Gregory Kotler

Sozial, liberal, ökologisch

von Olaf Glöckner

Er stammt aus dem ostukrainischen Donezk. Als Gregory Kotler das Licht der Welt erblickte, sollte es bis zum Zusammenbruch des Sowjetimperiums noch reichlich 20 Jahre dauern. Nochmals zwei Jahrzehnte später ist Familie Kotler in Kfar Saba zu Hause – nach Zwischenstationen wie Jerusalem und Moskau. Rabbiner Kotler, ein aufgeschlossener Typ mit dichtem Bart, tiefer Stimme und quicklebendigen Augen, ist Teil der jüngsten russischen Alija: »Ich komme aus einer typischen sowjetisch-jüdischen Familie«, erzählt der Mann ganz un-
befangen. »Vater war Ingenieur, Mutter war Krankenschwester, und ich war vor allem technikbegeistert.«
Alles schien zunächst seinen sozialistischen Gang zu gehen. Gregory studierte Automobilbau und brachte den Armeedienst hinter sich, ertrug irgendwie den »üblichen Antisemitismus« und schrieb sich schließlich als Student für russische Sprache und Literatur ein. Vielleicht könnte man ihm heute an der Donezker Nationalen Universität lauschen – hätte es nicht das politische Erdbeben im Ostblock gegeben, dem der Exodus von einer Million sowjetischer Juden folgte.
1991 kam Gregory Kotler nach Jerusalem, und die Begegnung mit Land und Leuten muss ihn tief gehend verändert haben. Aus dem Autofreak und Literaturkenner wurde alsbald ein Rabbinerstudent am Hebrew Union College, und nebenbei interessierte er sich bald brennend für israelische Politik. Kotler schloss sich der linksgerichteten Meretz-Partei an, war dort jahrelang aktiv, bis die Partei ihm – wie er heute sagt – »zu glatt und etabliert« wurde.
2001 schickte die World Union for Progressive Judaism den jungen Rabbiner und seine Frau Marina nach Moskau. »Vier Jahre lang hatte ich dort sehr interessante Aufgaben und Herausforderungen«, erinnert er sich. »Aber uns war klar, dass wir schon tiefe Wurzeln in Israel geschlagen hatten. Dort gehörten wir hin, und so blieb Moskau eine erlebnisreiche Zwischenstation.« Wieder hieß es Koffer packen – zur Rückkehr in ein Israel, das schmerzlich die Folgen der Zweiten Intifada spürte und in dem Zehntausende GUS-Immigranten noch immer ihren Platz in neuer Umgebung suchten. »Die russischsprachigen Ju-
den haben unglaublich viel in ihre Wahlheimat investiert, in der Zweiten Intifada hatten sie viele Opfer zu beklagen. Aber die hiesigen Eliten behandeln sie nur wie ein neues Segment in der alten Gesellschaft«, sagt Gregory mit nachdenklichem Unterton. Leider treffe diese Einstellung auch auf das religiöse Establishment zu, und hier spricht der Rabbiner aus alltäglicher Erfahrung. »Jede Woche kommen junge Leute zu mir, die jüdisch heiraten wollen. Sie können es nicht wegen der fehlenden halachischen Abstammung. Nirgendwo ist das Problem akuter als bei den russischen Juden. Dabei wollen die jungen Menschen die Chuppa, sie wollen sich en-
gagieren, wollen jüdisch leben. Aber selbst das Reform-Beit-Din zögert.« Gregory Kotler schüttelt verständnislos den Kopf, verweist auf längst geltende progressive Lösungen beim Board of American Rabbis und bei den Liberalen in Großbritannien. Dann hebt er entschlossen, fast wütend die Stimme: »Warum scheuen wir einen solchen Schritt in Israel – und vertun damit die reale Chance, endlich wieder junge Leute für ihr Judentum zu begeistern?«
Für Kotler ist die Öffnung der kleinen und eher marginalen israelischen Reformgemeinden für Menschen mit »nur« jüdischen Vätern nicht nur eine religiöse Frage, sondern auch eine des Ankommens und des Sich-zu-Hause-Fühlens. »Wir haben eigentlich schon genug Probleme mit der Integration«, sinniert der Rabbiner, »und wir sollten es den jungen Menschen nicht noch schwerer machen.« Vor allem die Lage der Jugendlichen aus »gemischten« Immigrantenfamilien, also wo nur ein Elternteil jüdisch ist, beschäftigt ihn. Für die sei es besonders schwierig, eine gefestigte Identität zu entwickeln. »Viele der heute 18-Jährigen hat niemand vor der Ausreise gefragt, ob sie überhaupt nach Israel wollten. Später erlebten sie Dauerspannungen, wenn die Eltern unter Integrationsstress gerieten. In der Schule hieß es vielleicht noch, sie seien keine echten Juden. Und dann wundern wir uns, wenn manche von ihnen Drogen nehmen, gewalttätig werden oder Swastikas an die Wände malen.«
Gregory Kotler ist froh über neue Selbst-
hilfeprojekte für »gemischte Familien« und eine landesweite »Vereinigung für Immigrantenkinder«, die mittlerweile großen Zulauf haben und beharrlich die Öffentlichkeit konfrontieren. »Wir reden hier nicht von einigen hundert Betroffenen. Wir reden von 300.000 Einwanderern, deren religiös-rechtlicher Status bis heute ungeklärt ist. Die laufen Gefahr, ihre Probleme an die nächste Generation zu vererben, und spätestens dann droht der Bumerang uns allen.«
Sein ganz persönliches Engagement aber richtet der Rabbiner auf Umweltschutz. »Ökologie war lange ein Stiefkind der israelischen Politik«, holt Gregory Kotler etwas weitschweifig aus. »Irgendwann gab es dann den Horror in den Nachrichten: Badeunfälle in verseuchtem Gewässer, Smog in den Großstädten, angeschlagene Naturreservate. Und das alles auf engstem Raum – hier in diesem kleinen, wunderschönen Land.« Rabbiner Kotler wollte nicht länger still sitzen, nahm Kontakt auf zur Grünenpartei in Israel, den Yerukim. Zwar scheiterte deren junge Liste bei der letzten Knessetwahl knapp an der Zwei-prozenthürde, doch ähnlich wie in westlichen Industrieländern sieht Kotler die Yerukim organisch von unten nach oben wachsen. »In Kfar Saba sind wir noch eine recht kleine Gruppe, aber das wird sich ändern.« Er sieht das ökologische Bewusst-sein der Israelis, im wahrsten Sinne des Wortes, wachsen. Zugleich hofft er, dass in der Gesellschaft und dem religiösen Establishment auch das Bewusstsein für die Probleme der russischsprachigen Zuwanderer wächst. Was er dazu beitragen kann, will Kotler tun.

