Verwahrlosung

Schutzlos

von Wladimir Struminski

Israel ist ein kinderfreundliches Land. Wer hat nicht schon mal gesehen, wie Israelis auf der Straße anhalten, um ein fremdes Baby im Kinderwagen zu bewundern. Wer hat nicht schon mal erlebt, wie israelische Eltern mit ihren Kleinen umgehen. Der Nachwuchs darf fast alles – und niemand beschwert sich darüber. Ganz zu schweigen von der Tatsache, daß acht von zehn Familien Kinder haben und daß jeder dritte Landesbewohner unter achtzehn ist. Kann man dann an der Kinderliebe der israelischen Gesellschaft zweifeln?
Man kann. „Die Israelis lieben Kinder, doch ist Israel nicht bereit, für sie zu sorgen“, sagt Dalia, eine Jerusalemer Haus‐
frau und Mutter von drei Kindern im Alter zwischen sieben und dreizehn Jahren. „Ein Kind, das keine vermögenden Eltern hat, muß leiden.“ Dalia weiß, wovon sie spricht. Ihr Ehemann ist seit drei Jahren arbeitslos. Der Wirtschaftsaufaufschwung geht an dem 48jährigen Haushaltsgeräteverkäufer vorbei. Die Ersparnisse sind längst verbraucht. Da ist auch für die Kinder kaum Geld da. „Fleisch haben wir nur am Schabbat auf dem Teller“, berichtet Dalia. Neue Kleider werden nur selten gekauft. Außerschulische Programme oder Nachhilfestunden stehen erst recht nicht zur Debatte. Die Folge: „Der Älteste läßt in der Schule nach. Die Kleineren unternehmen nichts mit ihren Freunden, was Geld kostet. Und wenn sie zum Zahnarzt müssen, nehme ich ein Darlehen auf. Was für eine Zukunft haben sie in diesem Land?“
Dalias Familie ist keine Ausnahme. Laut Statistik lebt ein Drittel aller israelischen Kinder unterhalb der offiziellen Armutsgrenze. Allerdings ist das nur ein Teilaspekt des Problems. So schlug der israelische Rat für Kinderwohlfahrt in seinem jüngst vorgelegten Jahresbericht auch wegen der grassierenden Gewalt gegen Kinder Alarm. Zwischen 1995 und 2004 nahm die Zahl der bekanntgewordenen Fälle von Kindermißhandlung von knapp 17.000 auf 39.000 zu. Fast 2.400 Kinder wurden 2004 als Folge von Mißhandlung in die Notaufnahme gebracht – fast dreimal soviel wie ein Jahrzehnt zuvor. In drei von vier Fällen geht die Gewalt von einem Elternteil oder von beiden Eltern aus. Wohl geht ein Teil der ausgewiesenen Fälle auf eine Zunahme der Meldequote zurück, doch belegt die Statistik eine erschreckende Realität. Kinder in besonderen Notlagen bleiben erst recht am Rande der Gesellschaft. So etwa, klagt der Rat für Kinderwohlfahrt, haben Tausende von Immigrantenkindern, keinen Rechtsstatus, weil die die Rechtslage ihrer Eltern ungeklärt ist. „Die israelische Gesellschaft“, faßt der Generaldirektor des Kinderwohlfahrtsrates, Jitzchak Kadman, zusammen, „hat den Kindern den Rücken gekehrt“.
Staatspräsident Mosche Katzav bot seinen Mitbürgern eine auf den ersten Blick einleuchtende Lösung an: Bei den bevorstehenden Knessetwahlen möge niemand für eine Partei stimmen, die keine kindergerechte Politik verfolgt. Leichter gesagt als getan. Vor existentielle Fragen gestellt, richten die meisten Israelis ihr Wahlverhalten noch immer an der Sicherheits‐ und Friedenspolitik aus. Da werden Fragen wie Wirtschaft und Gesellschaft, Erziehung und Gesundheit zweitrangig. „Soziale Parteien“, erklärt Schimon Taguri, Sozialarbeiter in Jerusalem und ehemaliger Berater des Wohlfahrtsministers, „sind in Israel noch immer gescheitert“. Deshalb erwartet Taguri keine baldige Verbesserung der Situation. Dabei wisse jedermann, welche Maßnahmen zur Linderung der Kindernot erforderlich seien: mehr Kindergärten, mehr Ganztagsschulen, mehr Betreuungsplätze für gefährdete Kinder und für ihre Eltern. „Was nützt es, wenn mehr Mißhandlungsfälle bekannt werden, wenn die Kinder nicht zum Psychologen können und keine Therapieplätze für die gewalttätigen Eltern zur Verfügung stehen?“
Wo keine Lösung in Sicht ist, können die Behörden die Krise nur verwalten. Schätzungen zufolge sind heute fast 400.000 Minderjährige in der einen oder anderen Form der Aufsicht der Sozialbehörden unterstellt, doch hilft das wenig. Oft sei gut gemeint wegen mangelnder Amtseignung der Beamten das Gegenteil von gut. Als extremes Beispiel führt Sozialarbeiter Taguri eine Familie aus dem Landeszentrum an. Nachdem sich die Eltern wegen finanzieller Schwierigkeiten zerstritten und getrennt hatten, geriet die arbeitslose Mutter in die Armutsfalle. Da sah das Sozialamt für die beiden Kleinkinder keinen Platz in den heimischen vier Wänden und leitete ein Adoptionsverfahren ein. Dabei ist Taguri überzeugt: „Hätte man der Mutter mit Beratung, Fortbildung und Arbeitsvermittlung geholfen, wären die Kinder noch bei ihren Eltern.“

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