Marcel Reich-Ranicki

Sein Leben – ein Film

Hätte er auf seinen Großvater gehört, wäre der 1920 in der polnischen Kleinstadt Wloclawek geborene Marcel Reich-Ranicki wie viele seiner Vorfahren Rabbiner geworden. »Ich sag dir ein Geheimnis: Als Rabbi kannst du faulenzen und hast viel Zeit zum Lesen.« Wie man weiß, hat Reich-Ranicki den Rat nicht angenommen, sondern wurde Deutschlands bekanntester Literaturkritiker. Wie es dazu kam und vieles mehr hat er 1999 in seiner Autobiografie Mein Leben aufgeschrieben. Das Buch wurde mit mehr als 1,2 Millionen verkauften Exemplaren ein Bestseller. Der in Israel geborene Dror Zahavi hat Reich-Ranickis Lebensgeschichte vergangenen Sommer verfilmt. Der 90-Minuten-Streifen hat diesen Freitag Premiere auf Arte und läuft kommenden Mittwoch in der ARD.
Der Film setzt nach Krieg und Schoa ein. 1949 wird Marcel Reich-Ranicki, polnischer Generalkonsul in London, nach Warschau zitiert. Man wirft ihm vor, mit »zersetzenden Elementen« kollaboriert zu haben. Einem Mitarbeiter des Geheimdienstes, der ihn stundenlang verhört, erzählt er seine Geschichte: 1928, er ist acht Jahre alt, schicken ihn die Eltern zu begüterten Verwandten nach Berlin. Der Empfang ist frostig, in der Schule wird der Junge wegen seines polnischen Akzents ge- hänselt. Die Mutter schärft ihm ein »Du musst immer der Beste sein« – die einzige Möglichkeit, sich als Außenseiter zu behaupten. Der Ratschlag fruchtet. Wenige Jahre später kennt der polnische Gymnasiast die deutsche Literatur besser als seine Mitschüler. Er möchte in Berlin bleiben, studieren und später Literaturkritiker werden. Doch weil er Jude ist, bekommt er keinen Studienplatz. Im Herbst 1938 wird er nach Polen abgeschoben und kehrt zurück in seine Familie.
Immer wieder wird die Erzählung durch dramaturgisch gekonnt eingeflochtene Verhörszenen unterbrochen. Ebenso wie Geheimdienstoffizier Krzysztof Kawalerowicz (Sylvester Groth) möchte auch der Zuschauer voller Ungeduld wissen, wie es weiterging im Leben des Marcel Reich-Ranicki. Matthias Schweighöfer, der den erwachsenen Reich-Ranicki spielt, vom 18-jährigen Gymnasiasten bis zum 38-jährigen Konsul im Verhör, besticht durch Souveränität und Reife. Es ist sein Verdienst, dass aus dem gefürchteten Kritiker ein Sympathieträger geworden ist.
Im Zentrum des Films stehen die Jahre der Schoa. 1939 Kriegsbeginn, Pogrome und Plünderungen, 1940 Zwangsumsiedlung ins Warschauer Ghetto. Marcel Reich arbeitet im Übersetzungsbüro des Judenrates. Im Juli 1942 wird das Ghetto geräumt, die ersten Deportationen beginnen. Weil Mitarbeiter des Judenrats und ihre Familien zunächst verschont werden, heiraten Marcel und Tosia (berührend gespielt von Katharina Schüttler) in aller Eile – eine der ergreifendsten Szenen des Films. Die große Liebe zwischen Marcel Reich-Ranicki und seiner Frau Tosia durchzieht den Film als roter Faden. Die beiden wurden 1940 ein Paar und sind es bis heute geblieben. Tobias Kühn

Freitag, 10. April, 21 Uhr, ARTE
Mittwoch, 15. April, 20.15 Uhr, ARD

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

Netflix

Wenn Fiktion auf Realität trifft

Die israelische Erfolgsserie »Fauda« meldet sich mit einer eindrucksvollen neuen Staffel zurück

von Sarah Cohen-Fantl  03.10.2026

Eisenach/Karlsruhe/Unna/Hagen

Mutmaßliches IS-Mitglied in Thüringen festgenommen

Der Verdächtige soll laut Bundesanwaltschaft für den IS als bewaffneter Militärpolizist tätig gewesen sein. Auch bei drei anderen Männern besteht der Verdacht auf Nähe zu der Terrororganisation

 02.10.2026

Düsseldorf

»Sei ein Mensch«: Gedenkort für verfolgte Abgeordnete im NRW-Landtag

Entlassen, drangsaliert, gefoltert: Viele frühere Abgeordnete des nordrhein-westfälischen Landtags wurden in der NS-Diktatur verfolgt. Ein neuer Gedenkort im Parlamentsgebäude erinnert an sie

von Ingo Lehnick  02.10.2026

Tel Aviv/Abu Dhabi

»Fly Dubai«-Vorfall: Hintergründe weiter unklar

Was geschah im Cockpit des Fluges nach Israel? Emiratische Behörden haben Ermittlungen eingeleitet. Jerusalem geht von einem Terroranschlag aus. Gesicherte Erkenntnisse zum Motiv gibt es bislang nicht

 02.10.2026

Bettina König (SPD), Nina Stahr (Bündnis 90/Die Grünen) und Kerstin Wolter (Die Linke, v.l.) während einer Pause

Berlin

Parteien-Treffen zu Antisemitismus mit »konstruktivem« Austausch

Linke, Grüne und SPD ringen in Berlin um eine gemeinsame Haltung zu Judenhass und organisierter Kriminalität. Was beim ersten Treffen dazu herauskam

 01.10.2026

UN-Kongress

Experten diskutieren strafrechtliche Verfolgung sexueller Gewalt in Konflikten

Bei einer Veranstaltung im Rahmen des UN-Kongresses zur Verbrechensverhütung in Abu Dhabi diskutierten jüdische Organisationen über Strafverfolgung, digitale Beweismittel und den Schutz von Betroffenen

 01.10.2026

Extremistische Siedler in dem palästinensischen Dorf Dschalud (Archivbild vom 25.8.26)

Westjordanland

Neue Gewalt radikaler Siedler

Mehr als 100 Extremisten waren an den Ausschreitungen im Bereich der Ortschaft Dschalud südlich von Nablus beteiligt. Regierungsmitglieder verurteilen die Angriffe, die Opposition kritisiert sie als Folge »einer gefährlichen Politik«

 29.09.2026

Nach der Wahl

Grüne und SPD in Berlin stellen Bedingung für Sondierungen

Linke, Grüne und SPD in der Hauptstadt wollen an diesem Donnerstag erstmals über eine Regierungsbildung sprechen. Es soll sich aber noch nicht um formelle Sondierungsgespräche handeln

 28.09.2026

New York

Trump ruft Staaten zu Austritt aus Strafgerichtshof auf

Die USA erkennen den IStGH nicht an, der unter anderem gegen Israels Ministerpräsidenten Netanjahu einen Haftbefehl erlassen hat. Jetzt legt der amerikanische Präsident nach

 23.09.2026