Washington D.C.

USA wollen Saudi-Arabien 48 moderne F-35-Kampfjets verkaufen

Die Tarnkappenjets gelten als die aktuell modernsten Kampfflugzeuge. Im Nahen Osten waren sie bislang dem US-Verbündeten Israel vorbehalten. Nun zeichnet sich ein geplanter Deal mit Saudi-Arabien ab

 18.09.2026

Magdeburg

AfD will FPÖ-Erfahrungen in Sachsen-Anhalt nutzen

»Von den politischen Erfahrungen der FPÖ können wir sicherlich profitieren«, sagt der Parlamentarische Geschäftsführer der AfD-Landtagsfraktion

 18.09.2026

Kolumne

Fastenkurse im Bordbistro

Wieder mal Spaß gehabt mit der Deutschen Bahn: Über die Katastrophe eines Weltkonzerns

von Maria Ossowski  16.09.2026

Sachsen-Anhalt

BSW will AfD-Landtagspräsidenten mitwählen

Bundesweit ist es der AfD noch nie gelungen, das Amt eines Parlamentspräsidenten zu übernehmen – auch wenn sie die stärkste Partei war. Das könnte sich in Sachsen-Anhalt jetzt ändern

 08.09.2026

Bayern

Innenminister Herrmann geht von Brandanschlägen auf Rüstungsunternehmen aus

Nach einer Brandattacke auf eine Münchner Baustelle geht Bayerns Innenminister Herrmann von einem Anschlag mit politischem Hintergrund aus - und sieht ein größer werdendes Risiko

 03.09.2026

Berlin

Chabad-Gemeinde feiert 30-jähriges Bestehen

Musik, Street-Food und ein Festakt: Die jüdische Chabad-Gemeinde in Berlin hat ihr 30-jähriges Jubiläum gefeiert. Dabei gab es auch einen virtuellen Ausblick auf ein großes Bauprojekt, das nächstes Jahr starten soll

 30.08.2026

Westjordanland

Auslandspresseverband in Israel fordert Schutz für Journalisten

Gewalttätige Siedler attackieren US-Journalisten im Westjordanland – der Auslandspresseverband warnt vor einem gefährlichen Trend

 30.08.2026

Antisemitismus

Ire in Frankreich verhaftet, nachdem er gedroht hatte, jüdisches Paar zu ermorden

Nachdem der Australier und seine Frau aus dem Tunesien-Urlaub zurück waren, gingen sie zur Polizei

 27.08.2026

Desinformation

Was steckt hinter dem International Burke Institute?

Die KI-Firma OpenAI hat nach eigenen Angaben eine verdeckte russische Beeinflussungskampagne aufgedeckt, die sich als israelisch inszeniert haben soll

 26.08.2026