Paris

Schlag auf Schlag

von Tilman Vogt

Gerade war Gilles Bernheim zum neuen Oberrabbiner Frankreichs gewählt worden, da wurde er von der wohl traurigsten Aufgabe in die Pflicht genommen, die sein Amt beinhaltet. Kaum eine Radiostation wollte auf seinen Kommentar verzichten, denn wieder ist in Frankreich ein jüdischer Jugendlicher Opfer eines Gewaltverbrechens geworden.
Es war am Samstagabend gegen 19.30 Uhr. Der 17‐jährige Rudy ging die Rue Petit im 19. Pariser Arrondissement entlang, unterwegs zur Beth‐Haya‐Mouchka‐Synagoge der Chabad‐Gemeinde. Obwohl an diesem Abend das parisweite Straßenfest „Fête de la Musique“ stattfand, war die Straße nur wenig belebt, als er auf eine etwa zehn Mann starke Gruppe Jugendlicher mehrheitlich maghrebinischer und schwarzafrikanischer Abstammung stieß. Die jungen Männer griffen Rudy ohne Vorwarnung an und prügelten und traten ohne ersichtlichen Grund auf ihn ein. Die Brutalität noch steigernd wurde auch eine Eisenstange zum Einsatz gebracht. Zehn lange Minuten traktierten sie den am Boden liegenden jungen Mann. Als sie schließlich von ihm abließen und sich davonmachten, war Rudy ins Koma gefallen und blieb mit Schädelfraktur und zahlreichen gebrochenen Rippen auf der Straße liegen. Nachdem er einen Tag mit dem Tod gerungen hatte, erwachte er am Montagnachmittag aus dem Koma.
Dass der Gewaltexzess einen antisemitischen Hintergrund hat, gilt mittlerweile als fast sicher: Rudy war durch seine Kippa als Jude zu erkennen und trug – es war Schabbat – weder Geld noch sein Mobiltelefon bei sich; ein Raubüberfall scheint also ausgeschlossen.
Der Beinahe‐Totschlag, der in seiner Brutalität nur allzu sehr an den Foltermord an dem französischen Juden Ilan Halimi im Jahre 2006 erinnert, spielte sich in einem Randbezirk des Pariser Zentrums ab. Das 19. Arrondissement gehört zu den ärmsten Vierteln der Innenstadt und geht architektonisch wie sozial in die Armutsgebiete der angrenzenden Banlieue über. Auch hier sieht man funktionale Wohnblocks und auch hier leben viele ärmere Menschen vornehmlich migrantischen Hintergrunds, doch ist die Gegend noch nicht mit den abgehalfterten Trabantenstädten vor den Toren von Paris vergleichbar.
Da die Gegend in den vergangenen zehn Jahren Zielort vieler Juden aus den Banlieues war, findet sich hier auch die größte Dichte jüdischen Lebens in ganz Paris: Mehr als 150 jüdische Institutionen gibt es in diesem Stadtteil, eine davon ist das gewaltige Schul‐ und Freizeitzentrum der Lubawitsch‐Gemeinde, in das auch Rudys Synagoge eingegliedert ist. In unmittelbarer Nachbarschaft finden sich Moscheen und arabische Metzgereien. Der hohe jüdische Bevölkerungsanteil und die starke soziale sowie ethnische Durchmischung des Quartiers sind wohl die Hauptgründe, dass der 19. Bezirk im vergangenen Jahr die höchste Zahl antisemitischer Akte zu verzeichnen hatte. „Auch wenn die antijüdischen Zwischenfälle in Frankreich seit 2007 wieder fallen, bleibt der 19. Bezirk ein schwarzer Punkt“, sagt Ariel Goldmann, Vize‐Präsident der jüdischen Dachorganisation CRIF.
Spätestens seit dem Überfall auf Rudy befindet sich die jüdische Bevölkerung von Paris in großer Unruhe. „Seit 2000 leben wir in einem Klima antisemitischer Alltagsgewalt“, sagt Marc Knobel, wissenschaftlicher Mitarbeiter beim CRIF und dem Simon‐Wiesenthal‐Zentrum. Zudem habe es in den vergangenen Wochen in dem Viertel verstärkt Provokationen zwischen Gruppen von Jugendlichen gegeben, die sich nach Religion oder Ethnie organisieren.
Prinzipiell ist zu beobachten, dass in Frankreich das Phänomen des Kommunitarismus eine immer größere Rolle spielt. Dieses Besinnen auf die kulturellen Wurzeln in Zeiten sozialer Krise betrachten manche als Bereicherung der Gesellschaft. Doch in Gebieten wie dem 19. Arrondissement wird die Kehrseite einer solchen Entwicklung bemerkbar. „Es ist ein wenig wie bei West Side Story, wo es um den Kampf um Territorien geht“, so Knobel. Auch wenn Pöbeleien und Raufereien nicht mit dem jüngsten Gewaltverbrechen an dem 17‐Jährigen vergleichbar sind, vollzieht sich ein gegenseitiger Schlagabtausch, in dem auch jüdische Jugendliche sich nichts gefallen lassen. So ist auch Rudy selbst schon einmal in einer Gruppe wegen Mitführens von Waffen von der Polizei verhaftet worden.
Die Ermittler spekulieren, ob der Überfall eine Vorgeschichte hatte und es sich womöglich um eine grausame Racheaktion handeln könnte: Denn es war am Samstagmittag zu einer Schlägerei zwischen jüdischen und schwarzen Jugendlichen gekommen, und einige Stunden später wurde ein anderer 20‐jähriger Jude von einer Gruppe angegriffen und am Arm verletzt. Ob die Attacke auf Rudy auch in diese Reihe gehört, versucht nun die Polizei zu klären. Mittlerweile befinden sich fünf Jugendliche maghrebinischer Abstammung in Gewahrsam, auch wenn sie eher als Zeugen, denn als Täter in Betracht kommen.
Die kommunitaristische Entwicklung führt zu einem gefährlichen Amalgam aus kriminellen, ethnischen, religiösen und sozialen Konfrontationen und Motivationen. Was früher einfaches Rowdytum oder auch Klauerei durch benachteiligte Jugendliche war, wird nun mit religiösen Attributen kodiert und durch einen ganzen Apparat identitärer Ressentiments aufgeladen – eine Entwicklung, an deren Ende der brutale Antisemitismus steht. Als Juden angegriffen, organisieren sich jüdische Jugendliche – ebenfalls in Abgrenzung zu anderen – in Banden, um sich selbst zu verteidigen.
Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy unterstützt derweil kommunitaristische Politikansätze, indem er in den Banlieues staatlich finanzierte Sozialarbeiter durch Mediatoren aus den muslimischen Gemeinden ersetzen will. Zur Zeit des Überfalls war er zu Besuch in Israel, wo er „tiefe Betroffenheit“ über die Tat äußerte. Das Bild Frankreichs in Israel hat durch die antisemitische Gewaltwelle im Jahre 2000 so schwer gelitten, dass der frühere israelische Premier Ariel Scharon seinerzeit die französischen Juden zur Emigration nach Israel aufrief.
Gilles Bernheim hingegen will versuchen, das Judentum in Frankreich zu stärken. Bekannt für seine guten Kontakte zu anderen Religionen, gelingt es ihm vielleicht auch, den französischen Universalismus zu reaktivieren und die Spaltung in feindliche Communities zu verringern.

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