Otto Wolff

Schlecht versichert

von René Martens

Die Straße, in der heute die »Dr. Otto Wolff Vermittlungsgesellschaft für Versicherungen« in Hamburg sitzt, heißt Himmelstraße. Gründerzeitbauten prägen das Bild, dazu ein paar Neubauten. Wer hier eine Eigentumswohnung kaufen will, muss für 100 Quadratmeter mehr als 400.000 Euro hinlegen.
Himmelstraße, ausgerechnet. Man kann davon ausgehen, dass dem Namensgeber und Firmengründer diese Pointe der Geschichte gefallen würde. Aber himmlisch war an diesem Menschen nichts: Der 1991 verstorbene Wolff war einer der ranghöchsten Schreibtischtäter der Hamburger NSDAP. Er spielte eine zentrale Rolle bei der »Entjudung der Wirtschaft« und der Organisation der Zwangsarbeit. Der FDP-Politiker Hans-Harder Biermann-Rathjen, insgesamt dreizehneinhalb Jahre Kultursenator in Hamburg, bezeichnete ihn 1951 als »schlimmsten und brutalsten Schergen des absoluten Antisemitismus in der Wirtschaft«.
Anfang 1959 war dem Nachrichtenmagazin »Der Spiegel« die Firma, die damals noch Dr. Otto Wolff Versicherungen hieß und bereits 1955 ins Handelsregister eingetragen worden war, fünf Zeilen in der Rubrik »Berufliches« wert. Anlass der Meldung war die Teilhaberschaft eines gewissen Karl Kaufmann. Ein teuflisches Duo, das da fortan Versicherungen vermitteln wollte: Kaufmann, seit 1922 in der NSDAP (Mitgliedsnummer 95), dann Hamburgs Gauleiter und Freund Wolff (nicht verwandt mit dem 2007 verstorbenen Unternehmer Otto Wolff von Amerongen), einer seiner wichtigsten Mitarbeiter.
Wie konnte es passieren, dass der bräunliche Firmenname Bestand hatte, hier, in einer ruhigen, hübschen Straße im begehrten Wohnviertel Winterhude? Das Unternehmen gehört seit 1976 zur Götte-Gruppe, die ihren Hauptsitz in Köln hat und in Hamburg eine Zweigstelle besitzt. Zum Zeitpunkt der Übernahme seien ihr nur »die für die den Kauf der Firma relevanten Daten seit ihrer Gründung im Jahre 1955« bekannt gewesen, aber nicht Wolffs Vergangenheit, sagt Marcus Götte, der heutige Chef der Hamburger Niederlassung.
Dass die Götte-Gruppe lange nicht Bescheid wusste über die quasi nach der Nazi-Zeit beginnende Nazi-Vergangenheit einer ihrer Firmen, wirkt glaubhaft. Viele Details über Wolffs Wirken in der NS-Zeit sind erst seit 1997 bekannt, seit der Veröffentlichung von Frank Bajohrs Buch »Arisierung« in Hamburg. Die Verdrängung der jüdischen Unternehmer 1933-1945.
Vor der Übernahme durch Götte gehörte das von den beiden Ex-Obernazis formierte Unternehmen zum Imperium des in Ahrensburg bei Hamburg residierenden Baulöwen Robert Koppe, das 1975 zusammenbrach. Koppe umgab sich gern mit ehemals Mächtigen. In der Endphase der Unternehmensgruppe wirkte als Generalbevollmächtigter Ewald Bucher (FDP, später CDU), der von 1962 bis 1965 Bundesjustizminister gewesen war. Einen zweifelhaften Bekanntheitsgrad erlangte Bucher, weil er von diesem Posten zurücktrat, nachdem gegen seinen Willen die Verlängerung der Verjährungsfrist für NS-Morde verabschiedet worden war.
Das Geschäftsmodell für die Versicherungsagentur bestand darin, dass Kaufverträge für Reihenhäuser, die Koppe gebaut hatte, eine zehnjährige Vereinbarung beinhalteten, die den Eigentümer mit einem Versicherungspaket (Gebäudeversicherung und anderes) an Wolff band. Für Götte seien diese Verträge eine gute Ergänzung zum Hauptgeschäft gewesen, sagt Horst Röstel, der frühere Hamburger Niederlassungsleiter, der Ende der 50er-Jahre in der Versicherungsabteilung der Israelischen Mission in Köln, dem Vorläufer der Israelischen Botschaft, tätig gewesen war.
Erst einige Monate nach dem Verkauf bekamen Göttes Leute eine vage Vorstellung davon, wer die langjährigen Protagonisten des übernommenen Unternehmens gewesen waren. »Ein Versicherungsunternehmen, das mit den Vorbesitzern zusammengearbeitet hatte und nun unser Partner war, brachte zu einem Gespräch Zei- tungsausschnitte aus den 40er- und 50er- Jahren mit. In denen ging es um Karl Kaufmann«, sagt Röstel. Von Wolff sei darin nicht die Rede gewesen, und der Ex-Gauleiter sei in den Texten in einem positiven Licht erschienen – das Ergebnis der von Kaufmann forcierten Legende, dass ausgerechnet er, der in Hamburg-Fuhlsbüttel ein KZ errichtet und die Deportation der Hamburger Juden vorangetrieben hatte, in den letzten Wochen des Kriegs zum Widerstandskämpfer geworden sei.
Die Legende hielt lange, obwohl Kaufmann bereits im britischen Internierungslager wieder eine klandestine Nazibande formierte und Anfang der 50er-Jahre Teil des Naumann-Kreises war, einer nationalsozialistischen Verschwörertruppe, die damals die FDP zu unterwandern suchte.
