken versunken streicht sie über den alten Toraschrein, der in dem kargen Ausstellungsraum noch ein wenig verloren wirkt. „Mein Vater feierte hier seine Bar Mizwa. Wenn ich die Augen schließe, höre ich das Russisch, Hebräisch, Jiddisch, Polnisch meiner Vorfahren. Auch Norwegisch!“, fügt sie lachend hinzu.
Als die Restauratorin vor einigen Monaten mit dem Spachtel die ursprüngliche Wandbemalung freilegte – goldener Davidstern und hebräische Inschrift auf hellblauem Grund –, war das für alle ein emotionaler Moment. An den unverputzten Wänden hängen zwei Dutzend Bilder. Sie dokumentieren Einwanderung und Integration der norwegischen Juden. Von dem Rabbiner Samuel zum Beispiel, von den Mietern des Hauses in der Calmeyer Gate 15b, von den Künstlern der 30er‐Jahre. Vergessene Namen, denen die zukünftige Dauerausstellung ein Gesicht geben will. Eine Sisyphusarbeit für Levins Mitarbeiter Mats Tangestuen. Er gehört, wie seine Kollegin Beate Strom, zur jüngeren Generation norwegischer Wissenschaftler, die sich erstmals an die verdrängte Schattenseiten ihres Landes heranwagen. Die Deportationen zum Beispiel, die Willy Brandt als „Norwegens Schande“ bezeichnete. Von den 762 deportierten Juden überlebten nur 30 die Schoa.
Bis alle Dokumente kopiert, gerahmt und kommentiert sind, stecken Levin und ihr Team ebenso viel Energie in den anderen Kern des Museums, das Kulturzentrum. Dass die Vorträge dort zwischen Farbeimern stattfinden ist für die Besucher kein Problem. Die Resonanz sei überwältigend, meint Levin begeistert.
Das scheint auch bitter nötig zu sein. Immerhin stimmten viele Norweger vor einem Jahr dem Anti‐Israel‐Essay von Jostein Gaarder zu, der voll war mit antisemitischen Stereotypen. Alarmierend 2005 auch die Schlagzeile der Tageszeitung Dagsavisen: „Jugendliche glauben nicht an Judenvernichtung“. So etwas wäre vor zehn Jahren undenkbar gewesen, meint der Historiker Einhart Lorenz von der Universität Oslo. Seine Forschungen zeigen, dass „Juden irgendwie nicht zur norwegischen Gesellschaft dazugehörten. Zum 50. Jahrestag der Befreiung war die jüdische Gemeinde nicht einmal eingeladen“, erinnert er sich. Der letzte Tiefpunkt kam 2006: Schüsse auf die Synagoge und Schändung des jüdischen Friedhofs. Eine Gesellschaft, die ihre Minderheiten ausgrenzt, braucht eine Einrichtung wie das jüdische Museum, sagt Lorenz.

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