Sarona

Schwäbisches Erbe

von Ralf Balke

Architektonische Moderne und süddeutsche Giebeldachhäuser aus dem 19. Jahrhundert stehen nur einen Steinwurf voneinander getrennt. Wer von den Türmen des Azrieli‐Centers über den Derech Menachem Begin auf die andere Straßenseite blickt, entdeckt einige Gebäude, die so gar nicht typisch für Tel Aviv sind und bis vor wenigen Jahren für die Öffentlichkeit kaum zugänglich waren. Es handelt sich dabei um das ehemalige deutsche Sarona, deren Bewohner der pietistischen Tempelgesellschaft angehörten. 1871 gegründet, ist diese Siedlung 38 Jahre älter als Tel Aviv, das gerade seinen 100. Geburtstag feiert. Und die Tatsache, dass die Häuser immer noch stehen, gleicht im abrisswütigen Tel Aviv eher einem Wunder.
„Die schwäbische Templerkolonie war die allererste moderne landwirtschaftliche Siedlung überhaupt in Palästina und galt als Vorbild für die jüdischen Einwanderer“, sagt der Historiker Jakob Eisler. Auch legten Saronas Erbauer die Straßen nach einem klaren Plan an und jedes Haus verfügte über einen Wasseranschluss – im os‐
manischen Palästina ein Novum. Ihre Be‐
wohner waren Pioniere in Sachen Weinanbau und standen im Ruf, hervorragende Handwerker zu sein. Doch in den 30er‐
Jahren erwarben sie sich noch einen ganz anderen Ruf, der ihnen zum Verhängnis werden sollte. Wie in den anderen deutschen Siedlungen in Haifa, Jerusalem und Jaffa schlossen sie sich reihenweise der NSDAP an. Bald war jeder dritte Palästina‐Deutsche im Besitz des braunen Parteibuches. Das sollte sich rächen, bis zum Frühjahr 1948 mussten sie das Land verlassen.
Zuerst übernahmen die Briten das Ge‐
lände, dann die Haganah, der Vorläufer der israelischen Streitkräfte. In dem Weinkeller der Siedlung wurden gestohlene Flugzeugteile gebunkert, die später den Grundstock der Luftwaffe bilden sollten. Bald hieß das Areal nur noch Ha‐
Kirija, war zwischen 1948 und 1955 der erste Regierungssitz und ist seither Standort der Armeeadministration. Das war indirekt die Rettung der nahezu dörflichen Atmosphäre inmitten Tel Avivs. „Dank der Militärbasis konnte ein sanfter und zivilisierter Flecken in der urbanen Struktur überdauern“, schrieb Ami Ran, Chefredakteur von Architektur in Israel. Zwar ging die Armee nicht gerade im Sinne des Denkmalschutzes mit den Gebäuden um, sie blieben aber erhalten. Bis zwei ganz andere Entwicklungen Sarona bedrohten: Zum einen das rasante Wachstum Tel Avivs, das den Wert der Grundstücke in der nahe zum Stadtzentrum gelegenen Templersiedlung gewaltig in die Höhe trieb und seitens des Militärs zu Überlegungen führte, nicht mehr benötigte Flächen an Immobilienentwicklungsfirmen zu verkaufen. Zum anderen plante man, die mitten durch Sarona führende Kaplan‐straße gleich um mehrere Spuren zu erweitern.
Dies brachte die Denkmalschützer auf die Barrikaden, denn zu oft bereits hatten Stadtentwickler mit der Abrissbirne Fakten geschaffen und stadthistorisch wertvolle Gebäude, wie das Gymnasia Herzlya, einfach abreißen lassen. Und der Protest hatte Erfolg. In einer aufwendigen Aktion und für 30 Millionen Dollar wurden fünf Häuser von einer holländischen Spezialfirma komplett über 20 Meter weit verschoben, um der Straßenerweiterung Platz zu machen. Rund 125 Millionen Dollar steck‐
te die Stadt in einen Sanierungsplan. 37 Häuser sollen nun doch erhalten werden und das Gelände bis zum Jahr 2010 mit Galerien, Cafés und kulturellen Angeboten zu einem Park aufgewertet werden. Be‐
reits jetzt kann man Führungen buchen, wobei eine im deutschen Trachtenkostüm des 19. Jahrhunderts gekleidete Frau, die sich „Gertrud“ nennt, auf Hebräisch die Geschichte Saronas erzählt. „Die Bewahrung des Charakters eines deutschen Dorfes ist unser Hauptproblem“, erklärt Jeremie Hoffmann, zuständig für den Denk‐
malschutz in der Stadtverwaltung. „Wir wollen einen Disneyland‐Effekt vermeiden und die historische Anlage mit ihren Straßen und Gärten in ihrer Gesamtheit weitestgehend konservieren.“
Die Historikerin Michal Oren vom Schechter‐Institut, das gerade selbst ein Templergebäude der ehemaligen zwischen Jaffa und Sarona gelegenen Siedlung Wal‐halla erworben und aufwendig saniert hatte, wundert sich, dass all diejenigen, die für den Erhalt von deutschen Gebäuden in Israel eintreten, so gut wie niemals die Nazi‐Vergangenheit ihrer früheren Besitzer thematisieren. „Auch die Architektin Saadia Mandel hält die Nazi‐Vergangenheit eines Gebäudes für irrelevant, wenn es um die Aspekte seines Erhaltes geht.“ Dafür scheint das Wort Templer einen ma‐
gischen Klang auf dem Immobilienmarkt zu haben. Die Häuser in den einstmals deutschen Siedlungen in Jerusalem oder auch in Galiläa wie Beit Lehem Haglilit und Alonei Aba erzielen Spitzenpreise.
Entsprechende Erwartungen gibt es wohl auch im Fall Sarona. Im Gegenzug für die Räumung des Areals südlich der Kaplan‐Straße erhielt das Militär von den Immobilienfirmen bereits 400 Millionen Dollar. Geplant ist auf den frei werdenden Flächen der Bau von Hochhäusern mit bis zu 44 Stockwerken, die den Sarona‐Park quasi einschließen. Aber die Entwickler versprechen, dass die alte Templersiedlung auch in Zukunft noch ein wenig Sonnenlicht abbekommen wird.

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