Milton Friedman

Shylock der Ökonomie

von Hannes Stein

Er eignete sich vorzüglich zum Shylock. Immerhin war er der wirtschaftstheoretische Kopf hinter dem Thatcherismus (igitt!) und der Reagan-Revolution (huch!). Das heißt: der scharfen Abkehr von der sanft-sozialdemokratisch-staatsintervetionistischen Politik der siebziger Jahre in den USA und Großbritannien. Offenbar zog er sogar beim Putsch von Pinochet gegen den sozialistischen Gutmenschen Allende die Fäden (buh!). Denn nach dem Sieg des Militärs sorgten seine Schüler in Chile dafür, daß dort eine stramm liberale Wirtschaftspolitik betrieben wurde. Und dann war der Mann auch noch Jude (phantastisch!). Ja, Milton Friedman war wie dafür geschaffen, Haßobjekt zu sein. Man konnte ihn prima zum erbarmungslosen Rechner stempeln, dem das Schicksal der Armen dieser Erde egal war.
Sollten Sie ein Linker sein, der gern seine Feindbilder pflegt, hören Sie hier bitte auf zu lesen. Für die anderen nur so viel: Friedman hatte mit dem Mörder Pinochet nichts am Hut. Er sprach in einem Interview allerdings vom »chilenischen Wunder« – damit meinte er den Umstand, daß ausgerechnet ein so scheußliches Regime wie das chilenische eine freiheitliche Wirtschaftspolitik machte. Was seinen Einfluß auf Reagan und Thatcher betrifft, war Friedman indessen schuldig im Sinne der Anklage. Denn die Lehre John Maynard Keynes’, die in den siebziger Jahren als der Weisheit letzter Schluß galt, hielt er für grundfalsch. Regierungen förderten mit wirtschaftspolitischen Eingriffen kein Wachstum, sondern nur Inflation. Aufgabe des Staats sei es, für Rechtssicherheit zu sorgen und das Geld knapp zu halten. Seine Theorie, der Monetarismus, half in den achtziger Jahren, die galoppierende Inflation und Arbeitslosigkeit der Siebziger zu besiegen. Ist daran etwas verkehrt?
Schaut man sich die Biographie des 1912 in Brooklyn geborenen Friedman genauer an, wird deutlich, daß er einen Typus verkörpert, auf den Juden mit Recht stolz sind: den »selfmademan«, der sich aus kleinen Verhältnissen hocharbeitet, mit Intelligenz und Chuzpe dem Zeitgeist eine Nase dreht, dabei häufig recht behält – und dem man dies nie so recht verzeiht. Übrigens war er kein Konservativer, sondern ein Liberaler, der dem Staat mißtraute, mit deutlich anarchistischen Zügen. Jetzt ist Friedman im stolzen Alter von 94 Jahren gestorben. Sichrono lewracha.

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