Gedichtband

Schiffbrüchig in Havanna

von Anastasia Telaak

„Letztendlich bin ich niemand: Sohn des Schneiders.“ So beschreibt sich José Kozer in einem seiner Gedichte. 1940 als Kind osteuropäisch‐jüdischer Emigranten in Havanna geboren, übersiedelte er 1960, kurz nach der kubanischen Revolution, in die USA. Migration und Exil, das Leben in verschiedenen Kulturen, haben seine Lyrik inspiriert. Der Zürcher teamart Verlag legt daraus eine zweisprachige Auswahl Trazas. Spuren vor, übersetzt von Susanne Lange.
Mal meditativ, mal ironisch, dann wieder bestürzt oder angriffslustig umkreist Kozer Verlust und Vergänglichkeit. Sein überwiegend assoziativer Stil, sein mäandernder Duktus samt den kühnen Enjambements erschaffen dabei eine Musikalität, die sich auch vom reichen Vokalis‐ mus des Spanischen nährt. Die rhythmisierten Wortketten, die Gegenstände, Stimmungen, Begebenheiten bald ineinander spiegeln, bald miteinander kontrastieren, eröffnen dabei eine Vieldeutigkeit, die noch verstärkt wird durch Vielstimmigkeit. Kozer entwirft einen Kosmos, in dem Ding und Wort, Raum und Zeit scheinbar ungeschieden sind, eine Osmose eingehen, wie in dem Poem „Ort (1)“:
Mich weckte das Laubwerk, nachdem der Wind vorbeigeweht war,/die Spatzen gezetert hatten, die Tanne war über Nacht/ gewachsen, die Tanne erreicht an diesem Morgen ihre/höchste Höhe, es wurde still, ich hatte Hunger.//Ich habe Hunger und öffne ein Buch, es wogt mir entgegen, ich brin‐/ge es zum Schweigen (so geht es nicht) jetzt streife ich die/Buchstaben, sammle mich, lasse das Licht seitlich von den/großen Gartenfenstern einfallen, lese langsam, lese sehr lang‐/sam der Schwärze die Rhomben ab, dann ein Blitz.//In der Tanne sehe ich Lichtteilchen, vielleicht bin ich ein lyrischer/Dichter, vielleicht …
José Kozer erweist sich hier als würdiger Erbe der lyrischen Moderne, der französischen Symbolisten ebenso wie der Nordamerikaner Whitman, Pound und Eliot. Hinzu kommen Einflüsse des lateinamerikanischen Surrealismus, des eigenwilligen Kubaners José Lezama Lima, mitunter des lakonischen Brecht. Auch die in die Postmoderne weisende Intertextualität sowie die Mischung von hohem Ton, Alltagssprache und Vulgärausdrücken aus verschiedenen Sprachgemeinschaften Lateinamerikas kennzeichnen Kozers Texte. Nicht zu vergessen jenes stilisierte Begehren, dessen Objekt die Sprache ist: „Das Wort; andres esse ich nicht.“
Geprägt sind Kozers ungewöhnliche Sprachbilder auch durch seine biografische Synthese von Jüdischem und Kubanischem. Das osteuropäische Judentum ist die zunächst augenfälligste Spur, die Kozers von verschiedenen Kulturen inspirierte Lyrik zeigt. So gewinnt neben dem Künstler‐Vater, der an anderer Stelle zum unglücklichen „Schiffbrüchigen“ im spanisch‐jiddischen Sprachgemenge wird, auch die Mutterfigur als beherzte Einwanderin und leidenschaftliche Vermittlerin von Überlieferungstreue poetische Dichte und Wirklichkeit. „Ein glücklicher Tag“ lautet der Titel des letzten Gedichts. Und glücklich muss zweifellos sein, wer die Fäden, die Kozer ihm reicht, lesend wieder‐ und weiterspinnt. Zu verdanken ist dies nicht zuletzt Susanne Lange. Ungeachtet mancher Schwächen im Vorwort und gelegentlicher Unschärfen bei der Auslegung einzelner Verse, ist der mehrfach mit Übersetzerpreisen bedachten Philologin die Übertragung Kozers ins Deutsche vorzüglich gelungen.

josé kozer: trazas. spuren
Ausgewählt, eingeführt und aus dem Spanischen übersetzt von Susanne Lange teamart, Zürich 2007, 160 S., 18,50 €

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