Pessachabend

Schoko‐Mazze und vier Gläser Wein

von Elke Wittich

Wenn sie später einmal nach einem be‐ sonderern Sedererlebnis befragt werden sollten, werden sie sicherlich den Schokoladenseder nennen. Denn den werden die Kinder und Jugendlichen, die am Sonntag vor Pessach im Düsseldorfer Jugendzent‐ rum versammelt waren nicht so schnell vergessen. Alle traditionellen Zutaten, die man für eine solche Feier braucht, waren aus Schokolade. Anstelle des Maror, des bitteren Krauts, das die Knechtschaft in Ägypten symbolisiert, wurde beispielsweise bittere Schokolade verwendet. Ein Überraschungsei ersetzte Beitzah, das gesottene Ei, und statt Karpass, einer in Salzwasser getauchten Erdfrucht wie zum Beispiel einer Kartoffel gab es Erdbeeren mit weißer Schokolade.
Schon das Zusammenstellen und Einkaufen der Zutaten habe großen Spaß gemacht, sagt Shira Fleisher, Jugendleiterin im Düsseldorfer Jugendzentrum, »und wenn wir uns zwischendurch nicht sicher waren, ob etwas koscher ist, dann haben wir unseren Rabbiner angerufen und der hat uns geholfen.«
Düsseldorfs Gemeinderabbiner Julian Chaim Soussan hatte die Idee des Schokoladenseders »gleich super gefunden«. Denn neben dem Spaß sollte das spielerische Lernen im Vordergrund stehen. »Vielleicht«, so Fleisher, haben wir ja auch das eine oder andere Kind erreicht, das den Sederabend zu Hause abhalten will.«
Aber es braucht natürlich nicht unbedingt Schokolade, um sich an einen besonderen Sederabend zu erinnern. Als Kind lebte Elena Gaft ein halbes Jahr bei der Oma. Dort erlebte die kleine Elena ihren ersten richtigen Seder. »Ich war neun, und ich wusste natürlich, dass unsere Familie jüdisch ist, aber vom Judentum hatte ich keine Ahnung«, erzählt die Gemeindemitarbeiterin aus Chemnitz.
Dieses Erlebnis führte dazu, dass auch nach der Rückkehr der Mutter Seder ge‐ feiert wurde. Schwierig sei das nicht gewesen. »Es gab Mazze in der Synagoge zu kaufen. Eine kleine Bäckerei stellte sie her.« Sie seien »die wahrscheinlich besten Mazzot der Welt gewesen«, sagt die 52‐Jährige. »Wir haben als Kinder jedes Jahr darauf gewartet, dass sie endlich kommen, und dann sind wir immer wieder in die Küche gegangen und haben sie angeschaut – dabei war die Verpackung ganz schlicht, aber wir waren so gespannt, auf das Fest, auf die Mazze, auf alles.«
Die kleine Bäckerei existiert heute nicht mehr, bedauert Elena Gaft, nun bestellt man auch in St. Petersburg die Mazze bei internationalen Anbietern. In diesem Jahr werde sie »wie fast immer« einen Seder‐ abend in der Chemnitzer Gemeinde feiern, gemeinsam übrigens mit ihrer mittlerweile 84‐jährigen Mutter.
Auch in Erfurt wird in der Gemeinde ein Seder ausgerichtet, wie Wolfgang Nossen erzählt. Zum Selbstkostenpreis von acht Euro, denn »wir wollen ja kein Geschäft machen, sondern die Menschen an die jüdischen Traditionen heranführen«, sagt der Gemeindevorsitzende. Manchmalhabe man damit allerdings mehr Erfolg bei den Nichtjuden als bei den Juden, erzählt Nossen lachend. Manche Gäste, wie etwa die evangelische Pastorin, die regelmäßig zum Sederabend komme, läsen die Haggada fehlerfrei mit.
