großmoschee

soll die geplante großmoschee in köln-ehrenfeld gebaut werden?

Gebot des Humanismus
von Rafael Seligmann

Wer den Bau von Moscheen in Deutschland begrenzen oder gar verbieten will, hat weder das jüdische Gebot der Nächstenliebe noch das Grundgesetz begriffen – oder er ist schlicht nicht bereit, es zu respektieren. Das israelitische Gesetz „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!“ beschränkt sich keineswegs, wie Antisemiten glauben machen wollen, auf Juden. Es ist universell und unteilbar. Nächstenliebe gilt jedem Menschen. Unsere christlichen Mitbürger gehen – falls sie das Gebot ihres Erlösers befolgen – sogar noch weiter: Sie sollen ausdrücklich ihre Feinde lieben. Viel Erfolg!
Hier soll nicht zum Wettstreit der religiösen Toleranz aufgerufen werden. Doch einerlei, ob Jud, Christ oder aufgeklärter Humanist, der „jeden nach seiner Facon selig“ sehen möchte, alle haben das Recht, ihren Glauben frei auszuüben, soweit andere dabei nicht eingeschränkt werden. Das wird vom Grundgesetz unterstrichen. Artikel 3 lautet: „Niemand darf wegen seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen und politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden.“ Dies bedeutet, dass die Verfassung nicht nur für Deutsche gilt. Und anders als manche annehmen, ist das Christentum in Deutschland keineswegs gesetzlich privilegiert.
Das Diskriminierungsverbot entspricht und entspringt dem Geist des Grundgesetzes, der in Artikel 1 niedergelegt ist: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Dazu gehört die freie Ausübung des Glaubens in menschenwürdiger Umgebung. Die Christen erbauen seit mehr als einem Jahrtausend hierzulande prächtige Dome und Kirchen, um ihren Gott zu preisen. Den Juden war diese Weise der Toraehrung und die Schaffung von Gemeindezentren nur sporadisch erlaubt. Immer wieder wurden unsere Synagogen zerstört, nicht selten auch jüdische Menschen dabei ermordet. Erst mit der Reichsgründung im Jahre 1871 besaßen wir das Recht, relativ frei Synagogen zu gestalten. Missgunst und Hass blieben und entluden sich in der Verbrechensnacht des 9. November 1938. Dabei wurden in ganz Deutschland Synagogen geschändet und gebrandschatzt und eine Treibjagd auf Juden veranstaltet.
Es gibt Hasser, die den Moslems eine würdige Ausübung ihres Glaubens verwehren wollen – und am liebsten auch gegen Juden vorgingen. Andere, unter ihnen auch Juden, meinen, die Moslems sollten sich durch Wohlverhalten erst das Recht auf Moscheen nach ihren Wünschen „verdienen“. Das Ansinnen ist maliziös und dumm obendrein. Es widerspricht der Menschenwürde und demokratischer Auffassung. Die Eindämmungslust entspringt der Angst. Vor den Judenfeinden der Vergangenheit – und der Gegenwart.
Islamistische Hassprediger treiben in Deutschland ihr Werk. Es gilt, sie mit rechtsstaatlichen Mitteln zu bekämpfen. Dies darf jedoch nicht zu einer Geiselnahme der unbescholtenen Moslems in Deutschland führen. Wer dies fordert, opfert die Ideale der Freiheit und Menschenwürde, die auch Grundlage des jüdischen Glaubens, der jüdischen Geschichte und Tradition sind, der eigenen Angst.
Humanismus ist die entscheidende Stärke des Judentums. Aus seiner Kraft entsprangen die monotheistischen Weltreligionen, das Christentum und der Islam. Später auch Neid und Hass. Der Prophet Mohammed warb anfangs um die Juden. Als er gewahr wurde, dass die Israeliten nicht bereit waren, ihren Glauben aufzugeben, wütete er gegen sie. Ähnlich verfuhr später der christliche Reformator Martin Luther, der dazu aufrief, jüdische Gebetbücher und Gotteshäuser zu verbrennen.
Das Judentum dagegen respektierte stets die anderen Glaubensgemeinschaften. Auch den Islam. Obgleich fanatische Islamisten den jüdischen Staat bekämpfen und Juden, solange Jerusalem geteilt war, sogar das Recht verwehrt wurde, an der Klagemauer zu beten, gewährt Israel den Moslems freien Zugang zu ihren Gebetsstätten. Auch neue Moscheen werden in Israel gebaut. Dies ist beispielhaft. Angst lässt sich nicht per Befehl abschalten. Doch sie darf nicht zum Diktator werden. Und schon gar nicht sollten sich Juden zum Büttel antiislamischer Vorurteile machen lassen.
Frage der Zeitvon René Pollak

