Sapir-College

Sirenen statt Pausenklingeln

von Sabine Brandes

Ein ganz normaler Tag am Sapir-College.
8 Uhr: Die Vorlesungen beginnen. 9.15 Uhr: Gellend tönt es aus den Lautsprechern »Zewa Adom«. Der Alarm schrillt, Studenten, Professoren und Angestellte rennen, suchen Schutz, kriechen unter Tische, zwängen sich in Treppenhäuser. Jeder hier kennt den Codenamen »Farbe Rot«. 9.25 Uhr: Der Unterricht geht weiter. 11.07 Uhr: »Zewa Adom«, wieder rennen alle. 11.58 Uhr: »Zewa Adom«. Und so weiter und so weiter. Bis zu 30 Raketen fallen an einem normalen Tag auf das Sapir-College in Sderot. Bis zu 30 Mal täglich rennen die Menschen um ihr Leben.
Am Mittwoch vergangener Woche nahm der Kassamregen fast kein Ende. Mehr als 40 Raketen aus dem Gasastreifen schlugen an nur einem Nachmittag ein, an Studieren war nicht zu denken, lediglich ans Überleben. Einer schaffte es an jenem Tag nicht, sich in Sicherheit zu bringen. Roni Jichieh starb noch auf dem Parkplatz, nachdem ihn eine Kassam direkt getroffen hatte. Jichieh war Student auf dem zweiten Bildungsweg, strampelte sich ab, um mit 47 Jahren seinen Ab-
schluss zu machen. Er war Vater von vier Kindern. Statt einer fröhlichen Einladung zur Studentenparty prangt nun auf der Homepage von Sapir eine Todesanzeige. Nicht mehr nur Löcher in der Wiese, nicht mehr nur zerborstene Fensterscheiben oder abgebröckelter Beton. Der Tod ist real geworden am College.
Es ist ein idyllischer Campus mitten im Negev mit einem bunten Studentenvölkchen. Das College mit seinen zwölf Fakultäten, darunter die beliebte Filmschule, hat sich der Entwicklung der Wüste verschrieben. 8.000 Studenten von überall her sind eingeschrieben. »Aber wir fürchten, dass es im nächsten Jahr weniger werden könnten«, sagt Pressesprecher Simon Tamir, »im Moment ist es ist eine wirklich schreckliche Situation«.
Zwischen dem Alarm und dem eigentlichen Einschlag der Rakete liegen nur zehn bis zwölf Sekunden. Zwar seien die Klassenräume alle sicher, betont Tamir, doch für jene, die sich draußen aufhalten, besteht größte Gefahr. »Man muss sich vorstellen, dass es eine wahnsinnige Stresssituation ist, wenn der Alarm losgeht, niemand schaut da auf eine Uhr. Man weiß nicht, ob es zu schaffen ist, einen sicheren Ort zu erreichen. Erreicht man keinen Bunker, muss man sich auf den Boden werfen und dann hilft nur noch beten.«
Neben der unmittelbaren Bedrohung des Lebens dürften die psychologischen Auswirkungen der ständigen Angriffe nicht vergessen werden, macht der Pressesprecher deutlich: »Die Studenten sind ständig Angstgefühlen und extremstem Stress ausgesetzt. Langfristig hat das schwere Traumata zur Folge.« Das Sapir- College bietet einen kostenlosen psychologischen Dienst für alle Betroffenen an.
Trotz der Belastung hält es an seinem regulären Tagesablauf und Lehrplan fest, obwohl dieser Tage 30 bis 50 Prozent der Studenten zu Hause bleiben. »Es ist wichtig, den Studenten inmitten des Chaos eine gewisse Stabilität zu geben«, sagt Ta-
mir, »wir wollen hier höhere Bildung an-
bieten, daran halten sich Lehrkörper und alle anderen Bediensteten strikt, sonst würde alles zusammenbrechen und wir könnten gleich zumachen.«
Doch das will niemand. Im Gegenteil, im Sapir-College herrscht eine ungewöhnliche Solidarität. Die Studenten sind hier, weil sie hier sein wollen. Wie Dotan Segal. Der 26-Jährige stammt ursprünglich aus der Nähe von Jerusalem, heute lebt er in Sderot und studiert am Sapir Sozialarbeit. Warum ge-
rade hier? »Weil es ein gutes College ist und weil ich diesen Ort einfach mag.« Während er das sagt, nippt er an einem Kaffee und schaut aus dem Fenster direkt an den Ort, wo vor einigen Tagen sein Kommilitone starb. Jetzt liegen dort Blumen.
»Das ist ein schreckliches Gefühl«, gibt er zu. »Zu wissen, dass dort tatsächlich je-
mand getötet wurde.« In den letzten Tagen sei die Anspannung schon sehr stark gewesen, weil die Raketen mit unerträglicher Heftigkeit fliegen. Dabei sei es kaum möglich, normal zu studieren und sich zu konzentrieren, schon gar nicht, normalen studentischen Spaß zu haben. »Es kommt in Wellen, mal ist es schlimmer, mal leichter zu ertragen.« Segal hat noch anderthalb Jahre und will diese Zeit auf jeden Fall am Sapir bleiben. »Das hier ist Israel, da darf ich sein. Ich werde nicht wegen der Raketen aufgeben. Das geht nicht nur mir so, das sagen fast alle hier. Wir sind gemeinsam stark.«

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