Paul Spiegel

Spuren, die nicht vergehen

von Joachim Edler

In den seltenen Momenten ohne feste Termine schlenderte Paul Spiegel sel. A. durch die Warendorfer Altstadt, besuchte den Jüdischen Friedhof, auf dem seine Eltern beerdigt sind. Manchmal traf er Freunde, Wegbegleiter. Nie war er allein. Leibwächter folgten ihm auf Schritt und Tritt. Trotzdem nahm er sich Zeit. Wenn Paul Spiegel in Warendorf war, sprach er von seinem Zuhause. Auch nach seiner Wahl zum Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland bekannte er sich immer und ohne Einschränkung positiv zu seiner Vaterstadt.
Am 24. Mai gedachte die Stadt Warendorf ihres am 30. April verstorbenen Ehrenbürgers. »Seine Lebensgeschichte wurzelte in dieser Stadt, eine Lebensgeschich- te, die ihn nicht nur freudige Momente, sondern auch sehr schmerzhafte Einbrüche erfahren ließ«, sagte Bürgermeister Jochen Walter. Spiegel sei ein Mahner für Menschlichkeit und Toleranz gegen Diskriminierung und Gewalt gewesen. Als Bürger habe er seine Stimme immer dann erhoben, wenn er Gefahren für die Freiheit und die Demokratie gesehen habe.
Spiegel tat dies auf seine Art. Niemals verletzend, immer von dem Gefühl geleitet, verstehen und verändern zu wollen. Und so war die Gedenkfeier in der westfälischen Provinz, die gleichzeitig die offizielle Übergabe des neugestalteten Vorplatzes am Jüdischen Friedhof war, sehr einfach, aber bewegend.
Walter rief in seiner Gedenkrede alle Bürger auf, Spiegels Kampf gegen antisemitische und fremdenfeindliche Ausschreitungen weiter offen und aktiv zu unterstützen. »Das sind wir unserem Ehrenbürger schuldig.« Die Erinnerung daran, daß jüdische Bürger in dieser Stadt gelebt und gewirkt haben, solle stets wach und in Ehren gehalten werden, sagte Walter weiter.
Zeugen dafür seien der Jüdische Friedhof, die Gedenkstele an der Freckenhorster Straße, die Hugo-Spiegel-Straße und nicht zuletzt der neugestaltete Platz vor dem Jüdischen Friedhof, wo vorübergehend ein Modell der neuen Stele steht. Er stehe als Ort der Stille und des Gedenkens auch für jenes Unrecht, das durch die Mißachtung der Menschenrechte verursacht wurde und wird. Und: »Auch als Denkmal an Paul Spiegel, den Mitinitiator dieses Projektes, den unerbittlichen Kämpfer für Toleranz und demokratische Werte, den Ehrenbürger, den Freund und Sohn dieser Stadt.« Denn der 24. Mai als offizielle Übergabe des Friedhofs stand schon lange vor Spiegels Krankheit in dessen Terminkalender. Matthias M. Ester, Sprecher des Arbeitskreises Jüdisches Leben in Warendorf, bezeichnete Spiegels Tod als schweren Verlust, den die jüdische Gemeinschaft in Deutschland erlitten habe. In der Versöhnung mit Nichtjuden sei Spiegel so entschlossen gewesen wie im Kampf gegen Antisemitismus und jede Form von Diskriminierung.
»Wir alle sollten uns heute fragen, wie wir über Paul Spiegels Tod hinaus die Verantwortung für das Gedenken und Erinnern an die Opfer der Schoa in Warendorf fortentwickeln können.« Ester gab auch gleich die Antwort: »Sehen wir zu, daß wir die jüdische Geschichte wieder als einen Teil der Warendorfer Stadtgeschichte begreifen, daß wir die Verantwortung für den Umgang mit der deutsch-jüdischen Geschichte hier vor Ort übernehmen. Lassen Sie uns zusammen das jüdische Kulturerbe in der Emsstadt wahren und pflegen.«
Freunde und Bekannte von Paul Spiegel, darunter Prominente aus Kirche, Politik und Wirtschaft, nahmen an der Gedenkveranstaltung im Theater am Wall teil. Musikalisch umrahmt wurde sie vom Kammerchor Warendorf. Unter den 200 Gästen waren auch Spiegels Tochter Leonie sowie Marga Spiegel, eine Tante. Begleitet wurden sie von dem Rabbiner der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf, Julian-Chaim Soussan.
Beim Kaddisch erhoben sich die Gäste von ihren Plätzen. Im Foyer lagen Kondolenzbücher aus. Zahlreich waren die Beileidsbekundungen. Viele würdigten Yitzchak ben Chaim, so der jüdische Name Paul Spiegels, als einen Menschen, der Spuren hinterlassen hat, die nicht vergehen werden.

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

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