Der Seder sei das einzige richtige koschere Fest, das in der Gemeinde gefeiert werde, bedauert Nossen. »Meist kommen um die 70 Leute, zu Chanukka sind es fast viermal so viele.« Dabei soll der Seder‐ abend in der Gemeinde eigentlich eine An‐ regung sein. »Es wäre schön, wenn die Leute hier nur alles lernen und dann im nächsten Jahr zu Hause mit Familie und Freunden feiern«, wünscht sich Nossen. Der 78‐Jährige ist in Breslau aufgewachsen. »Wir haben damals den Seder zu Hause gemacht«, erinnert er sich. Die erforderlichen Zutaten zu besorgen, sei kein Pro‐ blem gewesen. Es gab viele jüdische Geschäfte, wie das der Familie Nossen, die eine koschere Fleischerei betrieb.
Während der Nazizeit gab es für den kleinen Wolfgang keine relgiösen Feiern. Erst 1949 gab es wieder einen Seder, in Israel, wohin Nossen ausgewandert war. »Die Feier fand in einem Kibbuz statt und war völlig unreligiös, dazu kam, dass mein Hebräisch noch nicht so gut war. Die vorgeschriebenen vier Gläser Wein haben wir alle mit großer Begeisterung getrunken.«
Früher habe man grundsätzlich immer mit der Familie und Freunden gefeiert, sagt Pariz Namdar, ein iranische Kaufmann in Hamburg. Nun aber haben er und seine Frau sich zum Sederabend in der Hamburger Gemeinde angemeldet. Früher, so berichtet er, wohnten in der Hansestadt ungefähr 200 iranische Juden. Nun seien es höchstens noch 30, erzählt der 76‐Jährige. Seine Kindheit verbrachte Namdar im damaligen Persien, »wir wohnten in Meschhed, einer muslimischen Stadt im heutigen Ostiran. Den Seder‐ abend feierten wir mit mehreren jüdischen Familien gemeinsam, die meisten waren Verwandte. Wir Kinder haben ge‐ sungen und getanzt. Das war einfach wunderschön.«
Ein Familienseder wird auch Oleg Tatarkowski in diesem Jahr erleben. »Meine Mutter hat zum ersten Mal vorgeschlagen, dass wir den zweiten Abend ja zu Hause feiern könnten«, sagt der angehende Mediziner aus Mülheim an der Ruhr. Den ersten Abend werde er in der Duisburger Gemeinde feiern, »wie jedes Jahr, da sind dann auch alle Madrichim, und das ist immer sehr schön. Der 24‐Jährige leitet eine Jugend‐ und eine Judogruppe in der Gemeinde.
In der ehemaligen Sowjetunion hatte man die jüdischen Traditionen nicht gelebt. »Ein Jude zu sein war wie ein Stigma«, erklärt Oleg Tatarkowski, »meine Großeltern und die Urgroßeltern haben sich zwar noch getroffen und miteinandern gefeiert, aber im Geheimen.« Seinen allerersten Sederabend erlebte Tatarkowski erst in Deutschland, wohin er 1995 mit seinen Eltern kam. »Ich war noch klein und fand das alles zwar sehr langatmig, aber auch sehr aufregend, immer etwas anderes und das in einer festen Ordnung zu tun, war spannend.« Denn das Thema Seder war zwar in der Religionsschule durchgesprochen worden, »aber es ist doch etwas anderes, es dann auch wirklich zu erleben«. Und so bedauert Tatarkowski auch sehr, nie richtig den Pessachabend mit den Großeltern gefeiert zu haben. »Sie waren zwar mit uns nach Deutschland ausgewandert, aber alle vier innerhalb eines Jahres gestorben.«
Den Düsseldorfer Schokoladenseder findet Jugendleiter Tatarkowski eine tolle Idee, »denn es ist schon sehr schwierig, Kinder zum Judentum zu erziehen. Sie assimilieren hier nämlich so leicht, und wissen oft mehr über die christlichen Feiertage wie Ostern oder Weihnachten als über die jüdischen. Was ja kein Wunder ist, denn Deutschland ist nun einmal christlich geprägt und entsprechend sind diese Feiertage dann auch große Themen in den Medien.«

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