hochschule

Schmelztiegel

Ein Teil des City College von New York befindet sich in einem jener hässlichgrauen Kästen, wie man sie in Deutschland in den 60er‐Jahren baute. Außerdem liegt es am oberen Ende von Harlem, Ecke Amsterdam Avenue und 138. Straße. Nein, man würde nicht erwarten, dass es sich bei diesem Bau um eine gute Adresse handelt. Es ist aber trotzdem eine: »Wunderbare Dinge passieren hier«, sagt Roy Mittleman, der in einem kleinen feinen Büro im fünften Stock residiert. Asiatische Masken, ein gerahmtes Stück Tora mit dem »Schma Jisrael« hängen an der Wand. Auf Regalen stehen Judaica und Bücher von Elie Wiesel herum. Mittleman ist ein schön unprofessoraler Professor, der seine Doktorarbeit über die Geschichte der marokkanischen Juden geschrieben hat: ein schmaler, bärtiger Mann mit freundlichen Augen. Er leitet die Fakultät für jüdische Studien in diesem Betonklotz. Das ist noch nichts Be‐ sonderes. Aber nun das Verrückte, das Seltsame: Die meisten Studenten hier sind gar keine Juden.

vielfalt Die Gegend, in der das City College liegt, war mal ziemlich jüdisch – das ist lange her. Heute sieht man vor allem hispanische und schwarze Gesichter, wenn man durch die Straßen geht. Und viele Studenten des College stammen aus Mili‐eus, in denen heiße Ressentiments gegen Juden schwelen. Was bedeutet das für junge Leute, die sich hier ausgerechnet für Judaistik einschreiben? Bekommen sie Probleme mit ihrem Umfeld, mit ihren Freunden? Roy Mittleman antwortet nicht auf diese Frage. Stattdessen ruft er zur offenen Bürotür hinaus: »Mariam!« Im Vorzimmer sitzt ein muslimisches Mädchen, das dem Besucher schon beim Eintreten aufgefallen war: mit Kopftuch, bitte sehr! Das Mädchen hatte kurz aufgeblickt, scheu gelächelt und sich wieder über einen Laptop gebeugt. »Mariam«, fragt Mittleman sie nun, da sie zur Tür hineinkommt, »wie hat deine Familie reagiert, als sie erfuhr, dass du Judaistik studierst?«
»Hmmm«, antwortet Mariam. »Also, als ich es meiner Schwester am Telefon sagte, fragte sie zurück: Was soll das denn? Sie meinte, unsere Eltern sollten besser nichts davon erfahren. Meine Mutter reagierte aber spontan mit: Das finde ich prima! Und mein Vater fragte mich nur: Wirst du auch das Leiden von Palästina nicht vergessen? Nein, werde ich nicht, habe ich gesagt.«
Roy Mittleman wirft ein: »Mariam wohnt sozusagen hier an der Fakultät, Judaistik ist ihr Hauptfach.« Was mag sie zu dieser Wahl bewogen haben? Mariam antwortet sehr ernsthaft: »Ich wollte etwas über eine andere Kultur lernen. Außerdem hilft mir die Beschäftigung mit dem Judentum, meine eigene Religion besser zu verstehen.« Und nun richtet Roy Mittleman eine Frage an die junge Muslimin, die für europäische Ohren schier unglaublich klingt: »Hast du dich schon für den Hebräischkurs angemeldet?«

treffpunkt Später erzählt der Mann mit den freundlichen Augen: »Wir haben hier einen Mittagstisch eingerichtet, der halal ist – also koscher nach den islamischen Speisegesetzen. Dort treffen sich regelmäßig muslimische Studenten und die paar verstreuten Juden, die es hier auch gibt. Beim ersten Mal wollten die Jungs sofort und ausschließlich über den Nahen Osten, über Weltpolitik diskutieren. Das führte natürlich zu Konflikten. Die Mädchen fanden aber lebenspraktische Fragen viel wichtiger, zum Beispiel: Wie findet ihr einen jüdischen, einen muslimischen Freund? Mittlerweile treffen sich nur noch die Mädchen. Die Verständigung klappt ausgezeichnet.«
Tausend Jungen und Mädchen haben sich am City College für Judaistik eingeschrieben: »Jewish Studies« ist dort tatsächlich das populärste Fach. Freunde schleppen ihre Freunde mit, nach dem Motto: Das musst du einfach gehört haben. Die Studenten kommen aus jeder Volksgruppe, die man sich nur vorstellen kann – im Laufe des Vormittags schneien zu Roy Mittlemans ewig offener Bürotür eine Albanerin, ein Ägypter und eine christliche Pakistanerin herein.

botschafter Es ist Professor Mittleman ein Herzensanliegen, seine Studenten über den Völkermord an den Juden aufzuklären. »Im Seminar über den Holocaust sage ich gleich zu Anfang: Dies ist der einzige Kurs, in dem ich benotet werden will«, sagt er. »Wenn dieses Seminar nicht euer Leben verändert, wenn es euch nicht bis ins Tiefste erschüttert, dann habe ich eine Sechs verdient.« Auf seinem Computer zeigt Mittleman dann Bruchstücke eines eindrucksvollen Films, den er zusammen mit seinen Studenten gedreht hat. Er handelt von einer Überlebenden aus Harlem, die als Kind von einer polnischen Familie versteckt wurde. Eine Handvoll Studenten hat sie zurück nach Lublin be‐ gleitet, und dort ist sie dann zum ersten Mal nach dem Krieg jener Familie wiederbegegnet, die sie damals gerettet hat. Der Film zeigt auch Aufnahmen aus dem KZ Majdanek, das die Gruppe gemeinsam besucht hat. Einem schwarzen Mädchen kriecht eine Träne über die Wange, als es in den Schlund eines Verbrennungsofens schaut.
Seit 2002 gibt es diesen Studiengang nun schon. Ohne die Begeisterung von Roy Mittleman wäre die kleine Fakultät nie und nimmer entstanden, und diese Leidenschaft verlangt er auch seinen Studenten ab. Wer sich hier einschreibt, der soll es bitte aus Interesse für das Fach tun. »Aber meistens hilft dieses Studium später in einem ganz praktischen Sinn weiter«, erzählt Mittleman. »Sagen wir, Juan Hernandez aus Honduras bewirbt sich irgendwann um einen Platz an der Universität, und beim Vorstellungsgespräch stellt sich heraus, dass Juan hier bei uns war – dann fällt das schon mal auf. Es ist auf jeden Fall ein Gesprächsthema. Also hat er einen Fuß in der Tür.«
Der wichtigste Nebeneffekt dieser kleinen Fakultät: Sie verwandelt die Studenten in Botschafter, die in ihren Herkunftsmilieus dem Antisemitismus entgegenwir‐ ken. Wer hier Seminare besucht hat, der kann hinterher berichten, dass Juden nicht dem Bild entsprechen, das sich das Ressentiment von ihnen gezeichnet hat. Würde so etwas auch in Europa funktionieren? Roy Mittleman fragt eine französische Studentin, die gerade ihren Kopf zum Türrahmen hereinsteckt: »Was meinst du dazu?«
Stellen wir uns also vor, dieses College stünde in einer der tristen Banlieues von Paris oder Marseilles; und stellen wir uns ferner vor, die Mehrheit der Studenten wären muslimische Einwanderer aus dem Maghreb. »Ich weiß nicht«, sagt die junge Französin nach langem Schweigen. Sie lächelt hilflos und verlegen. In ihren Augen sieht man: Es würde auf gar keinen Fall funktionieren.

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