Weintraub Syncopators

Sorry, sagt die Freiheitsstatue

von Michael Böhm

Eine langbeinige, blonde Venus stakst inmitten mannsgroßer Buchstaben umher und unterbricht immer wieder die Erzählungen eines alten Mannes: „Falling in Love again, … I can’t help it!“ Die Blondine (Karolina Kubiak) ist die berühmte Schauspielerin Marlene Dietrich, der alte Mann, (Jan‐Geerd Buss) einer der berühmtesten Unbekannten der Jazzgeschichte: Steps Weintraub. Jeder kennt ihn, jeder kennt seine Band – denn jeder kennt den Blauen Engel. In Josef von Sternbergs Film war Weintraubs Truppe das Hausorchester des verruchten Lokals und gab der Dietrich den Ton an.
Doch das war nur ein Nebenjob. Die „Weintraub Syncopators“ waren in ihren besten Zeiten berühmter als die „Comedian Harmonists“. Mit Liedern wie Am Sonntag will mein Süßer mit mir segeln gehen oder Ich kauf‹ mir ne Rakete begeisterten sie in den Goldenen Zwanzigern Millionen. Als „Germany’s best Bigband“ wurden sie in aller Welt gefeiert – als Juden wurden sie 1933 aus Deutschland vertrieben.
Die Neuköllner Oper, ein kleines aber repertoirestarkes Berliner Off‐Theater, ruft in ihrer Revue Weintraubs Jazz Odyssee die vergessenen Musiker wieder in Erinnerung. Das Stück beginnt im Himmel. Dort will der gerade verstorbene Steps Weintraub in die Jazzabteilung aufgenommen werden. Doch der Einlass in die himmlische Hall of Fame ist schwierig. Niemand kennt den Musiker mehr, der zuletzt sein Geld als Automechaniker verdienen musste, keiner ernnert sich an seine Band Weintraub Syncopators. Und so muss er erzählen: von der amerikanischen Musikergewerkschaft, die den Flüchtlingen einst die Arbeitserlaubnis verweigerte, von der australischen Polizei, die sie als Spione verdächtigte und eben von Marlene Dietrich, die einen Bittbrief unbeantwortet ließ:„I can’t help it!“
Regisseurin Ulrike Gärtner setzt die Erinnerungen des alten Mannes in realistischen und symbolischen Bildern um: Da bespuckt ein BDM‐Mädchen die Musiker – „Scheißjuden!“ – nachdem sie sich ihnen kurz vorher noch als Groupie angedient hatte. Da sagt die Freiheitsstatue nur „I’m sorry“ und wird von Klesmerweisen übermannt. Da tanzt ausgelassen ein Affenpaar, von behelmten Fabeltieren bedroht, zu den Klängen des Weintraubhits Mein Gorilla hat ‘ne Villa im Zoo.
Wiebke Horn hat die Szenerie mit fantasievollen ironischen Kostümen belebt und konterkariert dadurch immer wieder die Tragik der Handlung. Herausragend ist das Spiel von Jan Gerd Buss. Sein Steps Weintraub ist weder gekränkt noch verbittert, er will einfach verstehen und fragt, was er hinterlassen hat. Dem alten Mann erweist sich am Ende ein Engel als ewiger Fan und Jugendliebe. Unsterblich, so will es die Fabel, wird man für die, die lieben und nicht vergessen. Vor allem aber spielt und singt eine junge Band – und sie spielt und singt, als sei es das letzte Mal: fröhlich, ausgelassen, rasant, voller Witz und Esprit, den historischen Weintraubs eine Schwester im Geiste. Da machte es nichts, wenn hier und da ein Ton nicht stimmt, da vergisst man, dass der Text massive Schwächen hat, um die sich kein Dramaturg geschert hat. Die Weintraub Syncopators sind für einen Abend wiederauferstanden.

„Weintraubs Jazz Odyssee – Die Legende einer Showband“. Neuköllner Oper, Berlin
www.neukoellneroper.de

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