Religion

Siehe, der Mensch

von Rabbiner Michael Lerner

Es gibt gute Gründe, mit der Religion zu hadern. Viele Glaubensrichtungen waren oder sind oft sexistisch, rassistisch, homophob und antisemitisch. Auch haben sich Religionsvertreter häufig an die jeweilige staatliche Macht angepasst und Unterdrückung gerechtfertigt. Für Menschen, die unter diesen Auswirkungen der Religion leiden, wirkt ein offener Angriff auf den Got- tesglauben wie frischer Wind. Vor allem in den USA ist dieser Angriff derzeit in vollem Gange. Dort haben sich Intellektuelle – Naturwissenschaftler, Autoren und Philosophen – ein Ziel gesetzt: Sie wollen im Namen der Aufklärung die Welt vom Glauben befreien und Gott aus den Köpfen vertreiben – zum Wohle der Menschheit, versteht sich. Eine Welt ohne Religion stellt sich Richard Dawkins, einer der prominenten Atheisten-Prediger, zum Beispiel so vor: »Es gäbe keine Selbstmordattentäter, keinen 11. September, keine Kreuzzüge und Hexenverfolgungen, keinen Israel-Palästina-Konflikt, keine Massaker in Bosnien, keine Verfolgung von Juden als ‚Christusmörder‘, keine Nordirland-,Unruhen‘.«
Doch die neuen Gottlosen versäumen es, sich die Frage zu stellen, ob das Unterdrückerische im Wesen der Religion selbst liegt, oder ob das nicht die Verirrungen von Menschen sind, die glauben oder vorgeben, im Sinne Gottes zu handeln, indem sie repressive religiöse Praktiken einführen oder aufrechterhalten, die aber das Schöne und Gute an der Religion außen vor lassen. Zudem trägt jede Ideologie und jede gesellschaftliche Einrichtung die Tendenz zur Unterdrückung in sich – ebenso wie die Tendenz zu Menschenliebe und Großherzigkeit. Warum? Weil jedes Denksystem von Menschen hervorgebracht wurde. Und in jedem von uns tobt der Kampf zwischen den Kräften, die andere Menschen unterwerfen wollen, und den Kräften der Liebe und der Großzügigkeit. Beide Kräfte sind in jeder Religion, in jedem Denksystem zu finden: im Marxismus, in der Psychoanalyse, im Feminismus, im Anarchismus, im Atheismus.
Manche der amerikanischen Anti-Religiösen – einige nennen sich »Brights« (Aufgeweckte) – machen sich zum Beispiel zu Fürsprechern des anti-islamischen Kreuzzugs der US-Regierung, der zum Irak-Krieg geführt hat. Sam Harris, Autor des Bestsellers The End of Faith (Das Ende des Glaubens) und Liebling der antireligiösen Fundamentalisten auf der säkularen Linken, be- hauptet: »Wir führen keinen Krieg gegen den Terrorismus. Wir sind im Krieg mit dem Islam.« Harris bekommt Schützenhilfe von Christopher Hitchens, Kolumnist der Zeitschrift Vanity Fair und neuer Juniorpartner der Neokonservativen. Hitchens findet es immer noch richtig, auf den Irak-Krieg stolz zu sein. Sein neuer Kreuzzug in Buchform trägt den Titel God is not Great: How Religion poisons everything (Gott ist nicht groß: Wie Religion alles vergiftet). Hitchens behauptet, Religion sei »grausam, irrational, intolerant, verschwistert mit Rassismus und Fanatismus, gegen Wissenschaft und Forschung, frauenfeindlich und schuld an drangsalierender Kindererziehung«. Teils Clown, teils Polemiker sorgt Hitchens mit Wortwitz für Unterhaltung.
Aber woran liegt es, dass der säkularistische Angriff auf Gott und die Befürwortung von Kriegen wie dem im Irak eine Ehe eingehen? Oft wird die christliche Rechte für den Irak-Feldzug verantwortlich gemacht, aber Hitchens, Harris und viele andere beweisen, dass Säkularisten ebenso kriegstreiberisch sein können. Natürlich führt Säkularismus nicht automatisch zum Hass auf Muslime. Aber man mag es nicht mehr hören, dass Religion automatisch zu Hass und zu Krieg führt. Aufgemerkt, ihr Säkularisten: Allein in den Kriegen und Völkermorden des 20. Jahrhunderts (I. und II. Weltkrieg, Holocaust, Gulag, Chinesische Kulturrevolution, Vietnamkrieg, der Terror der Roten Khmer in Kambodscha – alles von »säkularen« Regimes begangen) starben mehr Menschen als in allen Religionskriegen zuvor, einschließlich Inquisition und Hexenverbrennung.
Die Wahrheit ist, dass jeder von uns sich zwischen Angst und Hoffnung entscheiden muss. Angst führt zu dem Wunsch, über andere zu herrschen, Hoffnung dazu, gemeinsam mit anderen eine bessere Welt zu schaffen. Diejenigen, die sich für Ersteres entscheiden, begründen das entweder säkular (Lenin, Mao, Kissinger und Scharon) oder religiös (Bush, Ahmadinedschad oder die Siedler im Westjordanland). Auch die, die sich für Hoffnung und Menschenliebe entscheiden, können das säkular oder religiös begründen. Jeder kann in seiner jeweiligen religiösen oder säkularen Tradition zahlreiche Quellen finden, die seine positive oder negative Weltsicht bestätigen.
Die Anwendung von Gewalt führt zu immer mehr Gewalt. Das ist durchaus eine religiöse Sichtweise, wenn es auch nicht die derzeit vorherrschende Sichtweise unter den Weltreligionen ist. Aber sie ist weit entfernt von jenen Säkularisten, die jeden angreifen, der sich mit einer religiösen oder spirituellen Gemeinschaft identifiziert. Die Gottlosen verweigern den Nicht-Gottlosen das, was sie selbst immer einfordern: die Freiheit des Denkens.

Der Autor lebt und lehrt in den USA. Er ist Herausgeber des Magazins Tikkun.

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