Kindergeschichte

Senf statt Honig

Lengefeld ist eine kleine Stadt in Sachsen an der Grenze zu Tschechien. 5.000 glückliche Menschen leben hier. In den beiden Grundschulen lernen die Kinder Rechnen und Schreiben. Es gibt vier Fußballplätze, ein Schwimmbad, einen Aldi und ganz viel
Wald. In diesem kleinen Ort lebt auch die Familie Blumenkorn. Herr Blumenkorn ist in Israel aufgewachsen und sieht aus wie
ein Italiener. Frau Blumenkorn hieß früher Frau Räster. Vor 15 Jahren ist sie nach Israel geflogen, um Urlaub am Toten Meer zu machen. Am Strand verliebte sie sich in Herrn Blumenkorn, wurde jüdisch und heißt nun Frau Blumenkorn. Die beiden haben jetzt in der Stadt einen kleinen Laden mit Produkten
vom Toten Meer: Salz, Fußcreme und »Feuchtigkeitsbodylotion« (für alte Menschen, damit ihre Haut nicht eintrocknet).

Die Kinder der Familie Blumenkorn heißen Dafna, Roni und Sigal. Dafna ist 13, Roni elf und Sigal noch ein Baby. Die
beiden Großen gehen in die Lengefelder Grundschule. Dafna kommt mehr nach der Mutter. Sie hat blondes Haar, ist die
Größte in der Klasse und will später Rechtsanwältin werden. Roni hingegen stammt definitiv von Papa ab. Er hat eine dunklere Hautfarbe und kann nie ruhig sitzen bleiben.
In der Klasse ist er in keinem Fach der Beste, außer im Schwimmen. Roni sammelt alles über Piraten. Es gibt in Lengefeld niemanden, der sich mit Piraten besser auskennt
als Roni! Ja, und dann ist da noch die kleine Sigal. Sie ist ein Jahr alt und eine Mischung aus Mama und Papa. Erst seit ein paar Tagen schläft sie nachts endlich durch.

Oh, jetzt merke ich gerade, dass ich etwas ganz Wichtiges vergessen habe zu erzählen: In Lengefeld gibt es eine Synagoge!
Bis 1940 gab es ein paar Juden in dem kleinen Ort, etwa 23. Die meisten von ihnen haben im nahen Bergwerk gearbeitet.
Sie haben morgens Steinkohle geschürft und in der Nacht immer gehustet, weil es im Bergwerk so stickig war. Als die Nazis an die Macht kamen, ging die eine Hälfte der Lengefelder Juden nach Palästina und die andere nach Argentinien. Nur die Synagoge blieb in Lengefeld zurück. Nach dem Krieg diente sie als Feuerwehrdepot, später als Kindergarten. Erst vor ein paar Jahren hat man das mit den Juden herausgefunden. Die Frau des Bürgermeisters hat eine große Versammlung einberufen und gefordert, dass man das Gebäude wieder den Juden zurückgeben muss. Aber an welche? Jemand sagte, dass doch die Familie Blumenkorn jüdisch ist. So kam es, dass der Papa plötzlich Synagogenpräsident wurde.

Natürlich war die Aufregung groß in der Verwandtschaft. Die Sache kam sogar ins »Lengefelder Wochenblatt«. Roni war
auf einmal der Star im Schulhaus. Von überall kamen nun Leute und wollten die Synagoge anschauen. Doch drinnen war es
noch leer. Frau Blumenkorn begann, überall in Deutschland nach jüdischen Gegenständen Ausschau zu halten. Manche Dinge, wie zum Beispiel ein Schofar, fand sie bei eBay. Sie begann Visitenkärtchen zu drucken: »Fr. Blumenkorn, Salz aus dem Toten Meer und Synagogenverwaltung Lengefeld.«
Sie hatte einen Traum: Diesmal fährt die Familie zu Rosch Haschana nicht nach Berlin, sondern feiert zu Hause – in der eigenen Synagoge. Jeder muss mit anpacken. Dafna schreibt mit ihrer schönen Handschrift Einladungskarten und schmückt die
Synagoge. Roni, der gute Schwimmer, malt ganz viele Fische aus und klebt sie dort an die Wand. Und Herr Blumenkorn, der Synagogenpräsident, macht das, was ihm seine Frau aufträgt, zum Beispiel einen Chabad‐Rabbiner bitten, nach Lengefeld zu
kommen um vorzubeten.

Die ersten Anmeldungen sind bereits eingetroffen. Ein älteres Ehepaar aus Leipzig, eine russische Familie mit vier Kindern
und ein Student aus Berlin wollen kommen. Sogar ein Chabad‐Rabbiner hat zugesagt. Er wird im Hotel »Drei Könige«
schlafen. Frau Blumenkorn strahlt vor Glück! Sie ist sehr stolz auf ihre Kinder. Roni hat bestimmt schon 400 Fische ausgemalt
und aufgeklebt. Ein paar musste er sogar auf den Toilettenwänden anbringen, so viele hat er gebastelt. Gerade, als er den 401. Fisch ausmalen wollte, fragte er ganz beiläufig: »Mama, was kochst du eigentlich für Rosch Haschana?«
Frau Blumenkorn wurde ganz bleich. Oh weh, daran hatte sie noch gar nicht gedacht! Die Besucher müssen ja auch etwas
essen! Das stand zumindest auf Dafnas Einladungskarte: »… und genießen Sie eine echt jüdische Rosch‐Haschana‐Mahlzeit.«

Es waren nur noch ganz wenige Tage bis zum Fest! Schnell rief sie ihren Synagogenpräsidenten an: »Du musst sofort nach
Berlin fahren und ganz viel koscheres Essen einkaufen. Komm bitte am frühen Nachmittag wieder zurück!«
Zum Glück hatte Roni schulfrei und durfte seinen Vater begleiten. In Berlin standen sie dann beide etwas hilflos im Koscher‐Laden. Der Synagogenpräsident fragte seinen Sohn: »Was müssen wir denn jetzt einkaufen?« – »Keine Ahnung, ich
dachte, du hättest die Liste mitgenommen.« Herr Blumenkorn fing an zu schwitzen. Wenn er jetzt seine Frau anruft, flippt sie
aus. Also warf er ein wenig von diesem und ein bisschen von jenem in den Einkaufswagen und wählte fünf verschiedene
Honiggläser aus. Das könne doch nicht falsch sein, dachte er.
Zu Hause angekommen, schrie ihn seine Frau an: »Warum hast du Mazzot und zwei Kilo Senf gekauft? Fast nichts, was
auf der Liste stand, hast du mitgebracht. Grrrr…« Da klingelte auch schon das Telefon – der Rabbiner war am Apparat: »Yes,
hello. Ich komme mit mein Frau und mein vier Sohne, okay?« Nee, eigentlich war überhaupt nichts okay, aber jetzt konnte
man nichts mehr ändern.

Frau Blumenkorn schloss sich in ihr Zimmer ein und betete: »Lieber Gott,wenn Du mich nicht hängen lässt, verspreche ich
Dir, dass wir nächstes Jahr an Pessach alle nach Israel fliegen, damit Dafna, Roni und Sigal einmal ihre Großeltern sehen und wir richtig koscher essen.« Wenn man Gott aus tiefster Not anfleht, hilft er auch. Es hat schlussendlich alles geklappt
mit dem Essen. Roni hat sogar noch den 500. Fisch ausgeschnitten. Der klebt jetzt auf der Sefer Tora des Rabbiners.

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