Hat die Firma Götte nach der Lektüre der Zeitungsartikel versucht, mehr herauszufinden? Nein, sagt Horst Röstel. Zumindest im Groben ist die Götte-Gruppe seit Januar 2008 über Otto Wolffs Vergangenheit informiert – die Folge von Recherchen für einen Buchbeitrag. Es sei jetzt »höchste Zeit«, dass die Inhaber mit einer Umbenennung »die einzig mögliche Konsequenz ziehen«, sagt Cornelia Kerth, Bundessprecherin der VVN-BDA (Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten). Auch Friederike Littmann, die sich als Autorin des Buchs Ausländische Zwangsarbeiter in der Hamburger Kriegswirtschaft 1939-1945 intensiv mit Wolffs Verbrechen beschäftigt hat, hält dies für erforderlich. Geschäftsführer Marcus Götte sagt, die Umbenennung sei geplant –allerdings mittelfristig, denn der Vorgang sei aus verschiedenen rechtlichen Gründen zeitaufwendig.
Der bestialische Akademiker Wolff, der laut einer von Bajohr referierten Zeugenaussage zwischen Juden und »jüdischen Mischlingen« anhand der Form ihrer Ohren unterscheiden zu können glaubte, begann seine Karriere 1936 als Hauptsachbearbeiter des Gauwirtschaftsberaters. Ab 1940 füllte er diesen Posten selbst aus. Nachdem Wolff als Hauptsachbearbeiter bereits »zahlreiche ‚Arisierungen’« in der Hansestadt »federführend betreut« hatte, etwa die des bedeutenden Bankhauses M.M. Warburg, beschäftigte er sich »im Kriege unter anderem mit der Liquidierung jüdischen Besitzes in ganz Europa, den er auf verschiedenen Wegen nach Hamburg transferieren ließ«, schreibt Historiker Bajohr. Außerdem saß Wolff (SS-Standartenführer) seit 1943 der Rüstungskommision des vier Gaue umfassenden Wehrkreises vor, erarbeitete sich somit als Multifunktionär »eine führende Rolle in der Hamburger Kriegswirtschaft«.
In der Nachkriegszeit gehörten Wolff und Kaufmann zu jener Gruppe von Ex-Mitgliedern der NS-Elite, die in Politik und Verwaltung zwar keine Chance hatten, sich aber in der bundesrepublikanischen Geschäftswelt einen erheblichen Wohl- stand erarbeiten konnten. Einerseits war das »ein allen Vorstellungen von politischer Moral grundlegend widersprechender Skandal«, wie der NS-Forscher Ulrich Herbert 1997 in der »Zeit« schrieb. Doch »auf der anderen Seite war der geduckte Opportunismus, der mit der allmählichen Reintegration der NS-Eliten in die Bürgerlichkeit verbunden war, auch Ausdruck und Voraussetzung für die politische Neutralisierung dieser Gruppe«. Wären Personen wie Wolff oder Kaufmann der »Dauererwerbslosigkeit« ausgesetzt gewesen und somit an den gesellschaftlichen Rand gedrängt worden, hätte dies das »Protestpotenzial« im rechtsextremistischen Milieu fördern können, vermutet Bajohr.
Ungewöhnlich ist letztlich nicht die wirtschaftliche Betätigung der beiden Hamburger Obernazis, sondern die Tatsache, dass ihre Firma nach einem derartig hochrangigen Entscheider, wie Wolff es in Hamburg war, benannt wurde. Es gäbe, sagt Frank Bajohr, keinen vergleichbar hochrangigen NS-Funktionsträger und SS-Mann, der es riskiert hat, seiner Firma seinen eigenen, höchst verfänglichen Na-
men aufzudrücken. Der Historiker vermutet, hier sei Wolffs Eitelkeit ausschlaggebend gewesen. Waren unter den frühen Kunden alte braune Kameraden? Ge-schäftsführer Marcus Götte sagt, es gäbe keine Akten mehr aus dieser Zeit. Die seien aus Platzgründen längst entsorgt worden. Kein ungewöhnlicher Vorgang, weil für viele Unterlagen nach zehn Jahren die Aufbewahrungspflicht abläuft.
Die frühe Geschichte der Dr. Otto Wolff Vermittlungsgesellschaft für Versicherungen wäre wohl längst vergessen, wenn der einstige Firmeninhaber nicht nebenbei noch als Fußballer aktiv gewesen wäre. Wolff spielte von 1925 bis 1935 und aushilfsweise noch einmal 1939/40 in der ersten Mannschaft des FC St. Pauli, einem damals nicht sonderlich bedeutenden Verein. Seine Position: Rechtsaußen. Als Bajohr 1997 über den ehemaligen Vereinspräsidenten Wilhelm Koch forschte, nach dem zeitweilig das Stadion benannt war, entde-ckte er, dass Wolff in einem Jubiläumsbuch aus dem Jahre 1960 als Träger der »Goldenen Ehrennadel« verzeichnet ist.
Der Klub hat anlässlich seines 2010 bevorstehenden hundertjährigen Jubiläums mittlerweile eine wissenschaftliche Arbeit zur Rolle des Vereins im Nationalsozialismus in Auftrag gegeben. Es wird dort auch um Otto Wolff und seinen guten Ruf gehen, den er offensichtlich in der Nachkriegszeit im Verein genoss. Dies war auch noch zu einem Zeitpunkt der Fall, als sich die Fanszene des Vereins mit zahlreichen, für Fußballanhänger ungewöhnlichen, Aktionen schon ein antifaschistisches Image erarbeitet hatte. Der Wolff-Nachruf, der Anfang 1992 in der Vereinszeitung erschien, ist für St. Pauli aber nicht schmeichelhaft: »Während des Krieges hat unser Senior in exponierter Stellung für unser Land, für unsere braun/weißen Farben segensreich gewirkt.«

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