schweden

Sie ist so frei

Für diese Horrorgeschichte räumte Schwedens größte Boulevardzeitung Aftonbladet vor wenigen Tagen ganze zwei Seiten frei: Israelische Soldaten töteten gezielt Palästinenser, um deren Organe zu verkaufen. Seit dies auf den Feuilletonseiten des linksgerichteten Blattes zu lesen war, gibt es erhebliche diplomatische Spannungen zwischen Israel und Schweden.
Aftonbladet hatte den Artikel des freien Journalisten Donald Bostrom unter der Schlagzeile »Die Organe unserer Söhne werden geplündert« abgedruckt. Dem Bericht zufolge sollen israelische Soldaten systematisch junge Palästinenser nachts aus ihren Dörfern entführt und getötet haben, um ihnen Organe zu entnehmen und zu verkaufen. Im israelischen Radio gab Bostrom zu, dass er keine Belege habe: »Es hat keine Autopsie als Bestätigung gegeben.« Lena Posner‐Körösi, Präsidentin des Rats der Jüdischen Gemeinden in Schweden, sagte: »Der Autor wie auch die Zeitung sind hier als Israelgegner bekannt. Daher hat das niemand ernst genommen – bis sich Israel einmischte.«
Das Außenministerium in Jerusalem nannte die Vorwürfe ein »schockierendes Beispiel der Dämonisierung unseres Landes« und trat damit eine breite Debatte los. Schwedens Botschafterin in Israel, Elisabet Borsiin Bonnier, brachte sofort nach Bekanntwerden der Geschichte ihr Entsetzen zum Ausdruck: »Der Artikel ist für Schweden schockierend und fürchterlich zugleich«, heißt es in einer Erklärung. Das schwedische Außenministerium reagierte sofort: Dies sei »ein Alleingang« der Botschafterin.

unerwünscht »Ich will keine Entschuldigung«, betonte Israels Premier Benjamin Netanjahu, »aber ich erwarte von der schwedischen Regierung, dass sie Stellung bezieht«. Die Geschichte erinnere ihn an die Ritualmordlegenden des Mittelalters, in denen den Juden nachgesagt wurde, dass sie christliche Kinder für ihr Blut töteten. Außenminister Avigdor Lieberman hingegen verglich die Haltung Schwedens mit dem Schweigen des Landes während des Holocausts. »Jeder, der nicht willens ist, eine derartige Blutlüge zu verdammen, ist in Israel unerwünscht«, machte Finanzminister Yuval Steinitz klar. Die Regierung in Stockholm verweist hingegen auf das Recht der freien Meinungsäußerung. Posner‐Körösi bedauert die israelischen Äußerungen: »Das Schlimmste ist, dass sich die Diskussion von der Frage des Antisemitismus hin zur Meinungsfreiheit verschoben hat.« Mittlerweile wird in Jerusalem sogar erwogen, den geplanten Besuch des schwedischen Außenministers Carl Bildt Anfang September zu verschieben. Obwohl Bildt sich in seinem persönlichen Blog anders verhält. Es ärgere ihn, »dass manche Berichte Antisemitismus hervorrufen können«, schreibt er dort und wünscht sich eine engere Bindung Schwedens an Israel. Dass es auf der Website des schwedischen Außenministeriums jetzt einen Link zu Bildts Blog gibt, wird in Jerusalem positiv aufgenommen.

boykott Bildt stellt jedoch auch klar, dass es ihm als Regierungsmitglied nicht zustehe, Zeitungsartikel zu bewerten. Genau das hatte aber Bildts Vorgängerin im Amt des Außenministers, Laila Freivalds, getan: Als schwedische Zeitungen im Jahr 2006 die umstrittenen Mohammed‐Karikaturen veröffentlichten, beeilte sich Freivalds, den arabischen Amtskollegen ihr Bedauern auszudrücken.
Die israelisch‐schwedische Krise weitet sich derweil aus. Eine Petition im Internet ruft dazu auf, schwedische Produkte, allen voran Ikea‐Möbel, zu boykottieren. In Schweden hat einzig das bürgerliche Sydsvenska Dagbladet, die größte Zeitung in Südschweden, Aftonbladet bereits einen Tag nach Erscheinen als »Antisemitbladet« attackiert. Der Fall reiht sich ein in jüngste antiisraelische Vorfälle in Schweden. Der populäre Krimiautor Henning Mankell nannte vor Kurzem, gleichfalls in Aftonbladet, Israel ein »verächtliches Apartheidsystem«, dessen Untergang notwendig sei.
Aber, sagt Lena Posner‐Körösi, zu viele israelische Politiker führten sich plötzlich als Schweden‐Experten auf, »doch mit allem Respekt, sie sind keine Experten und sie liegen völlig schief. Die Situation hier ist nicht so schlecht.«

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