An dieser Stelle interessiert mich nicht die verkehrstechnische Belastung durch den geplanten Moscheebau oder die Zahl der Bürger, die sich für oder gegen dieses Bauwerk aussprechen. Die Frage ist vielmehr: Ist der Zeitpunkt heute geeignet, große repräsentative islamische Gotteshäuser in Deutschland zu errichten? Welche Signale würden von solchen Bauwerken ausgehen?
Die Feststellung, wir hätten in Deutschland das grundgesetzlich verbriefte Recht auf freie Religionsausübung, also könne jeder bauen, was er wolle, greift zu kurz. Vorher muss geklärt sein: Befinden sich die Bauherren mit der Mehrheitsgesellschaft in einer Wertegemeinschaft, besteht ein Konsens hinsichtlich unserer Grundwerte?
Ich meine, nein. Nicht weil es sogenannte Ehrenmorde und Zwangsverheiratungen gibt, sondern weil der Protest der Mehrheit der Muslime dagegen ausbleibt. Wo ist beispielsweise der Aufschrei der muslimischen Mehrheit gegen die Umtriebe der häufig aus dem Ausland eingeführten Imame, die im besten Fall zur Abgrenzung von den „Ungläubigen“ aufrufen, im schlechteren Fall zu Hass und Gewalt? Weshalb muss es der Staat sein, der darauf achtet, dass so etwas nicht vorkommt, und warum muss es der Staat übernehmen, solche „Prediger“ zu entfernen? Wo, so muss man eine Glaubensgemeinschaft fragen dürfen, die hierzulande in den Städten imposante Großmoscheen errichten möchte, ist euer Regulativ, euer deutliches und schnelles Einschreiten gegen Hassprediger? Es wird zwar immer wieder gerne postuliert, der Islam sei eine per se friedliche Religion, Gewalt gegen Andersgläubige, das Töten von Menschen sei „unislamisch“, und diejenigen, die solches tun, seien keine Moslems. Wo aber bleibt der Aufschrei, wenn es passiert? Einzelne mutige Moslems, die es wagen, die archaischen Strukturen, unter denen Hunderttausende von jungen Mädchen und Frauen in Deutschland „gehalten“ werden, zu hinterfragen, müssen um ihre körperliche Unversehrtheit fürchten.
Wenn der Islam in Deutschland mitsamt unserem Rechts‐ und Wertesystem angekommen sein will, weshalb setzt er sich dann nicht dafür ein, dass moslemische Frauen die gleichen Rechte wie Männer erhalten, ein selbstbestimmtes Leben führen können und ihre Verschleierung als Relikt einer überlebten Unterdrückungsgeschichte ablegen? Die Tendenz aber zeigt, nicht nur in Deutschland, in eine ganz andere Richtung. Immer mehr muslimische Menschen wenden sich von unserem Wertesystem ab, immer mehr suchen die Isolation, die Abgrenzung.
Hierbei konnten sich die Abgrenzer, die Rückwärtsgewandten leider allzu oft unserer Unterstützung sicher sein. Wir waren es, die im Namen falsch verstandener Toleranz die „Befreiung“ der Mädchen vom Schwimmunterricht, von den Klassenfahrten, vom Sexualkundeunterricht – und vielleicht auch bald vom Unterricht über den Holocaust? – zugelassen haben. Damit haben wir mitgeholfen, diese Kinder von unserer Gesellschaft zu isolieren. Wir haben sie allein gelassen und tragen daher Mitschuld am Leid unzähliger muslimischer Jugendlicher, die nichts anderes wollen als frei zu leben, wie alle ande‐ ren in ihrer Umgebung auch. Dieser strukturelle Fehler der Mehrheitsgesellschaft darf sich nicht fortsetzen. Es darf nicht sein, dass wir im Namen eines gutmenschenhaften Verständnisses für andere kulturelle Ge‐
pflogenheiten der Intoleranz, Unterdrückung und Abgrenzung Vorschub leisten.
Neben vielem anderen müssen wir als Erstes sofort und kompromisslos alles dafür tun, die in muslimischen Gemeinden verbreitete Praxis der Zwangsverheiratung der Töchter zu unterbinden, auch wenn dies bedeutet, bis in die Familien hinein zu wirken. Lehrpläne islamischer Schulen und Einrichtungen sind auf Vereinbarkeit mit dem Grundgesetz zu prüfen. Unsere Lehrpläne sind nicht an islamische Befindlichkeiten anzupassen.
Wir stehen in der dringenden Pflicht, muslimische Kinder vor ihren schlagenden und isolationistischen Eltern zu schützen. Wir müssen nicht nur die freie Entfaltung für deutsche Kinder sicherstellen, sondern ganz genauso selbstverständlich auch für muslimische. Dafür gilt es, alles Nötige zu tun. Deshalb müssen wir, bevor wir islamische Großbauten zulassen, konsequent Mindeststandards einfordern, die seit Langem im Grundgesetz niedergelegt sind.
Welches Signal würde also derzeit vor diesem Hintergrund von der in Frage stehenden Moschee in Köln‐Ehrenfeld ausgehen? Ein weiteres Zeichen der Abgrenzung! Eine Gemeinschaft aber, die hier große Gotteshäuser bauen will, muss unsere Gesetze und auch unsere Werte, denn auf ihnen basieren unsere Gesetze, nicht nur akzeptieren, sondern selbst mittragen. Mehr noch: Ich erwarte von jedem, der hier leben möchte, dass er für diese Rechte einsteht und sie zu verteidigen bereit ist, auch und vor allem in seiner eigenen Gemeinschaft.
Wenn es soweit ist, werde ich mich über jede neue, große und hoffentlich schöne Moschee sehr freuen. Im Moment sind wir weiter davon entfernt als je zuvor.

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